Kategorie: Soul

Daptone Super Soul Revue (Schlachthof Wiesbaden)

Schüttelt die Schwanzfedern, Daptone Records ist auf Klassenfahrt! Neben den beiden prominenten Aushängeschildern Sharon Jones und Charles Bradley präsentierte das Soul-Plattenlabel aus Brooklyn eben mal noch Saun & Starr, The Sugarman 3 und Antibalas im Schlachthof in Wiesbaden.

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Als zu Beginn der Nullerjahre die große Contemporary-R&B-Welle schwappte, war das Daptone Records Label (gegründet 2001) nicht ganz unbeteiligt. Lieferten die hauseigenen Musiker der Dap-Kings doch einerseits das Klangkorsett für Amy Winehouse und boten andererseits eine Plattform für bei Majors ausgemusterte Soul-Senioren wie Sharon Jones.

Zehn Jahre später genießt das von Gabriel Roth und Neal Sugarman initiierte Independent-Label Kultstatus und bringt bis heute von kompromissloser Funkyness durchdrungene Künstler hervor.

Eröffnung mit den „Dapettes“ im neuen Gewand

Zwei davon durften gleich zu Beginn der Daptone Super Soul Revue im gut gefüllten Schlachthof in Wiesbaden ran: Saun & Starr. Die bisher als „Dapettes“ agierenden Background-Sängerinnen von Sharon Jones haben gerade ihre erste 45er Hot Shot veröffentlicht und temperierten die Halle mit ihrem warmen Gesang angenehm für eine außergewöhnliche Soul-Nacht. Und dazu gehört standesgemäß natürlich auch ein originaler Master Of Ceremony. Diesen Part übernahm Binky Griptite, die Stimme der Dap-Kings.

Als nächstes begab sich Daptone-Labelboss Neal Sugarman persönlich zwischen die Tonleitern und sorgte mit seinem Sugarman 3-Trio für satten Instrumental-Funk. Wer jedoch tatsächlich King in der Manege ist, demonstrierte dann der 65-jährige Charles Bradley, der im roten Zirkusdirektor-Kostüm auf die Bühne stolziert kam.

Charles Bradley, King in der Manege

Begleitet von seiner Band The Extraordinaires legte der Altmeister direkt mit „Love Bug Blues“ los und ließ die Hüfte schon gekonnt kreisen. Bradleys Titel erzählen seine persönliche Lebensgeschichte, die von vielen Rückschlägen und leidvollen Erfahrungen geprägt ist. Die Gesangsintensität seiner vor Soul triefenden Stimme ist ein Statement purer Leidenschaft und Authentizität.

„Crying in the Chapel“, „You put the Flame on it“, „Lovin’ you Baby“ und sein größter Hit „The World (Is going up in Flames)“ unterstrichen, weshalb Bradley eine ausgewogene Melange aus Al Green und James Brown für Zuspätgeborene ist. Den Schlusspunkt seiner knapp 45-minütigen Performance setzte Charles Bradley mit der rustikal vorgetragenen Uptempo-Nummer „Confusion“.

Sharon Jones zwischen Afrobeat und großem Finale

Perkussive Grooves in Tradition von Afrobeat-Vater Fela Kuti lieferte danach die Antibalas-Truppe um Frontmann Abraham Amayo aus Brooklyn. Jazzartig improvisierte Funk-Nummern mit westafrikanischem Highlife-Einschlag, sorgten für ein kurzzeitiges Rhythmus-Inferno, das Amayo mit unverständlichem Yoruba-Gesang abrundete.

Unterstützt von den Dap-Kings, erklomm schließlich die mit lila Pailletten verzierte 58-jährige Soulröhre Sharon Jones zu „Stranger to my Happiness“ die Bühne im Schlachthof. Obwohl sie sich aufgrund einer Krebserkrankung erst kürzlich einer Chemotherapie unterziehen musste, wirkte Jones vital und frisch. Zu den astrein und mit voller Inbrunst vorgetragenen „You’ll be lonely“, „Without a Heart“ und „Long Time, Wrong Time“ gab Mrs. Jones einen ersten Vorgeschmack in puncto Becken-Boogie.

Eine exorbitante Arschwackel-Lektion erteilte sie dann zu „Get Up and Get Out“. Für den Tanz zum ruhigeren „When you love me“, das sie zunächst Bond-esk als „Goldfinger“ antäuschte, besorgte sie sich dann Verstärkung aus dem Publikum. Mit „Retreat“ endete die eindrucksvolle Solo-Darbietung von Sharon Jones und ging über in ein großes Finale, bei der die Daptone Revue in ihrer „Supersize Natural Form“, bestehend aus 24 (!) Live-Musikern antrat, um passenderweise das Sly and the Family Stone Stück „Family Affair“ neu zu interpretieren.

Raphael Saadiq & Lenny Kravitz (SAP Arena Mannheim)

Die Frauen lieben seinen Stoppelbart und seine empfindsame Soulstimme. Die Männer feiern ihn für sein rigoroses Gitarrenspiel und Rock-Hymnen wie „Are You Gonne Go My Way“. Dass Lenny Kravitz dieses Jahr mit „Black and White America“ sein mittlerweile neuntes Album veröffentlicht hat, schien für den Besuch seiner Deutschlandtour eher nebensächlich zu sein. In Mannheim feierten 7000 Zuschauer mit Kravitz eine Rockgala.

Wer sich einen Raphael Saadiq ins Vorprogramm holt, der schreckt nicht davor zurück, dass die Messlatte für die eigene Performance mächtig hoch liegt. Saadiq schnupperte erste Bühnenluft als Bassist bei Prince, startete mit Tony! Toni! Toné! sein eigenes R&B-Trio und feierte später große Erfolge mit der Gruppe Lucy Pearl. Als einer der bedeutenden Produzenten des Neo-Soul gilt der 45-jährige Sänger und Songschreiber als Wegbereiter des Genres. Unterstützt von einer Funk-Band, fülliger Soulsängerin und einem stimmgewaltigen Orgelspieler in blauer Gospelrobe brachte er die SAP-Arena auf Betriebstemperatur. Nach einer guten halben Stunde verabschiedete sich der Mann aus Kalifornien mit Let The Sunshine In und machte den Weg frei für seinen Kumpel Lenny Kravitz.

Mitgebracht hatte Lenny Kravitz neben ein paar wenigen Stücken von seinem neuen Album Black and White America (2011) vor allem ein eindrucksvolles Repertoire großer Hits, die er von 1989 bis zum heutigen Tag angesammelt hat. Gleich zu Beginn dreschte er mit den rockigen Stücken Come On Get It, Always On The Run und dem ersten Highlight American Woman gewaltig in die Saiten seiner Klampfe. Mit der Coverversion von The Guess Who machte er ordentlich Dampf. Spitzbübig erkundigte sich der 47-jährige Rockstar deshalb auf Deutsch nach dem Wohlbefinden seiner Fans: „Alles klar?“. Verziert mit Lederwestchen, verspiegelten Sonnengläsern, Nasenring und dem obligatorischen Fünftagebart, schritt Mr. Kravitz daran das zu tun, weshalb ihm die Frauen reihenweise zu Füßen liegen: Mit It Ain’t Over Till It’s Over gab sich der Rebell handzahm und hauchte seine Zeilen mit sanfter aber authentischer Soulstimme schmiegsam in das Mikro. Pünktlich zu Mr. Cab Driver war der coole Typ aus dem New Yorker Großstadtdschungel wieder zur Stelle, um mit lässigem Unterton Rassismus anzuklagen und Arschtritte gegenüber Intoleranz zu verteilen.

Lenny Kravitz – Are You Gonne Go My Way

Lenny Kravitz ist ein vielseitig begabter Musiker. Nicht immer ist ihm bei seinem Auftritt in Mannheim die undankbare Aufgabe geglückt, Elemente aus Jazz, Funk und Rock in eine sinnvolle Dramaturgie zu bringen. Phasenweise nahm er die Menge mit auf eine atmosphärische Achterbahnfahrt. Positiv formuliert war hingegen für reichlich Abwechslung gesorgt, wenn beispielsweise Saxophon und Trompete das ausgedehnte Intro zu Black And White America gestalteten und in den rockigen Teil überleiteten. Den Treueschwur Stand By My Woman krönte Kravitz, indem er seine Brille für einen kurzen Augenblick abnahm und die Frauen damit restlos hypnotisierte. Auch wenn Kravitz stimmlich und von seinem Gitarrenspiel her durch die Bank überzeugte, ließ er den echten Rampensau-Lenny leider erst bei den schweißtreibenden Rock-Nummern Fly Away und Are You Gonne Go My Way im Finale auf die Mannheimer los.

Als Zugabe präsentierte Lenny Kravitz gemeinsam mit seinem langjährigen Gitarrengefährten Craig Ross die Akustikversionen von Again und I Belong To You. Den Schluss zelebrierte Kravitz förmlich, bei einer auf grob 20 Minuten ausgedehnten Version von Let Love Rule. Um seiner Message Nachdruck zu verleihen, lief er dabei die gesamte Halle ab und bot den Fans somit Gelegenheit auf Tuchfühlung mit ihrem Star zu gehen. Wieder auf die Bühne zurückgekehrt tat er es dann doch noch. Er gab den lechzenden Blicken der Frauen nach und riss sich Tanktop und Lederweste vom Leib. Eine coole Sau, dieser Lenny!

Andreas Margara (5. November 2011)

Nneka (Karlstorbahnhof Heidelberg)

Sechs Jahre ist es her, dass Nneka ihr Debütalbum „Victim of Truth“ über das Hamburger Label Yo Mama veröffentlichte. Mittlerweile zählt die Nigerianerin zu den musikalischen Aushängeschildern Afrikas. Die Souldiva zu mimen liegt ihr jedoch fern. Stattdessen kämpft sie für ihr politisches Anliegen – mal mit erhobenem Zeigefinger, mal mit geballter Faust. Am eindringlichsten jedoch immer noch mit ihrer außergewöhnlichen Soulstimme – wie sie bei ihrem Auftritt auf dem Enjoy Jazz Festival in Heidelberg demonstrierte.

Mit 18 Jahren siedelte Nneka Egbuna von Nigeria aus nach Deutschland, in das Heimatland ihrer Mutter, über. In dieser Zeit hat sie einerseits viele negative Erfahrungen machen müssen, andererseits entwickelte sie dadurch ein politisches Bewusstsein, das fortan zum prägenden Hintergrund ihrer Musik avancierte. Meist sind es die unangenehmen Themen wie Ausbeutung, Rassismus und Intoleranz, die sie in ihren Texten anspricht. Der dazugehörige Sound ist eine quirlige Melange aus Soul, Rap, Reggae und Anleihen des im Afrobeat beheimateten Highlife. Mit Soul Is Heavy (2011) ist gerade Nnekas drittes Album erschienen, und wie der restlos ausverkaufte Karlstorbahnhof in Heidelberg belegte, hat sie damit einmal mehr den Nerv ihrer Zuhörerschaft getroffen.

Mehr als zehn Jahre hat Nneka in Hamburg gelebt, ihr Deutsch soll tadellos sein. Interviews gibt sie – auch deutschen Medien – allerdings nur auf Englisch. Auch an diesem Abend rutscht der kleinen Frau mit der großen Stimme nicht ein einziges deutsches Wort über die Lippen. Auf der Bühne wirkt sie sehr verschlossen und fokussiert. Zu einem Flirt mit dem Publikum kam es deshalb nicht, alle ihre Songs trug sie jedoch mit ungebrochener Leidenschaft vor. Mit zwei Zöpfen im Haar und unterstützt von Garry „G-Man“ Sullivan an den Drums, Nis Kötting an den Keys, Emanuel Ngolle Pokossi am Bass und Jonas da Silva Pinheiros an der Gitarre zeigte Nneka mit der Reggae-Hymne Africans gleich zu Beginn ihres Auftrittes, warum sie mit aufstrebenden Künstlern wie K’Naan als hoffnungsvolle Stimme Afrikas gilt. Während sich die 30-jährige Nigerianerin angetrieben von ihrer Band bei Something to Say weltverbesserisch gab und mit ihrem klaren Soulgesang beeindruckte, griff sie für die Ballade Do you love me now? gleich selbst zur Gitarre.

Come With Me, lud Nneka ihre Fans ein, sie auf eine musikalische Reise zu begleiten. Und da der Saal des Karlstorbahnhofs komplett überfüllt war, tanzten die Leute sogar im Vorraum zufrieden zu den afrikanischen Highlife-Rhythmen. Natürlich präsentierte Nneka auch ihren neuen Hit Soul Is Heavy, auf dem sie Soulgesang mit Rap auf einen organischen HipHop-Beat in Einklang bringt. Den Song hat sie für ihr Heimatland Nigeria geschrieben und nimmt darin Bezug auf nigerianische Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer wie Ken Saro-Wiwa, Isaac Adaka Boro und Jaja of Opobo. Westliche Einflüsse verarbeitete Nneka anschließend in einem kleinen Mash-up aus Annie Lennox und den White Stripes, bevor sie mit ihrem Welthit Heartbeat den Höhepunkt des Abends setzte. Musikalisch beendete die damit einen exzellenten Auftritt. Menschlich überzeugte Nneka durch beeindruckende Authentizität, verließ die Bühne jedoch nicht ohne die anfängliche Befremdlichkeit ganz aus dem Raum gespielt zu haben.

Andreas Margara (29. Oktober 2011)

Nneka – Soul Is Heavy 

Joy Denalane (Domplatz Worms)

Joy Denalane – allein durch ihren Vornamen war das deutsche Aushängeschild in Sachen Soul eigentlich schon prädestiniert für das „Jazz & Joy“ in Worms. Ihr Auftritt auf der Hauptbühne markierte das große Finale des dreitägigen Festivals, das rund um den Dom stattfand. Live präsentierte die Soulqueen eine ausgewogene Mischung aus Schlafzimmer-Soul und feurigem Funk.

Gleich mit einem Doppelschlag meldete sich Deutschlands einzige Souldiva 2011 zurück. Erst gab Joy Denalane im Frühjahr ihr Beziehungscomeback mit Max Herre bekannt, nur wenige Monate später veröffentlichte sie mit Maureen ihr nunmehr drittes Album. Im Fokus der Platte stehen nach Ausflügen ins Englische erstmals wieder deutschsprachige Texte, zudem stimmte Denalane auch musikalisch wieder gemeinsam mit Herre an. Alles wieder gut also, dementsprechend strahlend erschien Joy auf der Bühne vor der eindrucksvollen Wormser Dom-Kulisse. Mit Niemand (Was wir nicht tun), dem Opener ihres neuen Albums Maureen, eröffnete die 38-jährige die abendliche Soul-Gala. Begleitet wurde die mit goldenen High Heels und Diana-Ross-Mähne anmutig und stilvoll über das Bühnenparkett schreitende Joy von einer siebenköpfigen Band.

Obwohl Max Herres Stimme für den Chorus lediglich vom DJ eingespielt wurde, empfahlen sich ihr Drummer, Bassist und Gitarrist mit Flauschebart und Landstreicherhut gleich für den nächsten Max-Herre-Doppelgängerwettbewerb. Munter, aber noch etwas schüchtern, wechselte Denalane zwischen neuen (Wo wollen wir hin von hier?) und älteren Songs (Was auch immer) hin und her. Trotz leichter Heiserkeit erklomm sie die Tonleiter mit Leichtigkeit und traf auch die höchsten Töne. Zur Belohnung forderte Joy einen Soul-Clap vom noch etwas verzaubert wirkenden Publikum. Mit dem druckvollen HipHop-Track Heaven Or Hell, den Denalane gemeinsam mit Wu-Tang-Rapper Raekwon für ihr Album Born & Raised aufgenommen hat, und einem funkigen Remix von One in a Million sorgte sie anschließend für deutlich mehr Schwung. Ein „modernes Drama in drei Akten“ präsentierte Joy anschließend mit Der Tag ist nah, Nie wieder, nie mehr – wobei sie den Part von Julian Williams kurzerhand selbst übernahm – und Freidein. Sollte Max Herre den Treueschwur Bin und bleib fahrlässigerweise erneut übergehen, hatte Joy in der Nibelungenstadt mit ihrem Charme bereits genügend Männer um den Finger gewickelt, die der bezaubernden Ausstrahlung der Soulqueen treu erlegen waren.

Bei intimer Atmosphäre geleitete Joy Denalane das Publikum mit entspannten Slow Jams in die hereinbrechende Nacht. Schlafzimmer-sleazy räkelte sie sich dazu grazil im Takt der federleichten Midnight-Grooves. Erst die Bläser-Sektion leitete mit immer ausgedehnteren Saxophon- und Trompeten-Soli allmählich den Übergang zum Funk-geladenen Schlussteil über. Für Im Ghetto Von Soweto entflammte die Soul-Fackel namens Denalane noch einmal und peitschte das Publikum mit einer energiegeladenen Performance voran. Der Dom wurde jetzt zum Panorama einer Soul-Explosion. Als Zugabe widmete Joy erst das Heatwave-Cover Happiness an ihren Vater George Denalane, um anschließend mit dem von Nas inspirierten Song Wem gehört die Welt ihre HipHop-Wurzeln offenzulegen. Ein würdiger Abschluss eines gelungenen Festivals.

Andreas Margara (15. August 2011)

Sade (Festhalle Frankfurt)

Sade Adu verabscheut Inszenierungen abseits der Bühne. Ihr Privatleben ist Tabu, Interviews lehnt sie kategorisch ab. „Anti-Madonna“ wird sie deshalb auch genannt. Doch das kann der Britin mit nigerianischen Wurzeln egal sein, denn sie spielt in einer ganz eigenen Liga, wie 50 Millionen verkaufte Tonträger belegen. Selbst wenn es jahrelang still um Sade Adu war, wird sie bei ihrer Rückkehr in ausverkauften Hallen empfangen. Ihre Anziehungskraft ist magisch. Nach 18 Jahren Pause präsentiert sie sich erstmals auch wieder auf deutschen Bühnen. In Frankfurt haben wir das Comeback der Bühnendiva miterlebt. Die Festhalle war natürlich ausverkauft.

Eigentlich ist Helen Folasade Adu nur die Frontfrau des erfolgreichen Quartetts namens Sade, das seit 1984 in gleicher Besetzung mit Stuart Matthewman an Gitarre und Saxophon, Paul Spencer Denman am Bass und Andrew Hale am Keyboard zusammen musiziert. In der Regel wird Sade aber auf seine gleichermaßen cool wie charismatische Frontfrau reduziert. Zehn lange Jahre ließ die Band auf eine neue Veröffentlichung warten, ehe Soldier of Love 2010 erschien. Enttäuscht haben sie damit nicht, doch die Feuertaufe stand mit der bevorstehenden Welttournee erst noch an.

Eröffnet wurde der Abend in Frankfurt von The Jolly Boys. Als Boys gehen die Mitglieder der jamaikanischen Rentnertruppe allerdings nur noch mit Augenzwinkern durch – 1955 haben sie sich formiert, vier Jahre bevor Sade Adu geboren wurde. Mit munteren Coverversionen von Do It Again, Golden Brown oder Rehab, die sie allesamt im folkloristischen Mento-Stil – einem Vorläufer des Reggaes – vortrugen, sorgten sie für angenehme Stimmung. Wer im Anschluss eine Verkettung meditativen Schlafzimmer-Grooves erwartete, hatte weit gefehlt. Mit bombastischem Bühnenbild und apokalyptischen Drumschlägen zog Sade zum Marschrhythmus von Soldier Of Love in die ausverkaufte Festhalle in Frankfurt ein. „Perfektion“ beschreibt die nachfolgenden zwei Stunden am besten. Geschmeidiger Bar-Jazz, der durch aufwendige Projektionen in Film-Noir-Ästhetik und wechselnde Passepartouts inszeniert wurde, traf auf treibende Beat-Arrangements, der die 7.500 Zuschauer immer wieder von den Sitzen holte.

Während das Saxophon beim einfühlsam gehauchten Your Love Is King zum ersten Mal zum tragen kam und unmittelbar bis ins Rückenmark hervorstach, zeigten Sade mit Bring Me Home eine Kostprobe der modernen Elemente des neuen Albums: pochende Bässe und Synthesizersounds. Dass Sade Adu vom Planeten der Liebe stammt, stellte sie mit No Ordinary Love, Still In Love With You und All About Our Love unmissverständlich klar. Gerade aber, als man sich inmitten all des Schwelgens dabei ertappte, die thematisch limitierten Inhalte zu verurteilen, setzte sie speziell mit letzterem Stück wieder Akzente. Eine beeindruckende Helikoptersimulation mit Suchscheinwerfern und Rotorengeratter, die mir dem fanfarigen Drumset einhergingen, verliehen dem Titel nachdrückliche Intensität. Überhaupt gab es zu jedem Stück eine meist cineastische Inszenierung durch Visualisierungen, Vorhänge und Scheinwerfer. So auch das durch ein langes Intro zelebrierte Smooth Operator – der ultimativen Blaupause für Smooth Jazz.

Als böte die sympathisch erstrahlende Schönheit nicht schon genug Reize für das Auge, ließ sich die 52-jährige immer wieder eine neue Kulisse schaffen und passte sich selbst oft mit wechselndem Outfit an. Alles zum Ärger der Fotografen, die von der Sängerin in einen Fotograben vor die hintersten Ränge verbannt wurden und sich der Diva nur mit Weitwinkel annähern konnten. Für Jezebel und Pearls rückte die Band in den Hintergrund, bei Is It a Crime fielen Vorhänge in samtenem Rot von der Decke. Nach Kiss Of Live und The Sweetest Taboo lud Adu dann mit offenem Haar und in weißer Abendrobe in ihr überdimensionales Schlafgemach um King of Sorrow zu performen. Alles mit einer Stimme in strahlendem Timbre, das live noch viel größere Entfaltung offenbarte als Studioaufnahmen je einfangen könnten. Paradise und Nothing Can Come Between Us bildeten dann den Auftakt zum Finale By Your Side, das im Glitterregen etwas kitschig eingebettet wurde. Mit „Frankfurt, I love being by your side“ verabschiedete sich Sade Adu schließlich von der Bühne, um kurz darauf überraschend in knallrotem Dress wieder zu erscheinen und das Encore Cherish The Day zu spielen. Ein rundum perfekter Sade Auftritt mit grandios aufgelegter Frontfrau nahm damit exakt nach zwei Stunden sein Ende. Man darf gespannt sein, wann sich die bezaubernde Diva wieder zurück meldet…

Andreas Margara (14. Mai 2011)

Whitney Houston (SAP Arena Mannheim)

Houston, wir haben ein Problem: Die größte Soulstimme der Welt ist angekratzt. Obwohl Whitney Houston mit mehr als 170 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Künstlern aller Zeiten zählt, wird über die Souldiva im 25. Jahr ihrer Musikkarriere vornehmlich in der Klatschspalte berichtet. Nach einer schweren Zeit mit Drogeneskapaden und ihrer skandalösen Ehe mit Bobby Brown, startete auch die groß angelegte Comeback-Tour in Begleitung negativer Schlagzeilen. Nachdem sie wegen ihrer ausgezehrten Stimme von den Kritikern bereits als „Whitney Husten“ abgeschrieben wurde, führte sie ihr Weg nun auch nach Mannheim – die Erwartungen waren dementsprechend niedrig.

An Bodyguards mangelte es nicht in der Mannheimer Arena. Einer der es mit Kevin Costner aufnehmen könnte befand sich allerdings nicht unter den Aufpassern. Ohnehin war die größere Frage, ob Whitney Houston es auf dem Höhepunkt ihres Auftritts gelingen würde, es auch nach 18 Jahren mit ihrem größten und gleichzeitig technisch schwersten Hit aufzunehmen. Whitney stand unter großem Beobachtungsdruck. Das verstummte Publikum schien nur auf einen Patzer der geläuterten Soulkönigin zu warten. Als sie die ersten Zeilen von I Will Always Love You tadellos überstanden hatte hielt sie plötzlich inne, ganz so, als ob Dolly Parton ihr persönlich befohlen hätte den Song abzubrechen. Fast resignierend schüttelte Whitney nun sachte den Kopf und zog die Kunstpause weiter in die Länge. Anhaltende Stille. Gänsehaut machte sich breit. Ein Zeichen an die Band und die Bridge setzte ein. Jetzt war Miss Whitney Houston wieder voll da, die 5500 Zuschauer sprangen von ihren Sitzen auf und schäumten über vor Begeisterung.

Eröffnet wurde der Abend vor der recht überschaubaren Kulisse zunächst von der Samuel Harfst Band mit seichtem Studentenpop. Houston ließ ihre Fans noch etwas zappeln, schließlich tritt eine echte Diva immer mit Verspätung auf. Mit einem Schlag fiel dann der überdimensionale Vorhang und die Show startete mit einem fulminanten Intro. Begleitet von tosendem Applaus und umringt von vier wuselig-akrobatischen Tänzern betrat Whitney Houston die Bühne im schwarzen Paillettenkleid mit üppigem Dekolleté, um ihren Song For The Lovers zu performen. Angehaftet am Lipgloss verdeckte das Headset-Mikro zunächst noch den Mund der Sängerin, die, abgesehen von einem aufgedunsenen Gesicht und schwangerschaftsähnlichen Rundungen, einen körperlich überraschend vitalen Eindruck machte.

Verunsichert und leicht irritiert ging Whitney auf Zwischenrufe aus dem Publikum ein, nahm sich Zeit für Schminkpausen und hielt lange Monologe. Ihre Stimme klang dabei belegt und heiser, auch ihr Husten schien kein gutes Vorzeichen für anspruchsvollere Gesangspassagen zu sein. Die R&B-Stücke My Love Is Your Love und It’s Not Right but It’s Okay von ihrem 1999er Album meisterte sie allerdings mit Bravur. Trotz des perfekten Zusammenspiels mit den drei Background-Sängerinnen und ihrer Band, ließ Houston zu keinem Zeitpunkt Zweifel aufkommen wer hier die Leadsängerin mit dem viel diskutierten Wunderorgan ist.

Nach einer kleinen Tanzshow und einem Solotitel ihres Bruders Gary Houston, erschien Whitney in schwarzer Abendgarderobe zurück auf der Bühne, um nun mit ihren Balladen den ruhigern Teil der Show anzugehen. Ohne aufgesetzt zu wirken widmete sie das Stück Song For You mit viel Pathos an ihren verstorbenen Freund Michael, den King of Pop. Die 46-jährige tankte jetzt immer mehr Selbstvertrauen und wurde zunehmend sicherer auf ihren zehn Zentimeter hohen Absätzen. Mit Saving All My Love For You, All At Once, I Learned From The Best und Greatest Love Of All präsentierte Whitney Houston einen eindrucksvollen Querschnitt ihrer Welterfolge. Komplett ohne technische Hilfen oder ein Eingreifen des Chors schoss sie mit ihrem variantenreichen Gesang in Höhen, in die sonst allenfalls Extrembergsteiger vordringen.

Auf und ab ging es beim munteren Tonleiterrodeo, mit dem sie ihren teilweise bis zu 25 Jahre alten Balladen einen neuen Live-Charme verpasste. Einzig beim halten der Töne traten selten kleinere Unfeinheiten auf. Im Stile einer ehrwürdigen Souldiva schmetterte sie anschließend noch ein kraftvolles Gospelgewitter mit I Love The Lord nieder, bevor sie langsam zum erwähnten Highlight der Show überging. Die 80er Jahre Disco-Hits I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me) und How Will I Know waren reine Formsache für die glamouröse Frau mit dem strahlenden Lächeln – das Publikum hatte sie sowieso schon in der Tasche. Nach einem weiteren Garderobenwechsel gab die sympathisch aufgelegte Soullady am Ende ihrer fast zweistündigen Show noch den aktuellen Radio-Hit Million Dollar Bill zum Besten. Wacker hat Whitney Houston am heutigen Abend ihren Kritikern getrotzt. Auch wenn ihre Stimme auf den alten Aufnahmen in den Feinheiten sauberer klingen mag ist es ein Ereignis diese Stimmgewalt einmal live erlebt zu haben. Michael Jackson sollte als Beispiel eigentlich gezeigt haben, dass man die wenigen herausragenden Stars der Popgeschichte nicht ständig an ihren längst vergangenen Erfolgen messen sollte und ihnen erst den nötigen Respekt zollt wenn es dafür längst zu spät ist.

Andreas Margara (30. Mai 2010)

Dionne Warwick (Seebühne Mannheim)

175217~Dionne-Warwick-PostersAls Abschlusskonzert des diesjährigen Seebühnenzaubers präsentierten die Veranstalter im Mannheimer Luisenpark noch einmal eine der ganz Großen des Musikgeschäfts: Dionne Warwick. Neben dem besonderen Umstand, dass der Auftritt auf der Amphitheater-ähnlichen Seebühne mit idyllischem Blick auf den Kutzenweiher stattfand, hatte der Abend mit dem einzigen Deutschlandauftritt der Soul-Diva einen exklusiven Rahmen.

Kaum hatte Dionne Warwick mit “Why do Birds suddenly appear…” die Eröffnungszeilen aus (They Long to Be) Close to You gesungen, inszenierte sich im Hintergrund bereits routiniert eine Entenfamilie in gestaffelter Aufstellung. Der Song, mit dem vor allem die Geschwister Carpenter einen großen Erfolg in den 1970er Jahren feiern konnten, stand dabei schon sinnbildlich für das musikalische Konzept des Abends. Die 59-jährige Dionne bot heute einen Querschnitt aus ihrer beachtlichen Karriere, wobei der Schwerpunkt jedoch auf der sehr erfolgreichen Schaffensphase zusammen mit dem Komponisten Burt Bacharach und dem Songwriter Hal David von Mitte der 60er bis rein in die 70er Jahre lag.

Interessanterweise befanden sich unter den Titeln nahezu keine Cover-Versionen. Miss Warwick wurde nämlich als Muse von Bacharach – der das Monopol auf melancholische Melodien innehat – immer als eine der ersten Chanteusen bedacht. So auch für den Soul-Klassiker Walk on by, den sie 1964 gemeinsam aufnahmen. Begleitet wurde die in New Jersey geborene Sängerin diesmal von Keyboard, Drums, Gitarre, Percussion und natürlich Piano.

Burt Bacharach & Dionne Warwick

Burt Bacharach & Dionne Warwick

Immer wenn die von den Keys dominierte Soundkulisse eine Spur zu glatt wurde, kompensierte Dionne Warwick mit ihrer nach wie vor einwandfreien Wunderstimme. Anyone Who Had a Heart und I’ll Never Fall in Love Again waren die Vorlage – vollends entfaltete sich der Seebühnenzauber im lilafarbenen Neonlicht nach Dämmerung. Zum Tod von Michael Jackson äußerte sich Dionne nicht, vielleicht würdigte sie dem King of Pop im Stillen zu Message to Michael. Anschließend präsentierte die Cousine von Whitney Houston ein Neuarrangement von I Say a Little Prayer, das man vorrangig wohl eher Aretha Franklin zurechnet. Doch auch hier hatte das Duo Bacharach/David zunächst Warwick bedacht, ehe Franklin 1968 damit durchstartete.

Einer der größten Hits von Dionne Warwick ist Heartbreaker, das unverkennbar die Handschrift der Bee Gees trägt und dessen Chorus nun von den fast restlos besetzten Rängen aus beigesteuert wurde. Überhaupt wurden die Fans nach freundlichen Aufforderungen der Diva jetzt aktiver. Mittlerweile lebt Dionne Warwick in Brasilien, was sich besonders auf ihre neueren Veröffentlichungen niedergeschlagen hat. Mit Brazil (Aquarela do Brasil) wechselten die Rhythmen schlagartig in Richtung Copacabana. Zum Ärger ihres Bodyguards kam Dionne einer Einladung eines Tänzers aus dem Publikum gleich mit einer gemeinsamen Runde Samba nach. Das brachte ihr zusätzliche Sympathiepunkte ein. Erst mit Do You Know The Way To San José ging der Ausflug nach Brasilien dann allmählich zu Ende.

Da ausnahmslos alle Warwick-Lieder von der Liebe handeln, bewegt sie sich automatisch immer auf dem schmalen Grad zwischen herzergreifendem Song und Schmonzette. Dennoch legt sie so viel Ausdruckskraft in ihre Stimme, dass man ihr die einfühlenden Texte gerne abnimmt. Als Warwick von Bacharach und David den Song What the World Needs Now Is Love angeboten bekam, lehnte sie zunächst dankend ab. Jackie DeShannon machte den Titel schließlich doch noch zum Hit und nun zählt er auch zu Dionnes Lieblingsstücken, wie sie heute erzählte.

Zwar ohne ihre Freunde Gladys Knight, Elton John und Stevie Wonder, aber dafür mit fast 1000 neuen Freunden im Publikum beendete Dionne Warwick nach knapp einer Stunde ihren guten Auftritt mit der Ode an die Freundschaft That’s What Friends Are For.

Andreas Margara (31. August 2009)