Kategorie: Rock

The Dø (Karlstorbahnhof Heidelberg)

Was vom Namen her knapp und ungraziös klingt, entpuppt sich beim Hören als musikalisches Überraschungs-Ei: „The Dø“. Seine doch sehr eigentümliche Mischung aus Indie-Rock, Folk, Electro und weiteren Zutaten tituliert das finnisch-französische Duo bestehend aus Olivia Merilahti und Dan Levy kurzerhand als „Freakpop“. Mit viel Bass und Bambule ließen die Beiden bei ihrem Auftritt in Heidelberg keine Fragen mehr offen.

Eröffnet wurde der Abend im Karlstorbahnhof von Cargo City aus Frankfurt. Für den Soundtrack des KinofilmsVincent will meer durfte die fünfköpfige Band um Frontmann Simon Konrad 2010 gleich mehrere Songs beisteuern. Nach einer halben Stunde rockiger Gitarren und Indie-Pop mit britischem Einschlag verlangte das Heidelberger Publikum zwar nicht nach mehr, doch hatte das Quintett die fast ausverkaufte Hütte anständig auf Betriebsklima gebracht.

Die Spannung stieg, als The Dø nach der Umbaupause die mit allerlei obskurer Musikgerätschaft dekorierte Bühne betraten. Neben dem Vibrafon sorgte vor allem die abenteuerliche Konstruktion der „Küchenwerkzeug“-Perkussion mit aufgehängten Pfannen und Töpfen für Aufsehen. Da eine durchweg groteske Performance einem sonderbaren Start gebührt, schien es fast wie ausgemacht, dass die Technik Frontfrau Olivia Merilahti einen üblen Streich spielte und die gesamte vierköpfige Band den Opener wegen einem Mikrofonausfall abbrechen musste und sichtlich irritiert wieder hinter dem Bühnenvorhang verschwand. 15 Minuten Ratlosigkeit später war der Sound wieder da, die Band auch. Endlich konnte es losgehen.

Mit dem roten BH, der unter dem durchlässigen Netz-Top hervorblitzte, und dem gelben Rock, erinnerte die 30-jährige Merilahti zumindest farblich an eine laszive Hipster-Ausgabe von Schneewittchen. Wie eine unschuldige Lolita setzte sie in die Stücke zunächst stets mit zerbrechlicher und kristallklarer Stimme ein, ehe der Gesang von donnerschlagartigen Bässen untermalt und schließlich in einem heftigen E-Gitarren-Gewitter durchgetwistet wurde. Abwechselnd an Saxophon, Gitarre oder Keyboard mimte der 38-jährige Multiinstrumentalist Dan Levy dazu in exzentrischer Manier den Klaus Kinski. Freakpop at its best! Nur die zweiköpfige Rhythmusgruppe hielt sich etwas bedeckt im Hintergrund. In Frankreich sind The Dø längst kein Geheimtipp mehr, mit ihremDebütalbum A Mouthful (2008) landeten das dynamische Duo dort an der Spitze der Charts. Both Ways Open Jaws (2011) heißt das aktuelle Album.

Im fast ausverkauften Karlstorbahnhof hatten sich überwiegend junge Frauen eingefunden, um dem künstlerisch wertvollen Spektakel mit Impro-Charakter beizuwohnen. Nach Dust It Off, Leo Leo, der ausgedehnten Version von The Calendarund musikalischen Exkursen, die entfernt an Einflüsse von Trio und Kraftwerk erinnerten, spielte das französisch-finnische Projekt mit On my shoulders ihren wahrscheinlich bekanntesten Titel. Aufgrund dieses eingängigen aber dennoch Anti-Folk akzentuierten Stückes werden The Dø häufig mit den frühen Cardigans verglichen. Doch auch wenn die hübsche Finnin Olivia Merilahti mit ihrem extrovertiert-experimentellen Auftreten stark an Björk erinnert, bleibt sie im Grunde ein unvergleichliches Unikat. Einmal mehr stellte sie das mit der grotesk-genialen Zugaben-Darbietung Slippery Slope klar, indem sie die offensichtliche Live-Herausforderung durch die repititiven Zungenbrecher-Lyrics der Nummer gefühlt einfach mal doppelt so schnell runterratterte und gleichzeitig dabei noch das Publikum wie eine Dampfmaschine mit ihrer brillianten Stimme antrieb. Nach knapp anderthalb – extrem unterhaltsamer und kurzweiliger – Stunden Mash-ups fast aller Genres und einer abstrakten Show verabschiedeten sich die sympathischen The Dø. Seinen markanten Hut hatte der Franzose Levy bis dato längst im Eifer des Gefechts verloren. Aber recht so: Hut ab!

Raphael Saadiq & Lenny Kravitz (SAP Arena Mannheim)

Die Frauen lieben seinen Stoppelbart und seine empfindsame Soulstimme. Die Männer feiern ihn für sein rigoroses Gitarrenspiel und Rock-Hymnen wie „Are You Gonne Go My Way“. Dass Lenny Kravitz dieses Jahr mit „Black and White America“ sein mittlerweile neuntes Album veröffentlicht hat, schien für den Besuch seiner Deutschlandtour eher nebensächlich zu sein. In Mannheim feierten 7000 Zuschauer mit Kravitz eine Rockgala.

Wer sich einen Raphael Saadiq ins Vorprogramm holt, der schreckt nicht davor zurück, dass die Messlatte für die eigene Performance mächtig hoch liegt. Saadiq schnupperte erste Bühnenluft als Bassist bei Prince, startete mit Tony! Toni! Toné! sein eigenes R&B-Trio und feierte später große Erfolge mit der Gruppe Lucy Pearl. Als einer der bedeutenden Produzenten des Neo-Soul gilt der 45-jährige Sänger und Songschreiber als Wegbereiter des Genres. Unterstützt von einer Funk-Band, fülliger Soulsängerin und einem stimmgewaltigen Orgelspieler in blauer Gospelrobe brachte er die SAP-Arena auf Betriebstemperatur. Nach einer guten halben Stunde verabschiedete sich der Mann aus Kalifornien mit Let The Sunshine In und machte den Weg frei für seinen Kumpel Lenny Kravitz.

Mitgebracht hatte Lenny Kravitz neben ein paar wenigen Stücken von seinem neuen Album Black and White America (2011) vor allem ein eindrucksvolles Repertoire großer Hits, die er von 1989 bis zum heutigen Tag angesammelt hat. Gleich zu Beginn dreschte er mit den rockigen Stücken Come On Get It, Always On The Run und dem ersten Highlight American Woman gewaltig in die Saiten seiner Klampfe. Mit der Coverversion von The Guess Who machte er ordentlich Dampf. Spitzbübig erkundigte sich der 47-jährige Rockstar deshalb auf Deutsch nach dem Wohlbefinden seiner Fans: „Alles klar?“. Verziert mit Lederwestchen, verspiegelten Sonnengläsern, Nasenring und dem obligatorischen Fünftagebart, schritt Mr. Kravitz daran das zu tun, weshalb ihm die Frauen reihenweise zu Füßen liegen: Mit It Ain’t Over Till It’s Over gab sich der Rebell handzahm und hauchte seine Zeilen mit sanfter aber authentischer Soulstimme schmiegsam in das Mikro. Pünktlich zu Mr. Cab Driver war der coole Typ aus dem New Yorker Großstadtdschungel wieder zur Stelle, um mit lässigem Unterton Rassismus anzuklagen und Arschtritte gegenüber Intoleranz zu verteilen.

Lenny Kravitz – Are You Gonne Go My Way

Lenny Kravitz ist ein vielseitig begabter Musiker. Nicht immer ist ihm bei seinem Auftritt in Mannheim die undankbare Aufgabe geglückt, Elemente aus Jazz, Funk und Rock in eine sinnvolle Dramaturgie zu bringen. Phasenweise nahm er die Menge mit auf eine atmosphärische Achterbahnfahrt. Positiv formuliert war hingegen für reichlich Abwechslung gesorgt, wenn beispielsweise Saxophon und Trompete das ausgedehnte Intro zu Black And White America gestalteten und in den rockigen Teil überleiteten. Den Treueschwur Stand By My Woman krönte Kravitz, indem er seine Brille für einen kurzen Augenblick abnahm und die Frauen damit restlos hypnotisierte. Auch wenn Kravitz stimmlich und von seinem Gitarrenspiel her durch die Bank überzeugte, ließ er den echten Rampensau-Lenny leider erst bei den schweißtreibenden Rock-Nummern Fly Away und Are You Gonne Go My Way im Finale auf die Mannheimer los.

Als Zugabe präsentierte Lenny Kravitz gemeinsam mit seinem langjährigen Gitarrengefährten Craig Ross die Akustikversionen von Again und I Belong To You. Den Schluss zelebrierte Kravitz förmlich, bei einer auf grob 20 Minuten ausgedehnten Version von Let Love Rule. Um seiner Message Nachdruck zu verleihen, lief er dabei die gesamte Halle ab und bot den Fans somit Gelegenheit auf Tuchfühlung mit ihrem Star zu gehen. Wieder auf die Bühne zurückgekehrt tat er es dann doch noch. Er gab den lechzenden Blicken der Frauen nach und riss sich Tanktop und Lederweste vom Leib. Eine coole Sau, dieser Lenny!

Andreas Margara (5. November 2011)

Limp Bizkit (SAP Arena Mannheim)

Dass Rock und HipHop zusammen funktionieren können ist bekannt, seit Aerosmith und Run DMC für „Walk This Way“ gemeinsam die Trennungswand plattwalzten. Neue Akzente in der Crossover-Musik setzte die Rockband Limp Bizkit Ende der 90er Jahre, indem sie mit DJ Lethal von House of Pain einen HipHop-DJ als zentrales Element für ihren Sound etablierte. In dieser Konstellation wurden die vier Männer um Frontmann Fred Durst mit Bands wie Korn zur Speerspitze des Nu-Metal Genres. Nach jahrelangen Turbulenzen und Umformierungen melden sich die fünf nun Live in Originalbesetzung zurück!

Um gleich vorneweg die Balance zwischen Metal und HipHop zu halten, haben sich Limp Bizkitfür zwei Vorbands entschieden. Den Anfang machte die vierköpfige Alternative Metal-Formation Psyko Dalek, die mit massiven Gitarrenbrettern ordentlich durch den Gehörgang fegten. In ihrem halbstündigen Set gab die Band aus Glasgow Titel aus ihrem Album Dead To Some zum Besten, die vom Publikum bereits putzmunter aufgenommen wurden. Weniger Beliebtheit bei den mit roten Baseball-Caps und buschigen Ziegenbärten uniformierten Zuschauern erfreuten sich die Horrorcore-Rapper Dope DOD aus Holland. Die fade Live-Performance der Gruftrapper, die von der musikalischen Ausrichtung her an die Insane Clown Posse erinnert, wurde mit den Klassikern aus dem Werkzeugkoffer des Haters diskreditiert: Buh-Rufe und Becherwürfe. Metal vs. HipHop – 1:0.

Gold Cobra heißt das brandneue Limp Bizkit Album, das erst seit letztem Freitag in den deutschen CD-Regalen steht. Nicht immer wird ein Comeback-Album im Vorfeld derartig von der Presse abgefeiert. Nicht immer werden Opener eines neuen Albums derartig positiv vom Publikum aufgenommen: 5.500 sprangen bereits zu Gold Cobra und dem Sound der Shotgun. Fred Durst scheint mit seinem goldenen Glitzerhandschuh in Jacko-Manier ein neues Accessoire für sich entdeckt zu haben, kurzerhand ließ er damit selbst die Gitarre aufheulen. Mit Bring It Back machten John Otto an der Schießbude, Sam Rivers am Bass, DJ Lethal an den 1 & 2’s und der frisch in die Band zurück gekehrte Wes Borland an der Klampfe weiter Dampf. Der Sound so brachial, dass die SAP-Arena ins wanken geriet. Limp Bizkit sind zurück und jeder in Mannheim konnte es hören!

Hochmotiviert demonstrierte DJ Lethal seine Skills in diversen Scratchpassagen und streute mit Cuts von Eric B & Rakim (My Melody) ein wenig Rap in die Rockparty ein. Im Publikum formierten sich bei My Generation hingegen erste Moshpits, bei denen jeder seine Kratzer abbekam – schön anzusehen von den Rängen aus. Mit Fast Lane und My Way Or The Highway sorgte Redcap für weiteren Treibstoff für den tobenden Pulk. Supersympathisch aufgelegt zelebrierte es Fred Durst regelrecht die Songs zeitverzögert einzuspielen um die Menge noch weiter anzuheizen. Break Stuff schien dann den vorläufigen Höhepunkt des Abrisskommandos zu markieren.

Falsch gedacht! Was der durchgeknallte Borland mit seiner Blinkebrille und der dynamische Durst in einer weiteren Stunde fabrizierten war eine 90er Nu-Metal Show par excellence. Für den legendären Fuck Song zog sich Fred Durst einen Fan aus der ersten Reihe auf die Bühne, der die letzte Strophe vor den wild durcheinander springenden Bizkits zu Ende performen durfte. Nach dem „besinnlichen“ Rearranged schickte er mit Take A Look Around Grüße an „Fucking Tom Cruise“ raus. Gänsehaut machte sich breit, als sich die komplette Arena zu den Klängen von Mission Impossible hinsetzte um kurz darauf zu Borlands Gitarreninferno komplett auszurasten. Da musste selbst der erfahrene Fred seinen roten Hut ziehen. Zur Belohnung gab’s ein Publikumsbad zu Nookie, das dem exorbitant kopfnickendem DJ Lethal sicher noch den ganzen Rest der Tour Nackenschmerzen bescheren wird. Als weiteres Dankeschön verlangte Durst bei It’ll Be OK nach Freibier für die gesamte Arena. Leider schien diese Info nicht ganz bis zum Ausschank durchzudringen.

Mit dem Ententanz und Oktoberfeststimmung verschwanden Limp Bizkit anschließend von der Bühne. An einer Zugabe kamen die Rockstars heute aber definitiv nicht vorbei. Mit Behind Blue Eyes und Faith gab es zunächst die Hommagen an The Who und George Michael, ehe mit den wummernden Bässen von Rollin’ noch einmal ein letztes Ausrufezeichen gesetzt wurde. Ein eindrucksvolles Comeback. Die Gold Cobra ist zurück ins Business geschlängelt.

Andreas Margara (26. Juni 2011)

Canned Heat (Capitol Mannheim)

canned-0419Samstag, 16. August 1969, die Dämmerung setzt ein auf dem Woodstock-Festival. Santana haben gerade einen dionysischen Auftritt hinter sich gebracht – nun steht die Bühne offen für die bärtige Bluesrock-Combo Canned Heat. Trotz bandinterner Schwierigkeiten im Vorfeld sorgen die Männer mit Going up the Country und ihrem Woodstock Boogie für restlose Begeisterung und sind nach Sonnenuntergang längst unsterblich. Das Glück hält jedoch nicht lange an, denn schon im Jahr darauf wird die Band durch den Todesfall ihres Songwriters Alan Wilson erschüttert. 1981 kommt der Leadsänger Bob Hite ums Leben. Nachdem 1997 mit dem Gitarrenvirtuosen Henry Vestine noch ein weiteres Gründungsmitglied von Canned Heat verstirbt, bricht die Band endgültig entzwei.

Während sich der legendäre Woodstock Auftritt von Canned Heat nun bald zum 40. Mal jährt, haben sich drei der Musiker – die damals mit auf der Bühne standen – wieder vereint, um in neuer Formation ein paar ausgewählte Konzerte in Deutschland zu spielen. Auch im Mannheimer Capitol machten die Bluesrocker um den Drummer „Fito“ de la Parra halt. Eröffnet wurde die Runde vor Rockern und Veteranen mit Bullfrog Blues – Stimmung wollte unter der teils bestuhlten Kuppel allerdings noch nicht so Recht aufkommen.

03-canned-heat-original-woodstock-reuniteDas änderte sich dann schlagartig, als der neue Frontmann Dale Spalding bereits zu diesem Zeitpunkt mit On the Road again zu einem der größten Canned Heat-Hits überleitete. Zur Überraschung der Gäste gab es kurz darauf schon die inoffizielle Woodstock-Hymne Going up the Country. Zur Freude aller, ließ es sich De la Parra hier nicht nehmen, den gellend hell ertönenden Gesang selbst beizusteuern. Die muntere Querflöte streute der ebenfalls neu in die Combo eingegliederte Multiinstrumentalist Greg Kage ein. Ansonsten gehörte die Bühne ganz dem Leadgitarristen Harvey „The Snake“ Mandel und dem (immer noch) langbärtigen Bassisten Larry „The Mole“ Taylor.

Für Spalding war es sichtlich eine Ehre, den Gesang von Canned Heat an diesem Abend im weiteren Verlauf zu leiten. Mit I Used to be Bad und seiner Mundharmonika brachte er außerdem seinen ganz eigenen Einfluss aus Louisiana- und New Orleans-Musik mit ein in das Sextett. Der dritte Neuzugang Barry Levenson legitimierte seine Aufnahme in die Band mit einem unwiderstehlichen Gitarrensolo, ehe der Boogie sich allmählich die Überhand erschlich.

Umso treibender De la Parra die Rhythmen vorgab, desto mehr spielten sich Canned Heat in bestechende Stimmung. Obwohl der mittlerweile 64-jährige Mandel zur Erholung häufiger auf einem Stuhl platz nehmen musste, gehörte ihm mit verzerrten Effekten auf seiner elektrischen Klampfe das Finale fast jeden Songs. Kage hingegen wechselte heiter die Instrumente und nahm mal am zweiten Schlagzeug, Bass oder sogar am Mikrofon Stellung ein.

Eine ungebrochene Leidenschaft verdeutlichte sich bei So Sad (the World’s in a Tangle) vom Album Future Blues (1970) oder dem Kult-Stück Amphetamine Annie, von einem der berühmtesten Frühwerke Boogie with Canned Heat (1968). Bierzeltstimmung kam am Ende noch mit ihrem größten kommerziellen Erfolg Let’s work together auf, ehe die sechs Musiker als Zugabe eine 20-Minuten-Episode einer sehr frei improvisierten Version von Refried Boogie darboten. Trotz ihres vorangeschrittenen Alters gelang es sowohl den alten als auch den neuen Mitgliedern von Canned Heat ein Feuer zu entfachen und sogar eine Dosis Woodstock zu versprühen. „Don’t forget to Boogie!“

Andreas Margara (10. Juli 2009)

Canned Heat – Going up the Country

Tito & Tarantula (Cafe Central Weinheim)

tito__tarantula_02_05_2007_kuz_kreuzBei dem Namen Tito & Tarantula hat man schnell den Klang von staubigem Wüstenrock im Ohr und das Bild von wilden Zombieschlachten vor Augen. Kein Wunder, zählt die mexikanische Band doch seit dem Film „From Dusk Till Dawn“ zur Stammbesetzung der Filmemacher Quentin Tarantino und Robert Rodriguez. Immer wieder lieferten die Kultmusiker um den charismatischen Frontmann Tito Larriva Beiträge zu den einzigartigen Tarantino-Soundtracks ab. Zurzeit befinden sich die Rocker auf großer Deutschland-Tour.

Einen Hauch von der Atmosphäre einzufangen, die Tito & Tarantula bei ihrem Auftritt in der legendären Bikerbar „Titty Twister“ versprüht haben, war wohl erklärtes Ziel aller, die an diesem Abend massenweise in das Weinheimer Cafe Central strömten. Seit 1992 musiziert Sänger und Gitarrist Tito Larriva bereits mit den Tarantulas, wobei die Band-Besetzung schon mehrfach durchwechselte und dabei ein Dutzend Musiker verschlissen hat. Aktuell bekommt Tito Unterstützung vom zotteligen Alfredo Ortiz an der Schießbude, Steven Hufsteter an der Klampfe und der Bassistin Caroline „Lucy LaLoca“ Rippy. Ohne Vorgruppe betrat die vierköpfige Band nach kurzer Wartezeit schließlich die Bühne.

Hinter seiner dunklen Sonnebrille versteckt, gab Tito zunächst The End of Everything zum Besten, ein Stück des nunmehr fünften und neuen Tito & Tarantula Albums Back Into The Darkness (2008). Musikalisch wollte der Mexikaner damit wieder einen Schritt zurück zu seinen Punk-Wurzeln machen, was ihm hörbar gelungen ist. Neben seiner Energie, die von der Bühne sofort auf das Publikum übergeht, ist es besonders seine Stimme, die Live komplett unverfälscht erstrahlt. Trotz des unverkennbaren mexikanischen Einflusses überwiegt Englisch als Sprache in den  Liedtexten.

salmaBei stilechter Höllentemperatur im Cafe Titty Twister bekam die dicht gedrängte Meute einen bunten „Mexicore“-Mix aus fast allen Alben geboten. An das treibende Torn to Pieces von Andalucia (2002) schlossen Pretty Wasted und Monsters mit Punkeinschlag an, ehe es mit Clumsy Beautiful World ins Jahr 1999 zu Hungry Sally & Other Killer Lullabies zurückging. Seiner Brille hatte sich der sympathisch aufgelegte Tito mittlerweile entledigt und nun kam es endlich zu dem Moment auf den alle sehnsüchtig gewartet hatten: After Dark.

Mal abgesehen davon, dass Salma Hayek nun leider nicht knapp bekleidet mit einer weißen Schlange um den Hals aus dem Backstage tanzte und auch George Clooney nicht die Whiskey-Zeche übernahm, blieben keine Wünsche mehr offen. Umhüllt von Rauchschwaden lieferte Tito Larriva eine astreine Performance des atmosphärischen Meisterstücks ab, das ohne Zweifel mitverantwortlich für den Erfolg des Streifens „From Dusk Till Dawn“ war. Die bis dato relativ unterhaltsame Tex-Mex-Show hatte jetzt seinen absoluten Höhepunkt gefunden.

Als Zugaben gab es anschließend zwei weitere Highlights. Zuerst spielte Tito sein spanisches Solostück Alacran y Pistolero, das aus dem Rodriguez-Film „Desperado“ bekannt ist, um am Ende den Hit Angry Cockroaches abzufeuern. Bei mexikanischer Hitze konnte die Menge durch springen und pogen jetzt die letzten Reserven an Flüssigkeit ausschwitzen. Ohne Zombie-Verwandlungen und Gemetzel war dann Schluss – man konnte zufrieden seine Heimreise antreten.

Andreas Margara (17. Juni 2009)

Tito & TarantulaAfter Dark

Mark Knopfler (SAP Arena Mannheim)

dire_straitsIm Hörfunk kommt man am Sound von Mark Knopfler einfach nicht vorbei. Ob Solo oder als Kopf der Band Dire Straits: mit mehr als 117 Millionen verkauften Alben zählt der Schotte zu den absolut erfolgreichsten und populärsten Musikern auf der ganzen Welt. Am 11. April startete in der SAP Arena in Mannheim seine Solotour.

Das Who’s Who der Musikbranche hat schon mit ihm zusammen gearbeitet, angefangen bei Bob Dylan und Eric Clapton bis hin zu Sting oder Tina Turner. Dazu gilt das Dire Straits Album Brothers In Arms aus den Achtzigern als eines der bedeutendsten Veröffentlichungen in der Rockgeschichte und gehört in jede ernstzunehmende Platten- und CD-Sammlung. Dass Mark Knopfler auch heute noch den Geschmack seiner Hörerschaft trifft, hat er mit seinem neusten Werk Kill To Get Crimson (2007) eindrucksvoll bewiesen.

Ohne viel Tamtam, mit schwarzblankem Bühnenbild und vor allem ohne Vorgruppe, nahm die puristische Show ziemlich pünktlich ihren Lauf. Ganz unbekümmert und cool eröffnete der ehemalige Dozent Knopfler seine Darbietung im ausverkauften Auditorium mit der stark vom Country angehauchten Single Cannibals. Und da er in Why Aye Man, von seinem dritten Soloalbum Ragpickers Dream, schon von Deutschmarks und dem deutschen Reinheitsgebot singt, schickte Mark den Titel zur Deutschlandtour-Eröffnung gleich hinterher. Bisher hielt sich musikalisch noch alles im relativ relaxten Bereich auf und das sollte auch mit den nächsten beiden Stücken What It Is und Sailing To Philadelphia – bei dem auf CD sonst noch James Taylor mitsegelt – weiter so bleiben.

Mark Knopfler punktete bis dato vor allem mit seiner unverfälscht vernuschelten Stimme. Wer hingegen eine riesen Bühnenshow erwartet hatte, wurde – wie vorher schon zu erwarten war – enttäuscht. Den Mittelpunkt bei einem Auftritt des 58-jährigen markieren stets das herausragende Gitarrenspiel und der Interpret selbst. Vom letzten Album Kill To Get Crimson folgten nun die erneut eher ruhigen Stücke True Love Will Never Fade und die Liebesgeschichte des Vogels mit dem ungleichen Fisch: The Fish And The Bird.

Mark Knopfler
Mark Knopfler

Das Zurücklehnen und Genießen wurde dann plötzlich doch von spürbar mitreißender Begeisterung des Publikums abgelöst, als Knopfler die ersten Klänge von Romeo And Juliet verlauten ließ. Ein Großteil der Fans schien sich also doch besonders auf die Songs der Dire Straits gefreut zu haben. Danach wurde die Anhängerschaft gleich weiter belohnt: Sultans Of Swing, aus der Zeit als Mark noch mit seinem Bruder David Knopfler gemeinsam bei den Straits musizierte, war der nächste Titel. Auf dem vorläufigen Höhepunkt gierte die Menge förmlich nach mehr, was Knopfler mit einem kleinen Solo honorierte.

Im Anschluss stellte Knopfler seine vielseitig begabte Band vor und zeigte sich äußerst sympathisch zu kleinen Späßchen bereit. Die Rhythmusgitarre spielte der aus Chicago stammende Richard Bennett, Glenn Worf am Bass, das Keyboard bediente der Multi-Instrumentalist Guy Fletcher, der Knopfler schon seit 1984 begleitet, Danny Cummings am Schlagzeug, John McCusker die Fiddle & Zither und Matt Rollins ebenfalls an den Tasten. Nach den Titeln Marbletown und Daddy`s Gone To Knoxville, fiel der schwarze Vorhang auf einmal und eine übergroße National Steel Guitar vom Brothers In Arms-Cover enthüllte sich als Bühnenbild.

Marks Lieblingsklampfe ist die rote Fender Stratocaster, für die er kein Plektrum benutzt und auf der er einmal mehr sein filigranes Fingerpicking zur Schau stellte. Angekommen bei den Wurzeln seiner Innovation, dominierten allerdings besonders die gediegeneren Country und Folk-Einflüsse des gereiften Musikers. Speedway At Nazareth und das extrem ausgedehnte Telegraph Road bildeten den Schluss der deutlich melancholischer als erwarteten Show.

Um eine Zugabe ließ der Mann aus Glasgow sich nicht lange bitten und präsentierte seinen Megahit Brothers In Arms. Hier zeigte sich erneut die Virtuosität des Gitarrengurus, einzig die etwas zu nachdenklich gemurmelte Gesangsdarbietung verhinderte flächendeckende Gänsehaut. Für die tosende Menge gab es jetzt noch Our Shangri-la und So Far Away, ehe das Konzert endgültig seinen Schluss fand. Mark Knopfler hat sich weiterentwickelt und ist hörbar gereift. Für alle seine Fans, die mit ihm gealtert und gereift sind, hat er an diesem Abend einen sehr guten Auftritt abgeliefert. Alle, die sich etwas mehr Schub und rockigere Elemente gewünscht hätten, kamen wohl nicht ganz auf ihre Kosten. Money For Nothin’ gab es zwar nicht, dafür biederten sich Mark tatsächlich „chicks for free“ an, die durch vereinzelte Zwischenrufe auf sich aufmerksam machten.

Andreas Margara (13. April 2008)

Dire Straits – Brothers in Arms

Gary Moore (im Maimarktclub Mannheim)

Gary Moore ist bekannt für seine explosiven Live-Auftritte und sein atemberaubendes Gitarrenspiel. Seine musikalische Bandbreite reicht von Hardrock bis hin zu softem Blues. Als Unterstützung für seine Deutschland-Tour hat er sich den Blues-Musiker Otis Taylor mit ins Boot geholt.

Gary Moore

Robert William Gary Moore ist einer der begnadetsten Hardrock- und Blues- Gitarristen auf dem Erdball. Sein genreübergreifendes Talent hat der 55-jährige Nord-Ire schon in den unterschiedlichsten Bands zur Schau gestellt – Skid Row, Thin Lizzy und Colosseum II sind nur ein paar wenige Stationen seiner langen Karriere. Solo hat sich Gary Moore besonders ab Mitte der Achtziger hervorgetan: auf Empty Rooms folgte mit Still Got The Blues die Bluesballade schlechthin und auch das als Aufmacher für einen Werbeclip verwendete Walking By Myself hallt ihm noch nach. Seit Mai 2007 steht nun seine neuste CD Close as you get in den Plattenläden. Das Album beinhaltet eine interessante Songmischung aus neuen Stücken und Coverversionen, bei denen sich der Gitarrengott auch an einigen Klassikern der Bluesgeschichte versucht hat. Der letzte Tourtermin in Deutschland war im Mannheimer Maimarktclub angesetzt, in dessen fast restlos ausverkaufte Halle Scharen von Menschen meist reiferen Alters pilgerten. Das Vorprogramm wurde vom König des Acoustic-Blues, Otis Taylor, gestaltet, wobei die Betonung mehr bei „Acoustic-Blues“ als bei „gestaltet“ lag. Im Sitzen und ohne die Verstärkung einer Band, gab der bärbeißige Afroamerikaner einen Einblick in sein sympathisch minimalistisches Repertoire, indem er abwechselnd zum Banjo oder seiner Mundharmonika griff. Zum Besten gab Taylor auch das Stück Nasty Letter vom Album Truth is not Fiction (2003), das Teil des Soundtracks zum Hollywood-Blockbuster Shooter mit Mark Wahlberg ist.

Nach der Umbauphase erschien Gary Moore mit seinen drei Begleitmusikern und zog das Tempo – ohne dabei viele Worte zu verlieren – mit seinem Klassiker Oh Pretty Woman gleich mächtig an. Obwohl der Ire Linkshänder ist, spielt er seine Gibson Les Paul über rechts und gab gleich zu Beginn die volle Breitseite. Passend zum Gitarrensound verzerrte Moore seinen Gesichtsausdruck, was in Kombination mit seiner zottelig gehaltenen Mähne ein schönes Bild auf der Bühne abgab. Für Since I Met You Baby wählte der Virtuose gleich einen Gitarrenwechsel in seinem Klampfensortiment – es ging weiter mit der bluesgerechten Gibson E-335. So hielt es sich auch mit der Titelauswahl, die einen sauberen Mix aus Rockigerem und wieder langsameren Bluesstücken ausmachte.

Wortkarg folgte auf Bad For You Baby die Ankündigung für das brandneue Stück Down The Line, um kurz danach auf die Coverversion Have You Heard von John Mayall überzuleiten. In dieser Extended-Version huldigte Gary Moore dem Vater des englischen Blues-Revivals und verlor sich zum ersten Mal richtig in ausgedehnten Gitarrenausflügen, indem er einen Höhepunkt auf den Nächsten trieb. Das nächste Stück, Mojo Boogie, folgte erst rund 15 Minuten später, und damit erste Versuche das Publikum zum Mitsingen zu bewegen. Über zehn Mal wechselte Gary im Laufe des Konzerts seine Gitarre und präsentierte seine enorme Fingerfertigkeit durch verschiedenartiges Spiel, unter anderem auch die von Bluesmusikern mit Bottleneck gespielte Slide-Technik.

Anschließend verschrieb sich Moore wieder ganz den Coverversionen. Angefangen bei dem vom Blues verzerrten klassischen Rock’n’Roll-Titel Thirty Days von Chuck Berry, über das mit mehr als nur einer Prise Soulblues versehenem I Love You More Than You’ll Ever Know von Donny Hathaway, bis hin zu der in Blues transformierten Funk-Nummer Too Tired von Johnny Guitar Watson, spielte Moore jetzt eine bunte Mixtur diverser Stilrichtungen, die mit dem Blues in verwandtschaftlicher Beziehung stehen. Unverkennbar verspielt, nutzte er fortan jede sich bietende Möglichkeit, um in einen tiefen Soli-Rausch abzutauchen und jedem Stück seine einzigartige Note zu geben. Hier setzte sich der Gitarrist noch auffälliger von seinen eiskalt in den Schatten gestellten Bandmitstreitern Pete Rees (Bass), Vic Martin (Keyboards) sowie Sam Kelly am Schlagzeug ab. Abgesehen von einem marginalen Frage-Antwort-Spiel zwischen Gitarre und Orgel degradierte Moore die Band zu austauschbaren Rhythmuslakaien und ließ das Spotlight einzig auf sein – am Ende in schweißgebadetem – Schopf erleuchten.

Zu guter Letzt ließ Gary Moore seine beiden größten Hits Still Got The Blues und Walking By Myself erklingen, wobei nun ebenfalls die mehr dem Mainstream zugeneigten Fans auf ihre Kosten kamen. Als Zugabe legte Moore mit Walkin‘ Thru The Park nach und bei The Blues Is Alright gab es ein Wiedersehen mit Otis Taylor auf der Bühne. Getragen vom einzigartigen Gitarrenspiel des irischen Meisters ging damit eine sensationelle One-Man-Show zu Ende.

Andreas Margara (21. März 2008)

Gary Moore & Phil Lynott – Out in the Fields