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Masta Ace & Marco Polo (Karlstorbahnhof Heidelberg)

Mit einer Regelmäßigkeit, nach der man schon die Uhr stellen kann, tourt Masta Ace durch Deutschland. Verstärkt wird die New Yorker HipHop-Legende dabei meistens durch Mitstreiter seiner Crew eMC, zuletzt begleitete ihn sein Partner-in-Rhyme Edo G. 2012 kam der Masta zum ersten mal nach Heidelberg in den Karlstorbahnhof.

„I don’t do White Music, I don’t do Black Music. I make Rap Music, for HipHop-Kids“, lautet eines der Statements von Masta Ace. Vielleicht liefert das auch gleich die Erklärung, warum sich an einem Wochentag ein bunt durchgemischtes Publikum in Scharen in den Heidelberger Karlstorbahnhof begab, um dem nunmehr 45-jährigen Rapper aus Brownsville, Brooklyn zuzujubeln. Die Beliebtheit von Duval Clear alias Masta Ace scheint zumindest in Europa ungebremst. Den Anfang in der Heidelberger HipHop-Höhle machte eMC Mitglied Wordsworth mit einer knapp halbstündigen Solo-Performance mit vielen Freestyle-Einlagen, ehe der kanadische Beatproduzent Marco Polo mit den pumpenden Bässen von Nostalgia den Klangteppich für Ace ausrollte. Unterstützung am Mic gab es außerdem von einem weiteren eMC- Member: Stricklin. Nach der obligatorischen Vorstellungsrunde nach Oldschool-Manier wurden die Fans mit Unfriendly Game, F.A.Y. und Da Grind  erstmal auf Betriebsklima gebracht. Auftritte von Masta Ace leben stets von der ausgewogenen Mischung aus Oldschool-Tracks und neuem Material, die der erfahrene Rapper aus seinem gigantischen Repertoire schöpft. Crooklyn, das Masta Ace 1994 zusammen mit Buckshot und Special Ed für den gleichnamigen Spike Lee Film aufgenommen hat, zählt längst zu den Klassikern der Rap-Geschichte und sollte an diesem Abend nur ein erster Vorgeschmack auf Oldschool-Banger wie The I.N.C. Ride oder Born to Roll sein.

Nachdem Masta Ace in den letzten Jahren mit eMC und Edo G bereits für ein gemeinsames Album kollaboriert hat, präsentierte er erste Hörproben seines neusten Projekts MA Doom: Son Of Yvonne, einem Jointventure mit Maskenmann MF Doom, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Mit einem kleinen Oldschool-Ratequiz, das gleichzeitg als Tribut an Boogie Down Productions, A Tribe Called Quest und Whodini gedacht war, leitete Marco Polo zum absoluten Höhepunkt über: The Symphony. Auf dem berühmtesten aller Posse Cuts versammelte Marley Marl Ende der 1980er Jahre von Kool G Rap über Big Daddy Kane bis hin zu Masta Ace alle berühmt-berüchtigten Mitglieder der Cold-Chillin-Supergroup namens Juice Crew. Doch auch danach nahm das zweistündige Party-Programm längst keinen Abriss. Mit seinem Feature Beitrag auf RJD2’s Seasons und den üblichen verdächtigen Masta-Ace-Sure-Shots von den Alben Disposable Arts (2001) und A Long Hot Summer (2004) feuerte der New Yorker MC von Acknowledge bis Good ol‘ Love fast alles hitverdächtige aus seinem treffsicheren Vorlader.

Zwischendurch zeichnete sich dann allerdings doch auch ab, dass die Puste mit 45 allmählich nachlässt – der Masta kam ganz schön ins schnaufen. Für Beautiful und eine handvoll eMC Tracks reichte es aber noch, zumal das Publikum ja selbst auch ganz schön ausgepowert wurde. Es ist einfach immer wieder eine Freude, Masta Ace und seine Energie live zu erleben. Auf die Kollabo mit MF Doom darf man gespannt sein und spätestens in zwei Jahren wird sich Ace wohl auf deutschen Bühnen zurückmelden. Die Uhr ist ja bereits danach gestellt.

Marco Polo feat. Masta Ace – Nostalgia

Doom: „Born like this“

bornAlter ungewiss, Skills unbegrenzt und zu beschreiben unmöglich: der Rapper und Produzent MF Doom ist ein Mysterium – alle weiteren Infos über den geheimnisvollen Maskenmann würden den Rahmen dieser Rezension deutlich sprengen. Inspiriert von verstaubten 60er-Jahre-Cartoons der „Fantastic Four“, jeder Menge knisternder Jazz- und Soulscheiben und dem Poeten Charles Bukowski, steht nach fünf Jahren Wartezeit endlich sein drittes Soloalbum im Plattenregal. Obwohl das reimende und beatschraubende Enigma für Born like this den Namenszusatz „MF“ mittlerweile abgelegt hat, setzt Daniel Dumile äußerlich weiterhin auf seine metallene Maske. Schon das kunstvoll gefertigte Klapp-Cover aus dem britischen Hause Lex Records lässt HipHop-Herzen höher schlagen.

Schlagkräftig agiert Doom anschließend verbal auf das Mashup der J Dilla-Beats Dig It und Phantom of the Synths, ehe mit Jake One direkt der nächste MPC-Meister den Klang aufbereitet. Brüsk und ungefiltert demonstriert der Superschurke Doom in meisterlicher Manier, warum er der Untergrund-König der Rapmusik ist. Auch der Sound besticht durch sein genial unsauberes Klima, das von erdigen Samples und eingestreuten Schnipseln aus längst abgesetzten TV-Serien durchzogen ist. Abzug gibt es allerdings für die nicht ganz frisch aufgelegten Beats. Einiges Material hat Doom nämlich in Form seiner als Metal Fingers veröffentlichten Instrumental-Serie Special Herbs bereits verwendet. Das eingängig-treibende UFO von ESG zum wiederholten Male neu aufzubereiten geht auch nicht gerade als innovativ durch. Dennoch gelingt ihm mit tatkräftiger Unterstützung von Raekwon am Ende ein sehr gelungenes Yessir!.

doomFür Absolutely kommt es zu einem gelungenen Aufeinandertreffen mit Madlib, das in einer runden Groove-Session mündet. Lightworks von Dillas Donuts-Album ist dann ein weiteres Stück, das nicht ganz unbekannte Schallwellen auswirft. Kongenial hängt sich Doom bei Cellz an Charles Bukowski dran, der obskurer Weise sein Werk „Dinosoria, We“ zum Besten geben darf. Seiner Vorliebe für melodiöse Streicher-Loops frönt MF auf seinen bestechenden Eigenproduktionen That’s That und Angelz. Bei letzterem hilft außerdem der mit Dooms-Timbre perfekt harmonisierende Ghostface Killah alias Tony Starks mit seinen Reimen aus. Trotz seines düsteren Oldschool-Antriebs unterstreicht Supervillainz die humorvolle Seite von Doom, indem er mit seinen Homies Kurious, Slug und Prince Paul die wahren Schurken des Pop-Raps mit einer gehörigen Portion Auto-Tune persifliert.

Born like this ist trotz seiner nicht immer brennend neuen Beats ein vielschichtiges Gesamtwerk des einzig wahren Maskenmannes, das zum dringenden Rap-Pflichtprogramm in 2009 gehört.

Andreas Margara (25. Juni 2009)

MF DoomDoomsday

Huss & Hodn (Cafe Central Weinheim)

huss Deutscher HipHop lebt! Ein junges Rapper-Team um den engagierten Chef-Reimer Kurt Hustle konnte den bereits seit Jahren für Tod erklärten Patienten überraschend wieder beleben. Eine Intensivbehandlung über fast drei Stunden mit Infusionen aus Hulk Hodns Instrumental-Koffer beschleunigten die Genesung von Deutsch-Rap in Weinheim, nahe dem Geburtsort Heidelberg.

Während die deutsche Nationalelf an diesem Abend einen müden Kick gegen Wales runterspielte, lud das Cafe Central in Weinheim zu einem aktionsreichen Rap-Programm der Sonderklasse. Geladen war das komplette Entourage Business-Label aus Köln mit seinen Künstlern: Sylabil Spill, Stef der Crashtest, Noyland, Aru Akksion und natürlich Kurt Hustle & Hulk Hodn. Dazu reisten die ebenfalls in Cool-Cologne ansässigen O-Flow und Pütz Money mit an, um bereits kurz nach Neun den Abend musikalisch einzuleiten.

Vor der Bühnenkulisse aus Regenschirmen, die abgestimmt zur „Der Stoff aus dem die Regenschirme sind“-Tour aufgespannt wurden, vollbrachte der kleinwüchsige O-Flow Großtaten am Mic. Schon 1998 trat der Freestyle-MC auf dem mittlerweile legendären Deutschrap-Sampler Flowzirkus mit seinem beachtlichen Stück Mach mich locker in Erscheinung und sorgte wenig später zusammen mit Pütz und Gadget in der Konstellation 4 Mille für Furore. Eher unerwartet räumten Pütz Money und O-Flow an diesem Abend auch ihrem alten Partybanger Ja Ja Platz ein. Im Wechsel stellte auch Stef der Crashtest Stücke aus seinem neuen Album Der Anfang vom Anfang und Noy Riches seine Single Drauf geschissen! vor. Ein Geschoss jagte das nächste im Entourage-Cypher, ehe mit dem Underground-Hit Köln Süd bereits das erste Highlight geboten wurde.

Das Entourage-Team erschien heute mit der Unverbrauchtheit des Berliner M.O.R.-Kollektivs aus seinen besten Royal Bunker-Tagen und gleichzeitig in Tradition von Deutschrap-Voreitern wie STF, Stieber Twins und Torch, was die perfekte Live-Mischung ausmachte. Etwas neben sich stand dann allerdings Der Beleidiger Sylabil Spill, dem in seiner hektischen Performance häufiger Lines entglitten. Wie ein Ei oder Warteschild, zusammen mit dem selbsternannten „Retrogott“ Kurt Hustle, entschädigten aber am Ende doch noch.

Das Ruder wurde danach auch gleich vom bestechend souverän agierenden Kurt übernommen, der als logische Konsequenz seiner denkwürdigen Performance einfach zum derzeit besten MC Deutschlands gekürt werden muss. Immer wieder legte er sich nach belieben Raptracks seiner Idole wie Big L oder MF Doom auf und rappte als leidenschaftlicher Rapfan geradewegs die Passagen als Back-up mit ins Mikrofon. Dazu drehte nicht nur die Menge im bis zum Anschlag gefüllten Cafe Central durch, sondern auch Kurts Energietanks schienen sich dadurch immer wieder aufzufüllen.

Der gesamte Abend war von einer magischen Stimmung und Euphorie geprägt, wie sie bei deutschem Live-Rap zuletzt Ende der 1990er Jahre aufkam. Fast alle Texte wurden von dem überwiegend jungen Publikum mitgerappt und ohne Ende abgefeiert. So auch die Hommage von Huss & Hodn an MF Doom, bei der sich Hulk Hodn passend an dem vom Maskenmann für John Robinson produzierten Sorcerers bedient hat. Grüße vom Retrogott an Twit One gingen anschließend für Es muss so sein raus.

Mit MC’s act like they don’t know von KRS-One und Bring Da Ruckus aus dem Hause Wu-Tang war danach wieder Energieaufladen angesagt, ehe Hodn mit dem Inspectah Deck-Verse “Rip it hardcore like porno flick bitches” aus selbigem Stück direkt zum gecutteten Chorus von Pornofilmkäse überleitete. Besonderes Plus des Abends war der ungewohnt klare und saubere Boom-Bap Klang, der dennoch dreckig laut aus den Boxen der Soundanlage dröhnte. Ein Blick auf die Uhr offenbarte dabei zugleich, dass Entourage im gesamten bereits die zwei Stunden Marke geknackt hatten. Nach Jesus und Hurensohnologie und jeder Menge hochkarätiger Freestyles sollte der absolute Kracher aber erst noch Folgen.

stiebersFür die Stieber Twins-Hommage Radiowecker, hatte sich nämlich bereits der vom Auftritt mitgerissene und vollends begeisterte Mr.Mar auf die Bühne geschmuggelt, um sich spontan als Duettpartner und Textekicker anzubieten. Allerspätestens jetzt war das Central am Kochen und die Entourage-Crew sichtlich begeistert und geehrt. Nachdem MagMar zwei bis drei Tracks von Fenster zum Hof zum Besten gegeben hatte, deklarierten beide Generationen auf der Bühne einen gelungenen Abend mit Ausnahmecharakter und Weinheim als „The shit!“ – weiterhin war kein Ende in Sicht.

Weiter ging die Sonderschicht an diesem Mittwoch (!) mit Der Erste, Florida / Miami und Yo Kurt. Zwischenzeitlich ließ Kurt es sich nicht nehmen (den alten) MC Rene abzufeiern, indem er das komplette Spüre diesen Groove abreimte. Als schließlich jedes Huss & Hodn Lied gespielt war und auch Sylabil Spill nochmals Tracks von Negative Energie performte, endete die drei Stunden Entourage-Session mit dem Allstar-Abschluss Der Zug endet hier.

Mit freshen Lyrics und boombastigen Oldschool-Beats zelebrierten Huss & Hodn ein außergewöhnlich gutes Rap-Spektakel in Weinheim. Somit war es kein Wunder, dass am Ende alle Alben am Merchandise-Stand vergriffen waren…

Andreas Margara (3. April 2009)

Huss & Hodn Hurensohnologie/Pornofilmkäse

Retrogott & O-FlowKöln Süd

DJ Babu: „Duck Season Vol.3“

082808_babu_duckseason3Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Bewaffnet mit zwei 1210ern, Mixer und einem Schwarm flinker Wortakrobaten im Rücken, zieht DJ Babu aus, um Fake-MCs und Phony-DJs zu entlarven. Als Kopf der weltbekannten Turntable-Artisten Beat Junkies serviert der Maestro natürlich im Mixtape-Style – sprich die CD läuft aus einem Guss und ganz ohne Pausen durch. Ohnehin setzt Chris Oroc bei seinen Veröffentlichungen stets auf die bewährte Plattendreher-Handwerkskunst, die er wie kaum ein anderer der Vinyl-Zunft beherrscht. Eröffnet wird Duck Season Vol.3 von Babu’s LA-Homeboys Dilated Peoples. Passgenau schneidert Babu jedem reimenden Gast ein vorzügliches Soundfundament auf den Leib. Die aggressiv vorgetragenen Lines der Hardcore-Vertreter M.O.P reichert Babu mit Salsa-Samples an. Little Brother bekommen für ihre smoothen Raps einen besonders funkigen Untersatz gezimmert und auch Guilty Simspon aus Hitsville, USA erweist seiner Detroiter Heimat auf Babu’s bereitgestellter Tonleiter alle Ehre. Besonders hervorzuheben ist The Unexpected, das ein mehr als nur gelungenes Aufeinandertreffen der gestandenen Rap-Größen Sean Price und MF Doom ist. Außerdem knüpft der fingerflinke Filipino-Amerikaner eine vorbildliche East-West Connection mit A.G. aus New York. Für den etwas ungewöhnlichen Titel SBX2LAX2OX sind die Stones Throw-Veteranen Wildchild aus Oxnard (OX) und Percee P aus der South Bronx (SBX) zum Dilated Peoples-DJ nach LAX geflogen, um ihre tiefgründigen Lyrics auf den fiebrig pulsierenden Babu-Beats zu bündeln. Gefüttert ist Duck Season 3 außerdem mit jeder Menge Vocal-Cuts, Scratches und den gewohnten Diskjockey-Raffinessen. Insgesamt eine fettige Bratente für die Vorweihnachtszeit!

Andreas Margara (20. November 2008)