Kategorie: Reggae

Nneka (Karlstorbahnhof Heidelberg)

Sechs Jahre ist es her, dass Nneka ihr Debütalbum „Victim of Truth“ über das Hamburger Label Yo Mama veröffentlichte. Mittlerweile zählt die Nigerianerin zu den musikalischen Aushängeschildern Afrikas. Die Souldiva zu mimen liegt ihr jedoch fern. Stattdessen kämpft sie für ihr politisches Anliegen – mal mit erhobenem Zeigefinger, mal mit geballter Faust. Am eindringlichsten jedoch immer noch mit ihrer außergewöhnlichen Soulstimme – wie sie bei ihrem Auftritt auf dem Enjoy Jazz Festival in Heidelberg demonstrierte.

Mit 18 Jahren siedelte Nneka Egbuna von Nigeria aus nach Deutschland, in das Heimatland ihrer Mutter, über. In dieser Zeit hat sie einerseits viele negative Erfahrungen machen müssen, andererseits entwickelte sie dadurch ein politisches Bewusstsein, das fortan zum prägenden Hintergrund ihrer Musik avancierte. Meist sind es die unangenehmen Themen wie Ausbeutung, Rassismus und Intoleranz, die sie in ihren Texten anspricht. Der dazugehörige Sound ist eine quirlige Melange aus Soul, Rap, Reggae und Anleihen des im Afrobeat beheimateten Highlife. Mit Soul Is Heavy (2011) ist gerade Nnekas drittes Album erschienen, und wie der restlos ausverkaufte Karlstorbahnhof in Heidelberg belegte, hat sie damit einmal mehr den Nerv ihrer Zuhörerschaft getroffen.

Mehr als zehn Jahre hat Nneka in Hamburg gelebt, ihr Deutsch soll tadellos sein. Interviews gibt sie – auch deutschen Medien – allerdings nur auf Englisch. Auch an diesem Abend rutscht der kleinen Frau mit der großen Stimme nicht ein einziges deutsches Wort über die Lippen. Auf der Bühne wirkt sie sehr verschlossen und fokussiert. Zu einem Flirt mit dem Publikum kam es deshalb nicht, alle ihre Songs trug sie jedoch mit ungebrochener Leidenschaft vor. Mit zwei Zöpfen im Haar und unterstützt von Garry „G-Man“ Sullivan an den Drums, Nis Kötting an den Keys, Emanuel Ngolle Pokossi am Bass und Jonas da Silva Pinheiros an der Gitarre zeigte Nneka mit der Reggae-Hymne Africans gleich zu Beginn ihres Auftrittes, warum sie mit aufstrebenden Künstlern wie K’Naan als hoffnungsvolle Stimme Afrikas gilt. Während sich die 30-jährige Nigerianerin angetrieben von ihrer Band bei Something to Say weltverbesserisch gab und mit ihrem klaren Soulgesang beeindruckte, griff sie für die Ballade Do you love me now? gleich selbst zur Gitarre.

Come With Me, lud Nneka ihre Fans ein, sie auf eine musikalische Reise zu begleiten. Und da der Saal des Karlstorbahnhofs komplett überfüllt war, tanzten die Leute sogar im Vorraum zufrieden zu den afrikanischen Highlife-Rhythmen. Natürlich präsentierte Nneka auch ihren neuen Hit Soul Is Heavy, auf dem sie Soulgesang mit Rap auf einen organischen HipHop-Beat in Einklang bringt. Den Song hat sie für ihr Heimatland Nigeria geschrieben und nimmt darin Bezug auf nigerianische Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer wie Ken Saro-Wiwa, Isaac Adaka Boro und Jaja of Opobo. Westliche Einflüsse verarbeitete Nneka anschließend in einem kleinen Mash-up aus Annie Lennox und den White Stripes, bevor sie mit ihrem Welthit Heartbeat den Höhepunkt des Abends setzte. Musikalisch beendete die damit einen exzellenten Auftritt. Menschlich überzeugte Nneka durch beeindruckende Authentizität, verließ die Bühne jedoch nicht ohne die anfängliche Befremdlichkeit ganz aus dem Raum gespielt zu haben.

Andreas Margara (29. Oktober 2011)

Nneka – Soul Is Heavy 

T.O.K. (Rude 7 Mannheim)

Mit karibischen Temperaturen von 25 Grad waren optimale Rahmenbedingungen für den Auftritt der Dancehall-Stars „T.O.K.“ gegeben. Damit die gesetzliche Spaßbremse in Form des Karfreitag-Tanzverbots keinen Strich durch diese jamaikanische Rechnung machen konnte, wurde auf dem Flyer explizit noch einmal klargestellt: „Konzert, keine Tanzveranstaltung“. Stillstehen konnte das Publikum bei den treibenden Bässen am Ende dann doch nicht ganz.

Dicht an dicht drängten sich die Dancehall-Fans an diesem Gründonnerstag in Mannheims renommiertem Reggae-Club Rude 7, um T.O.K. (Abkürzung für Taking Over Kingston) live zu erleben. Auch in der Luft hing der Duft von Grünem, das vereinzelt zu dem aus Jamaika importierten Red-Stripe-Bier konsumiert wurde. Für die richtigen Tunes sorgte bereits das hauseigene Deebuzz-Soundsystem, das eine feste Institution in Mannheim ist wenn es um Reggae und Dancehall geht. So bekamen T.O.K. um Mitternacht einen gebührenden Empfang der erwartungsfreudigen Crowd bereitet. Keine zwei Minuten dauerte es, bis das jamaikanische Quartett bestehend aus Bay C, Alex, Craig T und Flexx zum ersten Mal einen von zahlreichen Reloads durchführte. Das verwunderte auch nicht weiter, denn bereits gleich am Anfang des Sets wurden Smash-Hits wie Money 2 Burn vom Stapel gelassen, bei dem die Menge mit dem größten Vergnügen einen Neustart über sich ergehen ließ. Dass die vier Männer aus Kingston auch als jamaikanische Version von BoysIIMen gehandelt werden, bekräftigten sie mit gekonnten Gesangseinlagen und ihrer vom R&B gefärbten Dancehall-Interpretation.

Neben ihrem klassischen Abgehmaterial stellten T.O.K. auch brandneue Tunes wie Friend For Life (good friends riddim) oder Bubble (brain freeze riddim) vor, was sich bei der Zuhörerschaft live allerdings noch nicht ganz durchsetzen konnte. Umso abgedrehter verhielten sich die Rude Boys und Girls dann jedoch zu Partyhits wie She’s Hot und Runaway, bei denen vom Handtuch bis zum T-Shirt alles wild durch die Luft gewirbelt wurde. Für Keep It Blazing mussten die Männer aus der Karibik nicht lange um Unterstützung bitten: unzählige Feuerzeuge wurden nacheinander in die Höhe gestreckt. Vibrierende Bässe, Gesang und teilweise bis zur Unverständlichkeit vernuscheltes Patois waren noch längst nicht alles was T.O.K. aufboten. Mit Accapellas oder durch den Einsatz von Beatbox stellten sie ihr Rhythmusgefühl nachdrücklich unter Beweis.

Außerdem hielten sie sich auch an das vertraglich versprochene „Taktgefühl“ – der schwulenfeindliche Song Chi Chi Man ist für ihre Live-Performances nach wie vor von der Setliste gestrichen. Dagegen beendeten T.O.K. ihren sehenswerten Powerauftritt mit den ruhigeren Stücken Footprints (when you cry) und Guardian Angel. Als Zugabe feuerten sie mit Eagles Cry ihren ersten Big Tune ab, der ihnen in den 90er Jahren zum Durchbruch verhalf und den Grundstein für einen lang anhaltenden kommerziellen Erfolg legte. Das Stück ist eine Neuinterpretation von When The Doves Cry von Prince. Nach knapp mehr als einer Stunde hinterließen sie damit zufriedene Raggamuffins im Rude 7, die gemeinsam mit Deebuzz noch bis tief in die Morgenstunden feierten.

Andreas Margara (25. April 2011)

Aphroe, Toni-L & Nosliw (Halle02 Heidelberg)

foto_toni_l05Die Jam-Reihe „Feuer Frei“ ist ein Mix aus einer HipHop-Jam und einem Reggae-Clash. In der Heidelberger Halle-02 trafen unter anderem Dreimaleins, Mr.Bayse, Movement Occidental und Künstler aus dem Heidelberg Cypher auf Größen wie Toni-L und Aphroe von RAG. Für den nötigen Dancehall-Vibe auf dem HipHop und Reggae Clash sorgten dabei der Berliner Kimoe und der charismatische Nosliw aus dem Rootdown-Camp. Es entwickelte sich ein Clash, der besonders durch den übergreifenden Vibe der verschiedenen Stilrichtungen überzeugte.

Den Anfang an diesem ereignisreichen Abend machte Dago aus dem Heidelberger Cypher. Unterstützung für sein „lyrisches Feuer“ bekam der Rapper und Poetry-Slammer von Lingo, mit dem er gemeinsam einen guten Auftritt hinlegte. Momentan arbeitet Dago an seinem Album Agapan und leitet außerdem einen Rap-Workshop in einem Jugendtreff in der Heidelberger Altstadt. „HD City-Cypher“ nennt sich das Projekt, und durch den Auftritt ihres Mentors bot sich nun auch für die Jugendlichen die Gelegenheit, die Mikros für einen Track live zu testen und erste Bühnenerfahrung zu sammeln

Für eine Kombination aus Modern-Roots Reggae und Dancehall sorgte anschließend Kimoe aus Berlin. Während DJ Axlclaat vom ShiningSpliffSound die Riddims spielen ließ, forderte Kimoe dazu auf, den Club „abzufackeln“. Feuer frei also im wahrsten Sinne des Wortes – die Stimmung konnte er allemal anheizen, man darf also gespannt auf Kimoes Album sein, das im Sommer erscheinen soll.

Danach gab es erneut einen musikalischen Bruch, denn mit Aphroe von der Ruhrpott AG (RAG) war wieder HipHop in seiner Urform angesagt. Als Raid (zusammen mit DJ Wiz) war Aphroe auf nahezu jedem stilprägendem Deutschrap- Sampler vertreten und als Mitglied des Künstlerkollektivs La Familia hat er maßgeblich zu einer neuen Qualität im deutschen HipHop beigetragen. Als Unterstützung hat Aphroe seinen Kumpel Rheza aus dem Pott mitgebracht, den man unter anderem von Pahels Soloalbum Natur Des Menschen kennt. Kein Solodebüt (in Albumlänge) wird von der hiesigen HipHop-Gemeinde sehnsüchtiger erwartet als Kavaliersdelikt von Aphroe. Eine erste Kostprobe davon gab es an diesem Abend mit Kleiner Mann, bei dem sich der – leider etwas kleiner als erwartete – Menschenpulk vor der Bühne mit Kopfnicken und tosendem Applaus bedankte. Das RAG-Album Untertage ist ein absoluter Meilenstein in der Geschichte des deutschen Sprechgesangs – die inhaltliche Tiefe auf die Galla, Pahel und Aphroe dabei abgetaucht sind, ist nach wie vor unerreicht. Grund genug, dass Aphroe den Fans ein kleines Medley, bestehend aus Westwinde, Untertage und Kopfsteinpflaster, darbot und die Meute damit zum Ausrasten bewegte. Weiter ging’s mit neuerem Material: Requiem for a Dream und Bedienung zusammen mit Rheza. Auch an einer Zugabe kam der „most anticipated“-MC nicht herum, deshalb unterstrich Aphroe am Ende noch einmal auf Pharcyde’s Drop-Instrumental wer der King im Textekicken ist!

l_466353d86628e7a7fc629e9118aeeaebNosliw, der seine Roots mit seiner alten Crew, Die Unendlichen Gedichte (DUG), ebenfalls im HipHop hat, war gespannter Zuschauer bei Aphroes Performance und trat anschließend selbst auf die Bühne. Hört nicht auf bildete den Auftakt für den Good-Vibration-Sound des sympathischen Mannes aus Bonn. Nosliw ist ein sehr vielseitiger Künstler, der neben seinen melodischen Reimen unter anderem auch Gesang in seine Musik einfließen lässt. Ihn kann man Immer wieder hörn und speziell das weibliche Publikum weiß seine sanfte Seite (Oh My Gal, Königin) sehr zu schätzen. Doch gerade durch seine politischen Statements und die clever verpackte Gesellschaftskritik zeigt Nosliw, dass er ein ernstzunehmender Künstler mit hohem Anspruch ist. Mehr Davon, Mr.Wilson! (Im Sommer wird Nosliw u.a. beim Chiemsee Reggae Festival performen.) Die kleine Halle hatte sich mittlerweile noch weiter gefüllt, nächster in der Reihe war das Heidelberger HipHop-Urgestein Toni-L.

Live setzt der einstige Hardcore-Gladiator inzwischen mehr auf den Funkjoker und weckt mit seiner feinen Melange aus Funk, Soul und Sprechgesang in jedem Partybesucher das Funkanimal. Durch seine langjährige Bühnenerfahrung hat Toni ein unerschöpfliches Repertoire an Styles und Skills, was man in jeder seiner Shows zu spüren bekommt. Den restlichen Teil der Jam füllten wechselnde Deejays und das Movement Occidental-Kollektiv. Auch Mr.Bayse, den wir vor kurzem ausführlich interviewt haben und zwei Drittel der DreimaleinsCrew (leider ohne Rapper Lookey) durften sich noch am Mic  präsentieren.

Am Ende bleibt ein interessanter Clash zu resümieren, der besonders durch den übergreifenden Vibe der verschiedenen Stilrichtungen überzeugte und sowohl Newcomern als auch alten Hasen eine Plattform bot.

Andreas Margara (20. Mai 2008)

RAG – Kopfsteinpflaster

Nosliw (im Rude 7 Mannheim)

Die Fanbase von deutschem Reggae wächst beständig und immer mehr Acts schaffen es, sich erfolgreich zu etablieren. Vor allem Nosliw aus dem Rootdown-Camp erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Sein Stil, den man am besten mit „Conscious-Reggae“ charakterisieren könnte, ist ein gelungener Mix aus guter Musik und durchdachtem Inhalt.

nosliw

Reggae aus Deutschland befindet sich weiter unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Das belegte unter anderem die ellenlange Warteschlange am gestrigen Abend vor dem Rude 7, in das die DeeBuzz Crew zur Reggaeneration geladen hatte und mit Nosliw im Line-up einen wahren Publikumsmagneten darbieten konnte. In Sachen Reggae-Club steht Mannheim mit seinem Rude 7 laut der alljährlichen Umfrage der Zeitschrift Riddim ganz oben auf dem Siegertreppchen, wobei sogar Locations wie das Petit Prince in Köln, das Yaam in Berlin und der U-Club in Wuppertal auf die Plätze verwiesen werden konnten. Das hauseigene Soundsystem DeeBuzz wurde übrigens nach PowPow und Supersonic auf dem dritten Platz zu einer der beliebtesten Crews in ganz Deutschland gevotet. Hatte man sich erstmal durch die gewaltige Anstehschlange gekämpft wurde man von Mannheims Party Maschine Nr. 1 alsgleich mit den ersten Riddims versorgt. Tunes von T.O.K. und Sizzla wurden dabei mit den eigenen Dubplates vermischt. Neben dem positiven Signal, dass sich tatsächlich so viele Menschen an Reggae und Dancehall erfreuen können, wirkten sich allerdings auch gleich die negativeren Seiten mit ewig langen Wartezeiten an Bar, Garderobe und WC aus, die alles andere als preisverdächtig waren.

Musikalisch wurde nun Uwe Kaa vom Roots Rockers Soundsystem aus München der Platz am Mikrophon überlassen. Ähnlich wie Nosliw früher als Rapper bei Die Unendlichen Gedichte aktiv war, ist Uwe vielleicht noch einigen aus Fett-MTV Zeiten bekannt, als das Rap-Video zu Flying High regelmäßig rotierte und er mit seiner Crew Reim in da Tube zu sehen war. Mittlerweile hat der 31-jährige als Lead-Sänger der Roots Rockers schon einige 7 und 12“ in der Reggae-Sparte veröffentlicht und damit noch mal einen Gang tiefer in den früher ohnehin schon chilligen Tracks geschaltet. Tanzen & Schrei’n ist einer seiner Hits die bei seiner Performance nicht fehlen durften, ansonsten ging nach fast einer Stunde ein relativ durchschnittlicher Auftritt zu Ende.

nosliw mehr davon

Mit dem One-Drop Tune Lauter und einem euphorischem „Yes Mann!“ bestieg Headliner Nosliw die Bühne und erfreute sich gleich weitaus größerer Begeisterung von der dicht gestaffelten Crowd. Neben Lee Everton, Mono & Nikitaman gilt Eric Alain Wilson als Führungskopf des deutschsprachigen Reggaes und ist natürlich wie ein Großteil der ernstzunehmenden Reggae-Riege aus der Bundesrepublik auf Rootdown Records gesignt. Wenn man ihn einmal gehört hat, möchte man ihn Immer wieder hörn und so lautete auch das nächste Stück. Nosliws Repertoire ist gespickt mit schönen Roots-Nummern, die von gesellschaftskritischem bis hin zu politischen Statements reicht. Nicht zuletzt erfreut er sich vor allem bei seiner riesigen weiblichen Fanbase großer Beliebtheit durch seine Liebeshymnen mit Tiefgang. Königin zusammen mit Max Herre von seinem ersten Album Mittendrin (2004) ist nur ein Beispiel dafür.

Nosliw ist ein echter Sympathieträger und wohl weniger ein Rude Boy, was er durch seine netten Zwischenansagen unter Beweis stellt. Besonders schön zu sehen war auch, wie er das im Durchschnitt doch eher junge Publikum mit sozialkritischen Texten, wie in Wie weit, trotz des allgegenwärtigen Party-Vibes auf die vielen Missstände in der Welt aufmerksam macht und für die Politik sensibilisiert. Weiter ging’s mit dem schon älteren Titel Oh My Gal, um danach mit Bleib mal cool wieder ein Stück vom neuen Album Mehr Davon (2007) zu spielen. Auch wenn der Auftritt sicherlich durch das große Gedränge etwas leiden musste, behielt Nosliw souverän die Oberhand im Geschehen.

Anschließend war es wieder an der Zeit für das hiesige DeeBuzz Soundsystem, um mit einer geladenen Portion Dancehall noch einmal in die Vollen zu gehen. So vibrierten die Wände des Rude 7 noch bis spät in den frühen Morgen, Big Up!

Andreas Margara (2. März 2008)

Gentleman (Maimarktclub Mannheim)

gentlemanAls Europas Reggae-Star No.1 wird Gentleman gefeiert. Nach seinem Nummer 1 Album „Confidence“, folgte nun im Jahr 2007 sein bereits viertes Studioalbum „Another Intensity“. Jetzt war der Kölner zu Gast in Mannheim, um sein aktuelles Album auch live zu präsentieren. Mit gleich 3 Vorgruppen stand dem Publikum eine lange Reggae-Nacht bevor. Gentleman selbst spielte einen Auftritt von über zwei Stunden Länge mit mindestens 40° Reggae-Fieber.

Erste Vorgruppe des Abends war das Dub-Reggae Künstlerkollektiv Tiger Hifi aus Berlin. Das hiesige Soundsystem DeeBuzz legte anschließend noch einen drauf, um den Mannheimer Maimarktclub und die immer noch anströmenden Menschenmassen bei den frostigen Außentemperaturen auch richtig anzuheizen. Mit dem Sound von Barrington Levy und Co. zum Warm-Up, gelang den Plattenlegern wenigstens der mentale Sprung in die jamaikanische Klimazone. Nur mit seiner Gitarre im Gepäck erschien danach der Berliner „Rainbow Warrior“ Martin Jondo als zweite Vorhut auf der Bühne. Von den Lesern der Zeitschrift „Riddim“ wurde er 2005 noch zum Newcomer des Jahres gewählt und nun präsentierte er live einige Akustikversionen. Unter anderem auch Get Up Stand Up, das die Reggae-Großmeister Peter Tosh und Bob Marley einst komponierten. Eine volle, aber nicht ganz ausverkaufte Halle, die sich aus einer Vielfalt bunter Menschen zusammensetzte, ließ sich dabei allerdings noch nicht komplett mitreißen.

Die Frage, die sich dann stellte, war, ob es der Far East Band und ihrem Frontmann überhaupt gelingen würde diese große Menge heute zu rocken, wo doch fast die gesamte Band von der Grippewelle kalt erwischt wurde und auch unser geplantes Interview mit Gentleman wegen hohem Fieber verschoben werden musste.

Entgegen aller Befürchtungen tauchten wenig später alle Akteure auf und ließen die Zweifel schnell verblassen. Lack Of Love vom neuen Album Another Intensity hieß der erste Titel – der Dancehall-Veteran Sizzla ließ grüßen. Damit war gleich für reichlich Tempo gesorgt. Gentleman gab alles an abrufbarer Power und nutzte die gesamte Breite der großen Bühne durch aktives Hin und Her aus. Tatkräftige Hilfe bekam er natürlich von den sieben Far-East-Musikern und den drei weiblichen Reggae-Chanteusen Blaine, Mamadee und seiner Frau Tamika. Die erste Single des neuen Albums, Different Places, war das darauf folgende Stück. Von verschiedenen Orten kann Gentleman wahrlich ein Liedchen singen, war er doch im Vorjahr erst auf großer Auslandstournee (USA, Karibik, Surinam und Marokko) unterwegs.

Bevor die wunderbare Tamika selbst Platz für ihre Solostücke eingeräumt bekam, wurde mit Dangerzone intensiv weiter das neue Album abgefeiert. Die neuste Single, Serenity, die aktuell auf den verschiedensten Radiostationen kreist, folgte als nächstes. Der Tanktop-Mann belegte dabei deutlich seine Bühnenpräsenz, auch wenn die tolle Show – die mit dem Zusammenspiel zwischen Far East Band und Gentleman steigt und fällt – schwer durch die Industriehallen-Atmosphäre des Maimarkts zu transportieren war. Die ersten Reihen bekamen in der heutigen Reggae-Night deutlich mehr Show zu spüren.

gentlemanMit Intoxication, das Gentleman extra für seine Tamika geschrieben hat, wurde schließlich der Teil des Auftrittes eingeläutet, bei dem es nun auch die Hits der Alben Journey To Jah (2002) und Confidence (2004) zu hören gab. Die Menge war nun um einiges gelöster, dennoch wollte die Top-Stimmung, die der Band gerecht geworden wäre, nicht wirklich aufkommen. Kein Riddim blieb nun mehr aus, das volle Repertoire wurde ausgespielt: Runaway, Superior und schließlich der Roots-Klassiker Dem Gone. Die dazugehörigen Zeilen mussten dem Publikum allerdings fast entlockt werden. Dabei wurde das jamaikanische Patois nicht einmal verlangt, ein einfaches „sooo far away…“ hätte dem Mann am Mikro schon geholfen. Erst im zweiten Anlauf beteiligte sich dann der Großteil der Halle.

Das Umschalten vom chill-out Mood zum treibenden Dancehall-Brett Leave Us Alone klappte danach umso besser. Diesen fast zweieinhalbstündigen Auftritt mit mindestens 40° Reggae-Fieber krönte Gentleman schließlich mit einer äußerst netten Hanf-Hommage: Legalize It. Trotz der phasenweise unüblichen Stimmung für Gentleman-Konzerte, die am heutigen Tag sowohl auf die Location als auch auf die Crowd zurückzuführen war, lieferte der angeschlagene Root-Boy eine sehenswerte und vor allem lange Performance ab.

Big Up, Bumboclaat!

Andreas Margara (28. November 2007)

Nosliw (im Feel’s Club Mainz)

1019232754_lDeutschland befindet sich schon länger im Reggae- und Dancehall Fieber. Die Fanbase wächst kontinuierlich und immer mehr deutschsprachige Acts schaffen es sich erfolgreich zu etablieren. Die Rootdown Records Künstler Nattyflo, Maxim, und Mono & Nikitaman sind längst keine Unbekannten mehr auf dem hiesigen Musikmarkt. Vor allem Nosliw aus dem Rootdown-Camp erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Produziert von Seeed und Gentleman erscheint 2004 sein Album „Mittendrin“, das man vielleicht am besten mit der Beschreibung „Conscious-Reggae“ charakterisieren könnte.

Inspiriert von amerikanischen Raptexten fängt Nosliw alias Eric Wilson (Nosliw ist Wilson rückwärts gelesen) schon früh in den Neunzigern mit dem Reimen an, um wenig später erste Gehversuche zusammen mit Doc Holliday im Sprechgesang auf Deutsch aufzunehmen. Dieses Bonner Gespann nennt sich fortan D.U.G. (Die Unendlichen Gedichte) und feiert kleinere Erfolge in der Untergrund-Szene des noch jungen deutschen Raps. Die 1999 veröffentlichte 12inch „Verbales Dope“, zählt zu den bekanntesten Werken der Crew. Von nun an trägt Nosliw seine Texte sanfter und mit mehr Melodie vor und die Beats verwandeln sich in rhythmische Reggae Riddims.

Zurzeit befindet sich Nosliw auf Tour und wir hatten das Glück ihn als Teil der Lionpeople Soundsystem-Show im Mainzer Feel’s Club Live zu sehen. In gemütlicher Clubatmosphäre mischt sich Nozz schon früh unters Publikum, um dem ein oder anderem Dancehall-Tune zu lauschen. Gegen Mitternacht betritt er dann sympathisch und gut aufgelegt die kleine Bühne vor dem Turntablepult und fährt seine Show ab. Es Ist An Der Zeit ist eines der ersten Stücke. Früh fällt auf, dass Nosliw’s aufrichtige Texte auch wirklich ehrlich gemeint sind, was bei einer Live-Begegnung mit ihm deutlich zu spüren ist. Positive Vibrations. Die Menge weiß das zu schätzen und unterstützt ihn, so gut sie kann, mit ihrem Gesang. Die nicht-aufgeben-Attitüde verdeutlicht er seinen Fans mit Manchmal, auf den von Silly Walks passend dazu geformten Riddim. Boah! leitet er dann den Part der Show ein, der ausschließlich den Frauen und der Liebe gewidmet ist. Die Liebeserklärung Oh My Gal oder eines der Highlight Tunes an diesem Abend, Königin, bei dem Nosliw mal eben den Part von Trackpartner Max Herre einfach mit übernimmt, folgen aufeinander. Immerzu ragt dabei unverkennbar das weiße Handtuch mit dem gestickten Nosliw Namenszug aus seiner Baggy-Tasche.

Der Tune Wie Weit ist eine Riddim Produktion von Teka mit dem Namen Crystal Woman, zu dem sogar ein kompletter One-Riddim Sampler existiert. Den nächsten Höhepunkt liefert der 32-jährige Nosliw mit seinem Big Tune Nur Dabei. Auf diesem Stück, das sich allgemein gesellschaftskritisch gegen Hedonisten richtet, wird normalerweise exemplarisch die Gruppe Scooter gedisst. Heute variiert Nosliw allerdings erst mit Tokio Hotel und anschließend mit Bushido beim Reload. Der dazugehörige Doctor’s Darling Riddim stammt aus dem Hause Seeed. Nicht nur die Mainz Massive, sondern auch Nosliw haben sichtlich Spaß bei seiner Performance. Als erste Zugabe spielt er den Titel Musik. Danach stellt er die für April geplante Singleauskopplung Immer Wieder Hören vor, die auch auf dem am 4. Mai kommenden zweiten Album „Mehr Davon“ zu finden sein wird.

Der Auftritt geht im Anschluss noch fließend in eine Reggae-Party über und zieht sich noch bis spät in die Nacht stetig steil bis Ladenschluss. Festzuhalten bleibt: Nosliw Live am Mic zu erleben ist extrem lohnenswert! Er ist intelligent, sozialkritisch und insbesondere musikalisch sehr talentiert. Und nebenbei auch noch äußerst beliebt bei den Frauen. Eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit mit R’n’B-Schönling Craig David lässt sich ja auch nicht verkennen. Dieses Jahr wird er auch beim Jubiläums-Splash! auftreten. Vermutlich darf man sich dann auf eine gemeinsame Performance von Königin zusammen mit Max Herre freuen, der auch auf dem Line-Up für 2007 steht.

Andreas Margara (12. März 2007)