Kategorie: Jazz

The Robert Glasper Experiment (Alte Feuerwache Mannheim)

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Robert Glasper ist ein Doppelagent. Getarnt als Jazz-Pianist hat sich die Keyboard-Koryphäe zum heimlichen Lieblingsproduzenten von HipHop-Recken wie MF Doom, Common, Mos Def oder Jay-Z gemausert. Einen Grammy für das beste R&B-Album holte Glasper sich letztes Jahr noch für Kooperationen mit Bilal und Erykah Badu ab. Beim Enjoy Jazz Festival trat er in Quartett-Formation als The Robert Glasper Experiment auf.

„Double Booked“ lautet der Titel von Robert Glaspers drittem Album – passenderweise schlug der Jazz-Pianist aus Houston, Texas gleich doppelt in Mannheim auf. Nachdem Glasper, der selbst an der renommierten High School for the Performing and Visual Arts in Houston studiert hat, im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals mittags einen Workshop an der Popakademie für Studierende abgehalten hatte, spielte er abends in Begleitung von Mark Colenburg (Drums), Derrick Hodge (Bass) und Multi-Instrumentalist Casey Benjamin in der Alten Feuerwache auf.

Den Soundcheck verlegte die entspannte Vierer-Kombo um den sympathischen Glasper kurzerhand in die eigentliche Show und stimmte sich zum Intro ganz gemächlich über ein J-Dilla-Arrangement ein. Einen ersten Einblick in sein variationsreiches Effekte-Repertoire lieferte Benjamin mit einer ersten Vocoder-Einlage, für die er das Saxophon beiseite legte und sich die Keytar umschnallte.

Komplexe Klangbilder

Mit einer eklektischen Mischung, die Einflüsse aus Jazz, Neo-Soul, HipHop, Gospel und R&B verbindet, improvisiert das Robert Glasper Experiment komplexe Klangbilder. Völlig unverblümt wagt sich das Quartett dabei an Stücke von Nirvana, Radiohead oder David Bowie heran und interpretiert sie neu. Mit der hypnotischen Coverversion von Daft Punks „Get Lucky“ konnte Glasper an diesem Abend jedoch nur vereinzelt beim äußerst heterogenen Publikum punkten.

Von der eigenen Vielseitigkeit gehemmt

Angeführt vom umtriebigen Sound-Tüftler Benjamin, der sein Saxophon mit Effektpedal nach Belieben variierte, über Mark Colenburg, der mit seinem elektrischen Drum-Set unterschiedlichste Snare-Sounds erzeugte, verliehen die Instrumentalisten jedem Song eine völlig neue Personalität. Der virtuose Vierer klang deshalb vielmehr nach acht Leuten auf der Bühne. Doppelt besetzt statt doppelt gebucht. Gelegentlich schienen die Musiker an diesem Abend jedoch regelrecht über ihre eigene Vielseitigkeit zu stolpern.

Immer wieder tauchte Glaspers Jazz in HipHops Dunstkreis und förderte innovativ-inszenierte Cover, wie zum Beispiel das atmosphärische The Light von Common zutage. Nach knapp zwei Stunden mündete die sehr verspielte aber nicht immer hörerfreundliche Jazz-Session in seine letzten Blue Notes. Nicht alle Zuschauer hatten bis zum Ende ausgeharrt.

Bonobo (Alte Feuerwache Mannheim)

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Simon Green versteht es elektronische Musik in ein organisches Gewand aus kraftvollen Beats und sanften Melodien zu hüllen. Konzerte des Londoner Produzenten Bonobo gleichen einer Reise durch die Sphären. Mit neuem Album im Gepäck und einer vierköpfigen Band im Rücken spielte er zum ersten Mal in Mannheim.

Den Auftakt in der restlos ausverkauften Alten Feuerwache bereitete Beat-Produzent Flako aus dem erlesenen Kreis von Project Mooncircle.

Dass es zurzeit kein Vorbeikommen an dem in Berlin (und eigentlich überall auf dem Globus) ansässigen Künstlerkollektiv gibt, veranschaulicht unter anderem ein Blick auf das Programm der Alten Feuerwache, wo gerade erst KRTS (Backpackers Tribute Anniversary Jam) gastierte und bald schon Robot Koch die Knöpfe und Regler kontrolliert.

Eine halbe Stunde lang arbeitete Flako sich mit seinem unkonventionellen Set zunächst über soulhaltige Grooves hin zu pulsierenden Bassbeats, die er stets mit elektronischen Spielereien anreicherte. Entlang einer bunten Palette verschiedener Stilrichtungen führte der zwischen London und Berlin pendelnde Produzent schon bestens in die Kunst des Beatschraubens ein.

Vor drei Jahren veröffentlichte Bonobo das viel gelobte Album Black Sands über das experimentierfreudige Label Ninja Tune, auf dem nun auch sein neues Werk The North Borders erschien. Mit Anleihen aus Garage und House stellt Bonobo hier seine Vielseitigkeit einmal mehr unter Beweis.

Wie man den hypnotischen Bonobo-Sound erfolgreich aus dem Chill-out Room in die Live-Arena befördert, präsentierte der Londoner mit seiner schlagkräftigen Action-Kombo im Rücken. Johnny Tomlinson am Keyboard, Mike Lesirge (Blasinstrumente), Ewan Wallace an der Gitarre und Jack Baker am Schlagzeug orchestrierten die Downtempo-Beats gemeinsam mit Multiinstrumentalist Green.

Die gesangsstarken Parts, die auf Black Sands ursprünglich Andreya Triana beisteuert, übernahm die charismatische Chanteuse Szjerdene. Auf The North Borders ist sie gleich auf mehreren Songs zu hören.

Von der ersten Minute an gelang es Bonobo das Publikum mit seinen selbst eingespielten Xylophon-Rhythmen von Cirrus einzufangen und die Brücke in eine andere Dimension zu schlagen. Mit geballter Intensität fluoreszierte anschließend gleich Stay the Same durch die Soundanlage und schwirrte fortan schwerelos durch den Raum.

Ebenso vielschichtig wie seine Arrangements, bettet sich eine jeweils behutsam erzeugte Ästhetik der einzelnen Songs in die komplexe Bonobo Soundstruktur.

Seine eklektische Mixture aus Electro, Jazz, Soul, House und vielen weiteren nicht zuzuordnenden Genres hielt sich jedoch ideal die Balance und verschmolz am Ende zu einem stimmigen Set, das von Eyesdown, den asiatisch-melodiösen Streichern aus Kiara und dem vollen The-North-Borders-Programm keine Wünsche mehr offen ließ.

Große Kunst!

Sade (Festhalle Frankfurt)

Sade Adu verabscheut Inszenierungen abseits der Bühne. Ihr Privatleben ist Tabu, Interviews lehnt sie kategorisch ab. „Anti-Madonna“ wird sie deshalb auch genannt. Doch das kann der Britin mit nigerianischen Wurzeln egal sein, denn sie spielt in einer ganz eigenen Liga, wie 50 Millionen verkaufte Tonträger belegen. Selbst wenn es jahrelang still um Sade Adu war, wird sie bei ihrer Rückkehr in ausverkauften Hallen empfangen. Ihre Anziehungskraft ist magisch. Nach 18 Jahren Pause präsentiert sie sich erstmals auch wieder auf deutschen Bühnen. In Frankfurt haben wir das Comeback der Bühnendiva miterlebt. Die Festhalle war natürlich ausverkauft.

Eigentlich ist Helen Folasade Adu nur die Frontfrau des erfolgreichen Quartetts namens Sade, das seit 1984 in gleicher Besetzung mit Stuart Matthewman an Gitarre und Saxophon, Paul Spencer Denman am Bass und Andrew Hale am Keyboard zusammen musiziert. In der Regel wird Sade aber auf seine gleichermaßen cool wie charismatische Frontfrau reduziert. Zehn lange Jahre ließ die Band auf eine neue Veröffentlichung warten, ehe Soldier of Love 2010 erschien. Enttäuscht haben sie damit nicht, doch die Feuertaufe stand mit der bevorstehenden Welttournee erst noch an.

Eröffnet wurde der Abend in Frankfurt von The Jolly Boys. Als Boys gehen die Mitglieder der jamaikanischen Rentnertruppe allerdings nur noch mit Augenzwinkern durch – 1955 haben sie sich formiert, vier Jahre bevor Sade Adu geboren wurde. Mit munteren Coverversionen von Do It Again, Golden Brown oder Rehab, die sie allesamt im folkloristischen Mento-Stil – einem Vorläufer des Reggaes – vortrugen, sorgten sie für angenehme Stimmung. Wer im Anschluss eine Verkettung meditativen Schlafzimmer-Grooves erwartete, hatte weit gefehlt. Mit bombastischem Bühnenbild und apokalyptischen Drumschlägen zog Sade zum Marschrhythmus von Soldier Of Love in die ausverkaufte Festhalle in Frankfurt ein. „Perfektion“ beschreibt die nachfolgenden zwei Stunden am besten. Geschmeidiger Bar-Jazz, der durch aufwendige Projektionen in Film-Noir-Ästhetik und wechselnde Passepartouts inszeniert wurde, traf auf treibende Beat-Arrangements, der die 7.500 Zuschauer immer wieder von den Sitzen holte.

Während das Saxophon beim einfühlsam gehauchten Your Love Is King zum ersten Mal zum tragen kam und unmittelbar bis ins Rückenmark hervorstach, zeigten Sade mit Bring Me Home eine Kostprobe der modernen Elemente des neuen Albums: pochende Bässe und Synthesizersounds. Dass Sade Adu vom Planeten der Liebe stammt, stellte sie mit No Ordinary Love, Still In Love With You und All About Our Love unmissverständlich klar. Gerade aber, als man sich inmitten all des Schwelgens dabei ertappte, die thematisch limitierten Inhalte zu verurteilen, setzte sie speziell mit letzterem Stück wieder Akzente. Eine beeindruckende Helikoptersimulation mit Suchscheinwerfern und Rotorengeratter, die mir dem fanfarigen Drumset einhergingen, verliehen dem Titel nachdrückliche Intensität. Überhaupt gab es zu jedem Stück eine meist cineastische Inszenierung durch Visualisierungen, Vorhänge und Scheinwerfer. So auch das durch ein langes Intro zelebrierte Smooth Operator – der ultimativen Blaupause für Smooth Jazz.

Als böte die sympathisch erstrahlende Schönheit nicht schon genug Reize für das Auge, ließ sich die 52-jährige immer wieder eine neue Kulisse schaffen und passte sich selbst oft mit wechselndem Outfit an. Alles zum Ärger der Fotografen, die von der Sängerin in einen Fotograben vor die hintersten Ränge verbannt wurden und sich der Diva nur mit Weitwinkel annähern konnten. Für Jezebel und Pearls rückte die Band in den Hintergrund, bei Is It a Crime fielen Vorhänge in samtenem Rot von der Decke. Nach Kiss Of Live und The Sweetest Taboo lud Adu dann mit offenem Haar und in weißer Abendrobe in ihr überdimensionales Schlafgemach um King of Sorrow zu performen. Alles mit einer Stimme in strahlendem Timbre, das live noch viel größere Entfaltung offenbarte als Studioaufnahmen je einfangen könnten. Paradise und Nothing Can Come Between Us bildeten dann den Auftakt zum Finale By Your Side, das im Glitterregen etwas kitschig eingebettet wurde. Mit „Frankfurt, I love being by your side“ verabschiedete sich Sade Adu schließlich von der Bühne, um kurz darauf überraschend in knallrotem Dress wieder zu erscheinen und das Encore Cherish The Day zu spielen. Ein rundum perfekter Sade Auftritt mit grandios aufgelegter Frontfrau nahm damit exakt nach zwei Stunden sein Ende. Man darf gespannt sein, wann sich die bezaubernde Diva wieder zurück meldet…

Andreas Margara (14. Mai 2011)

Dee Dee Bridgewater (Königssaal im Schloss Heidelberg)

Mit ihrem neuen Album zollt Dee Dee Bridgewater nach Ella Fitzgerald erneut einer der ganz Großen Jazz-Sängerinnen Tribut: Billie Holiday. Dabei zählt die fast 60-jährige Chanteuse selbst längst zu den Grand Dames des Genres. So trat sie in den 70er Jahren bereits mit Größen wie Sonny Rollins, Dexter Gordon, Dizzy Gillespie und Ray Charles auf und wurde im Laufe ihrer Karriere mit Auszeichnungen überhäuft. Im Heidelberger Schloss huldigte sie heute ihrem großen Vorbild Lady Day, der Königin des Jazz.

Als die sommerliche Abendsonne das Heidelberger Schloss gerade in seinen schönsten Farben illuminierte, betrat Denise Garrett die Bühne des Königssaals, um das magische Szenario über den Dächern der Stadt mit den richtigen Klängen zu vertonen. Lady Sings the Blues hieß das Konzept heute, bei dem Dee Dee Bridgewater Stücke von Billie Holiday interpretierte. Ganz in schwarz gekleidet und mit einer Grace-Jones-anmutigenden Glatze, stimmte sie schon bald eines der bekanntesten Lieder von Lady Day an: Strange Fruit. Obwohl ein solcher Klassiker, den Billie Holiday 1939 in New York mit emotionaler Schlagkraft als Aufschrei gegen die Lynchmorde vortrug, kein leicht zu covernder Titel ist, gelang es Dee Dee und ihren vier Begleitmusikern zumindest den nötigen Tiefgang zu erzeugen.

Der Abend war geprägt von Gegensätzen. So folgte auf das behagliche Don’t explain ein musikalischer Weckruf mit New Orleans Flavor, bei dem Bridgewater zu einer lasziven Tanzeinlage überwechselte. Aus einer Lounge-Atmosphäre heraus, in der sie sich dekadent die Luft zufächerte und schmiegsam wie ein Kätzchen auf dem Stuhl breit machte, setzte sie just im nächsten Moment zur Attacke mit vollkehliger Jazzröhre an. Genau mit diesem größeren Umfang ihrer Stimme unterscheidet sich Bridgewater von ihrem großen Einfluss Billie Holiday, die wenig dazu neigte bis zum Äußersten zu gehen.

Besonders viel Aufmerksamkeit widmete Dee Dee ihren Musikern, die, wie sie erklärte, alle unverheiratet und blutjung sein müssen, um mit ihr auf Tour gehen zu dürfen. Mit der Bemerkung „I’m a cheap Babe these days“, machte sie sowohl ihrem Drummer Gregory Hutchinson und dem Pianisten  Edsel Gomez schöne Augen. Besonders abgesehen hatte sie es aber auf ihren Saxophonisten Craig Handy, dessen Nachnahme ihre Phantasie allein schon zu sexuellen Anspielungen anregte und schließlich bei dem Bluessong Fine And Mellow in einem offen ausgetragenen Flirt endete. Bei Your Mother’s Son-In-Law, einem Song aus den frühen Billie-Jahren Anfang der 30er, passte sie sich mit ihrem Körper sogar seitlich in den Korpus des Kontrabasses ein, um die Schwingungen aufzunehmen, die Stefan Lievestro damit verbreitete.

Obwohl sexuell etwas unausgeglichen, sprühte Dee Dee Bridgewater nur so vor Lebenskraft. Lover Man (Oh, where can you be?) gab es deshalb vorgetragen in einfühlsamer Leidenschaft. A foggy Day (in London town) widmete die Mutter der Jazzsängerin China Moses kurzerhand der Stadt Heidelberg. Mit der Ballade Good Morning Heartache hatte Bridgewater dann das komplette neue Album Eleanora Fagan (1915-1959): To Billie With Love From Dee Dee (2010) durchgesungen. Dee Dee Bridgewater konnte das Publikum durch ihre witzigen Ansagen heute oft zum Lachen bringen und schaffte es dennoch, die Melancholie und den Schwermut der Billie Holiday Balladen zu transportieren.

Andreas Margara (27. April 2010)

für regioactive.de

Mr.Bayse, Amenta & Brittany Bosco (Halle01 Heidelberg)

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Amenta

Wer Kunst nicht nur aus zweiter Reihe betrachten, sondern selbst miterleben möchte, der ist bei den Veranstaltungen von TRU! genau richtig aufgehoben. Während junge Künstler bei der Reihe die Chance bekommen ihre Werke auszustellen, sorgen Musiker und DJs aus urbanem Umfeld für das passende Klangerlebnis. Diesmal waren der Rapper Mr.Bayse und die Chanteusen Amenta und Brittany Bosco bei der Heidelberg-Session zu Gast.

Für die Ausstellung in der Halle01 waren die beiden Mannheimer Visualisten Alexander Münch und Pablo Fontagnier zuständig. Neben Kunstfotografie zeigte Münch ein Potpourri aus den von ihm abgelichteten Rappern aus Deutschland. Wie seine Fotos von Tua oder Sprachtot veranschaulichen, gelingt es ihm auf besondere Weise die Persönlichkeit seines Gegenübers einzufangen und ausdrucksstark zu inszenieren. Von Fontagnier, der vielen besser unter dem Pseudonym Hombre Uno bekannt ist, gab es seine charakteristischen Graffitifiguren zu sehen. So richtig ins Rollen brachte die Vernissage dann DJ Tommy D, der die Drehscheiben mit einer feinen Auslese an Rapplatten bestückte.

Zur festen Institution der TRU-Sessions gehört die hauseigene Band, die sich aus Konrad Henkelüdeke (Drums), Markus Ganter (Bass) und Georg Wende (Keys) aus dem Kreis der Popakademie Baden-Württemberg zusammensetzt. Besonders gespannt war das für Rappartys ungewöhnlich reife Publikum auf die Performance von Mr.Bayse. Obwohl er schon seit mehr als zwölf Jahren im Umgang mit Mics geübt ist und Bühnenerfahrung en masse sammeln konnte, war es in den letzten Jahren eher ruhig um ihn. Um das zu ändern, erscheint nun fast jede Woche ein „Thought of the Day“ von Bayse, bei denen er seinen Gedanken freien Lauf lässt und über aktuelles Tagesgeschehen sinniert.

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Mr.Bayse

Die Bühnenluft wandelte das anfängliche Lampenfieber bald zu neuem Selbstvertrauen um und so konnte Mr.Bayse mit Meine Welt zügig an Flow und seine alte Wortwendigkeit anknüpfen. Verändert hat sich hingegen die inhaltliche Raffinesse seiner Texte: anspruchsvoll und clever bringt Bayse komplexe Themen auf den Punkt. Das Stück Prokrastination ist eine Ode an das aufschieben von Terminen und gleichzeitig ein authentisches Statement von Bayse, da es womöglich die ausgedehnte Ruhephase der letzten Jahre erklärt. Stilecht mit weißem Handschuh zollte er danach dem verstorbenen „King of Pop“ Tribut. Moonwalk im Himmel heißt der Song, der auf das Smooth Criminal Instrumental von Michael Jackson entstanden ist. Damit schaltete die Band einen Gang höher und Bayse stellte außerdem seine Sangeskunst unter Beweis . Mit den Tracks Zooom und Wissen Wie endete der sehenswerte Auftritt von Mr.Bayse.

Die TRU-Band durfte gleich weitermachen, denn mit der Sängerin Amenta stand bereits der nächste Act bereit. Einzig aggressives Element der relaxten Performance der Kanadierin blieb ihr knallig rotes Kleid. Mit experimentellem Souljazz sorgte Amanta für zurückgelehnte Lounge-Atmosphäre, bei dem die Seele mehr als nur zum baumeln angeregt wurde. Wie ihr Stück Purple verdeutlichte, versteht sie es durchaus auch Versatzstücke von HipHop in ihren genreübergreifenden Stilmix einzubauen.

www.myspace.combrittanybosco

Brittany Bosco

Last but not least, betrat Brittany Bosco aus dem amerikanischen Georgia die Künstlerbühne. Herzstück ihrer an Einflüssen reichen Musik ist ihre bezaubernde Soulstimme. Betont stimmungsvoll gelang es Bosco ihre Zuhörerschaft mit den Stücken Blues for Blue und Black & White in ihren Bann zu ziehen und stückweit das Flair einer rauchigen Bluesbar zu versprühen. Zurückzuführen ist das auf ihre einmalige Stimme, die viel Soul und auch eine verruchte Portion sleazyness in sich birgt. Das macht neben ihrem Charisma und ihrer großen Präsenz den besonderen Reiz ihres sonst eher unspektakulär und mellow arrangierten Sounds aus.

Andreas Margara (23. Oktober 2009)

 

Hier gibt es einen Live-Mitschnitt der Performance von Mr.Bayse:

J.Rawls presents The Liquid Crystal Project (Klub-K in Heidelberg)

l_LCPObwohl J. Rawls aus dem von Rap-Musik eher unvorbelastetem Bundesstaat Ohio stammt, gelang es ihm als Beatbastler der Lone Catalysts letztendlich doch, über die Grenzen hinweg Ruhm zu erlangen. Den internationalen Durchbruch feierte der Produzent und DJ 1998, als er über DJ Hi-Tek das Black Star-Duo Mos Def und Talib Kweli kennen lernte und deren bahnbrechendes Album Black Star musikalisch mitgestalten konnte.

Organische Beats mit äußerst entspanntem Groove sind das Markenzeichen von Jason Rawls. Während sein Solodebüt The Essence of J. Rawls (2001) besonders von soulhaltigen Elementen durchtränkt war, widmet er sich seit 2006 mit dem Liquid Crystal Project Jazz-Exkursionen die bisher immer große Beachtung erfuhren. Live präsentiert er mit seiner Jazz-Kombo zurzeit die Fortsetzung The Liquid Crystal Project II. Auch im Klub-K in Heidelberg hieß es deshalb: Zurücklehnen und dem wohltemperierten Jazz-Hop lauschen.

Charles Cooper eröffnete das Konzert am Saxophon mit Fantasy von Earth, Wind and Fire. In den Händen des über zwei Meter großen Hünen wirkte das Blasinstrument zwar wie ein Kinderspielzeug – dennoch gelang ihm virtuoser Umgang damit. B-Jazz besetzte die Keys, Rob Riley die Drums, während J. Rawls natürlich die 1 & 2’s bediente. Wie schon auf den beiden Alben bot das Quartett eigene Kreationen dar, am meisten wurden aber die vielen verjazzten Tributes zelebriert.

So auch das von Mastermind Madlib für Erykah Badu arrangierte The Healer oder die funky Fanfare Off the Books von The Beatnuts, die Charlie Cooper jeweils einwandfrei nachsaxophonierte. Zwischendurch übernahm Cooper auch den Vocal Part und schloss damit die Brücke zwischen Dynamik und Entspanntheit. Das Publikum zeigte sich begeistert von der Fusion aus HipHop und Jazz.

LCPAls nächstes spielte J. Rawls Ausschnitte aus dem HipHop-Kultfilm Beatstreet, ehe er dazu überging ein ausgedehntes Tribute an die verstorbene Beatkoryphäe J Dilla einzuleiten. Als Basis dafür diente das Jazz-Sample Diana in the Autumn Wind von Gap Mangione, das sowohl Madlib auf dem Jaylib Kollabo-Album zusammen mit Dilla in The Official, als auch Dilla selbst im Slum Village-Track Fall-n-Love meisterhaft untergebracht hat. Nun wurden die drei Stücke noch in einer Instrumental-Session zu einer organischen Masse aus Jazz-Hop verschmolzen – Gänsehaut.

Mit dem Stück Me and my Queen, das eine offensichtliche Anspielung auf Me and my Bitch von Notorious B.I.G. ist, durfte MC Charlie Cooper anschließend wieder seine Reim-Fertigkeiten unter Beweis stellen. Als finalen Schlusspunkt drehte das Quartett mit A Tribute to Troy nochmals auf. Die Hommage an Pete Rock und CL Smooth zählt zu den bekanntesten Jazz-Interpretationen von LCP und verfehlte auch diesmal nicht seine antreibende Wirkung. Am Ende ist ein rundum gelungener Abend zu resümieren, was einerseits an den hervorragenden Musikern und andererseits an der gemütlichen Atmosphäre in den etwas kleineren Räumlichkeiten des Klub-Ks lag.

Andreas Margara (14. Juni 2009)

Herbie Hancock (Stadthalle Heidelberg)

herbie_hancockGleich zwei Großmeister der Zunft durften das diesjährige Enjoy Jazz in einem „doppelten Konzert“ eröffnen. Donnerstags legte der mittlerweile 78-jährige Free Jazz-Pionier Ornette Coleman in der geschichtsträchtigen Stadthalle Heidelberg vor – am Abend darauf legte der zehn Jahre jüngere Jazzpianist Herbie Hancock in gleicher Kulisse nach.

Über die klassische Musik kam Herbert Jeffrey Hancock einst zum Jazz. Sein Debütalbum Takin‘ Off (auf dem unter anderem das weltberühmte Watermelon Man zu hören ist) veröffentlichte er 1962 bei dem legendären Label „Blue Note“, und wurde schon im Jahr darauf Mitglied des berüchtigten zweiten Quintetts von Miles Davis. In seiner beispiellosen Karriere überzeugt Hancock bis heute immer wieder durch seine unerschöpfliche Kreativität und den Einsatz neuartiger Techniken, womit er großen Einfluss auf unzählige Künstler und die unterschiedlichsten Stilrichtungen der Musik ausgeübt hat.

Genauso vielschichtig setzt sich auch Herbies Hörerschaft zusammen, die nicht nur aus Connaisseuren des Genres besteht, sondern Jazz-Cats jeglicher Gesinnung zum schnurren bringt. Auch am heutigen Abend hatte sich eine durchaus heterogene Gesellschaft in Heidelbergs Stadthalle eingefunden, wenn auch – wie so häufig bei Auftritten gestandener Jazz-Größen – die bel étage am meisten Vertreter gesandt hatte. Sympathisch und redselig präsentierte sich Herbie Hancock gleich zu Beginn, während er nach und nach seine fünf Gastinstrumentalisten vorstellte und gerne eine kurze Einführung zu den verschiedenen Titeln gab.

Sein aktuelles Album River: the Joni Letters, ein Tribute und zugleich Liebeserklärung an Joni Mitchell, stand zunächst außen vor. Stattdessen griff Hancock zurück auf Speak like a child (1968), das als Neuarrangement interpretiert wurde und allmählich in V (the Visitor) überging. Besonders der studierte Jazz-Bassist James Genus offenbarte dabei seine vielseitig einsetzbaren Fertigkeiten an E- und Kontrabass. Für die besondere Note unter den blue notes sorgte dann der in Genf geborene Gregoire Maret mit seiner Mundharmonika. Sobald der ehemalige Jazz-Student sein Spielgerät an die Lippen ansetzte, sank er so tief in sein Element ein, bis sein Körper eine derart ausdrucksstarke Haltung einnahm, dass man als Krönung der ekstatischen Performance schon mit einer anschließenden Flambierung des kleinen Instruments rechnete.

Als nächstes folgte Seven Teens, ein 17/4-Takt-Werk von Lionel Loueke, der dieses Jahr bereits mit seinem Album Karibu für großes Aufsehen gesorgt hat und nun von Herbie Hancock für den Gitarren- und Vocal-Part besetzt worden ist. Die ausgesprochen schwierige Darbietung unterstrich Hancock wieder mit einer komödiantischen Ansage, in der er zum Ausdruck gab, dass er dem Ganzen nicht gewachsen sei. Als problematisch erwiesen sich rückblickend allerdings nur die phasenweise unplatzierten Klatschwellen aus dem Publikum, durch die so manches Solo unterging und Kunstpausen sinnentleert wurden. Anschließend verließen – bis auf Loueke – alle Beteiligten komplett die Bühne, um dem gebürtigen Westafrikaner alleine das Feld zu überlassen. Was als „African-Soup“ mit Ingredienzien aus aller Herren Länder angekündigt wurde, entpuppte sich im Nachhinein als interessante Melange aus alternativer Gitarren-Darbietung und perkussiv eingesetzter Intonation.

c-herbie-hancockNächste Attraktion des Kontrastprogramms war ein über 15 Minuten ausgedehntes Piano-Solo des zurückgekehrten Virtuosen Hancock, bei dem sich die anderen Musiker betont im Hintergrund hielten. Mit einem wachrüttelnden Break leitete Terence Blanchard an der Trompete schließlich zum allseits bekannten Cantaloupe Island über, das als gelooptes Sample auch schon für US3s kommerziellen Erfolg Cantaloop hergehalten hat. Angereichert mit jeder Menge Spielfreude und intuitiven Einlagen war der Höhepunkt des Abends damit erreicht.

Nach verdienten Standing Ovations, ließ sich Herbie Hancock nochmals für eine Zugabe auf die Bühne bitten, um seine Bandmusiker – bewaffnet mit einem Keytar und Chameleon – zu Frage-und-Antwort-Duellen herauszufordern. Spätestens hier konnte auch der noch junge Schlagzeuger Kendrick Scott sein Talent an den Drums unter Beweis stellen. Am Ende hinterließ Herbie Hancock eine begeisterte Menge, denen er ein beachtliches Konzert beschert hatte.

Andreas Margara (5. Oktober 2008)

Herbie Hancock – Rockit