Kategorie: Festivals

Blumentopf, MC Rene, Torch & Toni-L (Bahnstadt Open Air Heidelberg)

Die Halle02 wird zehn! Gut sieht es außerdem für den lange Zeit fraglichen Fortbestand der treibenden Kulturinstitution in Heidelberg aus. Beste Voraussetzungen also, für die viertägige Partysafari im urbanen Ambiente des neuen Stadtteils: dem Bahnstadt Open Air. Der Festival-Freitag stand mit Blumentopf, MC ReneTorch und Toni-L ganz im Zeichen des HipHops.

Die dunklen Wolken über der riesigen Festivalbühne im neuen Heidelberger Stadtteil Bahnstadt zeigten sich wenig gnädig am Freitag – es gab Nieselregen statt Sonnenschein. Aber was macht das schon aus, wenn der Topf im Haus ist und den Ladidadi-Shit im Gepäck hat? Außerdem hat Regen auf Festivals eine lange Tradition und ist nicht zuletzt der Ritterschlag für jedes ernstzunehmende Open Air.

Pünktlich um acht Uhr betraten die fünf Freisinger von Blumentopf die Bahnstadt-Bühne, um den gut gefüllten Partywaggon nach und nach zum Entgleisen zu bringen. Nicht umsonst sind Roger, Cajus, Holunder, Schu und Sepalot berüchtigt als eine der besten Live-Bands im deutschen HipHop. Als ganz besonders Schmankerl zelebrierte Holunder sein Stück Fenster zum Berg in Heidelberg, das nach dem Motto „Blaskappellen-Beats meets Stieber-Twins-Cuts“ gestrickt ist. Richtig zum bouncen und springen brachte der Blumentopf die HipHop-Fans mit seinen Party-Hits SoLaLa, Was der Handel, Horst und natürlich Safari, das auch dem letzten Stillstehenden den Quasi-Arschtritt zum Abgehen verpasste.

Dass die Münchner Rapper auch nach mehr als 15 Jahren auf der Bühne die Königsdisziplin Freestyle noch beherrschen und den Spaß daran nicht verloren haben, stellten sie mit einer knapp zehnminütigen Reim-Improvisation zur Schau. Auch DJ Sepalot war kaum zu stoppen im Nachlegen der Freestyle-Beats. Mit ihrem ältesten Hit 6 Meter 90 und einer glänzenden Vorstellung verabschiedete sich Blumentopf, um Platz für die Altmeister der Zunft zu machen: Torch und Toni-L.

Das Musterpaar der deutschen HipHop Oldschool trumpfte erst im letzten Jahr bei Torchs 40. Geburtstag in der Halle02 groß auf. Nach einem gelungenen Auftritt auf dem Splash!-Festival vergangenes Wochenende durften sich die Heidelberger nun beim Heimspiel Open Air wieder vor einem Riesenpublikum präsentieren. Angefangen bei Kapitel 29, Heiss wie Feuer, 5 MC’s 10 Mark und Gewalt oder Sex gab es auch wieder Breakdance-Einlagen und Überraschungsgäste. Für Return of HipHop begrüßte Torchmann z.B. seinen alten Freestyle-Schüler MC Rene auf der Bühne. Auch Martin Stieber stand  am Mikro, um Holunder und tausend andere Stieber Twins Fans mit dem Klassiker Fenster zum Hof zu beglücken.

Als Advanced Chemistry performten Torch und Toni sogar den Oldschool-Groove Chemischer Niederschlag. Wir waren mal Stars gehörte natürlich zum absoluten Pflichtprogramm, außerdem ließ Toni-L auch den Zug durch die Bahnstadt rollen. Für die 360-Grad-Auskopplung Weißt du wer? versammelte der Pate am Ende noch mal den kompletten Topf auf der Bühne.

Der zwischenzeitliche Regen konnte die Stimmung und die guten Shows also nicht trüben – das Bahnstadt Open Air hatte einen gelungenen musikalischen Einstand gefeiert. Zur den großen Aftershow-Partys mit Rap-DJ’s und MC Rene ging es anschließend in die trockenen Hallen, wo noch bis tief in die Nacht gefeiert wurde. Happy Birthday Halle02, auf die nächsten zehn!

HipHop Open Minded 2009 (Schloss Mannheim)

hiphopopenminded1Bereits um 11 Uhr öffneten die Tore der neunten Ausgabe der MTV HipHop Open, das diesmal auf dem Vorplatz des Mannheimer Barockschlosses stattfand. Mit dem Umzug von Stuttgart in die Quadratestadt sollte das Festival gleichzeitig einen neuen Anstrich bekommen, indem der übliche HipHop-Künstlerkreis auf benachbarte Genres ausgedehnt wurde und das Festival den Namenszusatz „Open Minded“ erhielt.

Noch bevor Nazz, die Gewinnerin des Myspace Featured-Artist-Wettbewerbs, um kurz nach High Noon die gigantische 50-Meter-Bühne erklomm, rannten die ersten Fans in KIZ-Shirts wie von der Tarantel gestochen los, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. Den undankbaren Job des Hosts übernahm Mannheims Vorzeigesohn Xavier Naidoo, der die Festivitäten unter widrigen Wetterbedingungen eröffnete. 15 Minuten Ruhm gebührten dann der Rapperin aus Siegen, ehe mit Jondo schon der zweite Act an der Reihe war. Mit einer musikalischen Mischung aus Reggae und Singer/Songwriter verdeutlichte sich zum ersten Mal an diesem Tag das neue „Open Minded“-Konzept. Während sich die Sonne nun immer kompromissbereiter von ihrer freundlichen Seite zeigte, wechselten sich auf der Stage die Künstler im 20-Minuten-Takt ab. Sowohl Marteria und seine Band of Brothers als auch der zum Songwriting konvertierte Beginner Denyo alias Dennis Lisk lieferten solide Live-Leistungen ab.

Cora E

Cora E

Zum ersten wirklichen Höhepunkt kam es anschließend mit den Allstars aus dem benachbarten Heidelberg. Begleitet von dem Deutschrap-Klassiker Fenster zum Hof näherten sich die Stieber Twins in weiße Hemden gekleidet aus dem Bühnenhintergrund. Bei katastrophaler Sound-Qualität, viel Wind und übersteuerten Mikros, stieß schließlich auch die erfrischende Zulu Queen Cora E zu den Zwillingen dazu, um in der mittlerweile seltenen Dreierkonstellation das Stück Einmal Macco, Zweimal Stieber zu performen. Mit Schlüsselkind und Malaria bekam das überwiegend jugendliche Publikum noch eine anschauliche HipHop-Geschichtsstunde geboten – bei den alten Hasen kamen schöne Erinnerungen hoch. Komplettiert wurden die Riege der deutschen HipHop-Wegbereiter durch Torch und Toni-L – die MC’s von Advanced Chemistry. Dass Altmeister Torch immer noch ein Crowd-Pleaser ist, unterstrich er unter anderem mit Rote Wellen und natürlich Wir waren mal Stars, nach dem das Funkanimal Toni-L und seine Funk-Truppe Safarisounds das Ruder übernahmen.

Melbeatz

Melbeatz

Die Umbauphase für die abgedrehten K.I.Z.-ler aus der Hauptstadt überbrückte Xavier einmal mehr mit Beatboxeinlagen und Plattitüden-Geplänkel in der Endlosschleife. Basierend auf den durch T-Shirts ausgedrückten Sympathien, wurde das Open eindeutig von KIZ-Fans regiert. Zu schwachsinnig bis sinnlosen Texten bekam das Prekariat dafür die erste richtige Bühnenshow geboten: Während Nico, Maxim und Tarek zunächst wie Könige auf riesigen Thronen ihre Plätze einnahmen, durfte der Mob aus 13.000 Menschen die Federn aus überdimensionalen Kissen prügeln. Nach der ausgelassenen Kissenschlacht und dem Power-Auftritt mit den Tracks Hurensohn und Was willst du machen, betrat dann mit Kool Savas der eigentliche „King of Rap“ das Szenarium. Wie auf wundersame Weise war der Sound nun wieder bestens aufbereitet, so dass KKS begleitet von Statisten in Mönchskutten und Olli Banjo – dem einzigen Überraschungsgast an diesem Abend – seine Hits wie Mona Lisa und Schwule Rapper abfeiern konnte. Am Ende stellte er auch noch die Mona Lisa der deutschen Beatproduktion, Melbeatz, vor, die sich sichtlich gerührt zeigte.

methodman2Nach den bisher immer sensationellen Line-ups der letzten Jahre (Wu-Tang Clan, LL Cool J, Ice Cube, Snoop Dogg) überraschte das Open in diesem Jahr mit nur einem ausländischen Booking: Method Man & Redman. Pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Kollabo-Albums, das den innovativen Namen Blackout! 2 trägt, fand sich das „Most-Blunted-Rap-Duo“ nun genau wie in ihrem Kiffer-Streifen So High auf dem Campus der Uni ein. Als ein wenig Anlaufszeit vergangen und ein paar nicht wirklich Live-taugliche Tracks vom neuen Album gespielt waren, nahm das Tandem mehr und mehr Schwung auf. Die Herzen der Fans hatten die Stage-Dive-Junkies mit Da Rockwilder, Y.O.U., How High und einigen Bädern in der Menge schnell erobert.

Den Schluss des immer noch vom Regen verschonten Open Mindeds teilten sich die drei deutschen Headliner Clueso, Jan Delay und Peter Fox. Während der durchaus im HipHop sozialisierte Songwriter aus Erfurt die eher ruhigeren Töne anschlug, sorgten Jan Delay und Peter Fox jeweils für eine explosive Show, besonders dank ihrer zündenden Live-Bands. Ohne dass es zu einer Beginner-Reunion mit Denyo und Eißfeldt kam, ging es mit Türlich, Türlich, Klar, einer Hand voll Coversongs und seiner neuen Single Oh Johnny gleich steil in Richtung Funk und Reggae. Mit Disko No.1 im Rücken brillierte der Hamburger Dressman und Stammgast des HipHop Opens in Bestform.

Jan+Delay++Disko+No+1+imageDen finalen Schlusspunkt im altehrwürdigen Ambiente, in dem auf Rücksicht auf die neue Schlossfassade zum ersten Mal die Graffiti-Action des Opens eingespart wurde, setzte Seeed-Frontmann Peter Fox zusammen mit Cold Steel. Da ihm der Rummel um seine Persönlichkeit ein zu großes Ausmaß angenommen hat, gab Fox kurz vor seinem Auftritt das Ende seiner Solo-Karriere bekannt – man durfte also Zeuge einer seiner womöglich letzten Shows als Solo-Act werden. Die aufkommende Dämmerung nutzte die Foxsche Effekt-Armada geschickt mit hell leuchtenden LEDs aus – keinerlei Anzeichen von „müden Gestalten im Neonlicht“. Für weitere schöne Gimmicks sorgten Cold Steel mit einstudierten Drum-Set-Choreografien. Während Schwarz zu blau aus den Bassboxen preschte, zog passenderweise langsam die Nacht über Mannheim ein. Peter Fox sorgte dafür, dass er den gewaltigsten Sound aller Acts aufbieten konnte, um seine Hits wie Alles Neu, Stadtaffe und Haus am See in optimaler Klangqualität präsentieren zu können.

Ein positives aber nicht durchgehend spektakuläres Festival in Mannheim fand damit sein Ende. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es keine zu verzeichnen, dafür erinnerte das enorm große Aufgebot an Polizei – das selbst inmitten des Publikums patrouillierte – an die bekannten Bilder aus Stuttgarter Zeiten. Mit einer gelungenen Organisation unterstreicht Mannheim dennoch seine Ambitionen, eine führende Rolle in der deutschen Musiklandschaft zu spielen. Anschließend strömten die Festivalbesucher auf die zahlreichen Aftershow-Partys, von denen sich besonders die Mixery Raw Deluxe-Aftershow in der alten Feuerwache absetzte. Schowi als einer Mitbegründer des Opens und Rapper der Formation Massive Töne, Torch aka DJ Haitian Star, sowie Harris aka DJ Binichnich definierten den HipHop-Begriff hier wieder etwas enger (ganz ohne „narrow minded“ zu sein) und sorgten mit Rap-Klassikern für tanzbare Untermalung. Man darf gespannt sein, ob sich 0711-Entertainment im kommenden Jahr wieder für 0621 als Austragungsort entscheidet.

Andreas Margara (20. Juli 2009)

Cora E – Schlüsselkind

HipHop Kemp 2007 (in Hradec Kralove)

hiphop kemp

Das HipHop Kemp läutet Ende August (24.-26.08) jährlich das Ende der Festivalsaison ein. Letzte Möglichkeit des Sommers also eine verrückte Kopfbedeckung auszuprobieren oder den Tag früh morgens schon mit einem Hopfentee zu starten. Location für das Camp ist ein ehemaliger Sowjet-Militärflughafen am idyllischen See-Areal der historischen Stadt Königgrätz (Hradec Kralove), etwa 100 km von Prag entfernt gelegen. Vom Klima des Kalten Krieg ist beim friedlichen HipHop Kemp Festival allerdings nichts mehr zu spüren, Battles finden einzig noch in den Hangars durch die Ausdrucksformen Rap und Breakdance statt. Mit HipHop Heads von England bis Ungarn trägt das Festival den universellen Charakter von internationalem Austausch und punktet nebenbei mit Bierpreisen von knapp einem Euro.

Das Line-up wusste für 2007 wie immer durch ein hervorragendes Aufgebot an Conscious Rap-Größen wie z.B. Masta Ace und seine eMC Crew zu überzeugen, offerierte diesmal aber auch massenverträglichere Acts wie Redman oder M.O.P. aus den Staaten. Die Bundesrepublik sollte nur durch die schon zum festen Aufgebot des HipHop Kemp zählenden Dendemann und DJ Hype, sowie Mannheims Rap-Schwergewicht Pal One vertreten werden.

Wer donnerstags bereits anreiste und sich somit die Vorherrschaft über die besten Zeltplätze sichern konnte, wurde vom gewittrigen Wetter ordentlich bestraft. Regenströme die an das Splash! Festival erinnerten, weichten Zeltplanen durch und brachten sogar die im freien aufgebaute B-Boy Stage zum vorzeitigen K.O.. Sie musste anschließend wieder zurück in einen der Hangars verlegt werden.

Freitags lachte die Sonne wieder vorbildlich, wie man das vom HipHop Kemp Logo her kennt. Obwohl sich ein echter Partylöwe nie von einer Warteschlange fressen lässt, erschien das lange Anstehen an der Scan-Ticketausgabe weniger als lustig, da man dadurch leicht den ersten sehenswerten Act, Pal One, zu verpassen drohte. Der entging einem allerdings gezwungenermaßen, da er aufgrund von Krankheit entschuldigt wurde und durch seine Mannheimer Kollegen mnemonic, Prinze Low und Fritz Evil ersetzt wurde. Erste Schmankerl gab’s danach in Form von den Drei Waxolutionists Deejays aus Österreich zusammen mit Dave Ghetto, Mystic & Hezekiah auf die Ohren. Für den richtigen Höhepunkt sorgte dann aber erst Curtis Cross aka Black Milk aus Motown. Der Detroiter bewies, dass er nicht nur den einwandfreien Umgang mit der MPC beherrscht, sondern auch im Stande ist, eine riesen Meute mit seinen Skillz am Mic zu überzeugen. Popular Demand heißt sein aktuelles Album, das er ausgiebig vorstellte. Leider trat er etwas zu früh auf, wodurch viele nur noch das Ende seiner Performance mitbekamen. Der nächste Act war eine tschechische Combo, bestehend aus Deejay Wich und dem Rapper Indy. Inhaltlich bleibt hier ein großer Interpretationsraum offen, dennoch steht fest, dass sich die Jungs bei den Tschechen unheimlicher Beliebtheit erfreuen und Wichs extravagante Beats auch auf internationaler Ebene für wippende Köpfe sorgen.

Masta Ace

Masta Ace sorgt schon seit langem für Kopfnickmaterial und auf das Kemp kam er diesmal in Begleitung seiner beiden Partner Stricklin und Wordsworth. Das eMC-Quartett erschien ohne Punchline zwar nicht vollständig, doch Wordsworths hochkarätige Freestyle-Einlagen und Masta Ace‘ Banger wie Acknowledge, INC Ride oder Born To Roll erwiesen sich beim Publikum als erwünschter Joker. Natürlich wurde auch die inoffizielle Hymne des HipHop Kemp – Beautiful – interpretiert. Gespannt wurden nun die Boot Camp Clik Vertreter Heltah Skeltah erwartet. Da Sean Price zweifelsohne der Bekanntere des Hardcore Rapteams von der Eastcoast ist, betrat sein Partner-in-Rhyme – The Rockness Monstah – zuerst die Bühne, um Ruck mit brachialer Stimmgewalt anzukündigen. Was folgte war ein unerwartet mittelmäßiger Auftritt, der dank Sean P’s phlegmatischem Gemütszustand für viele der Fans am nächsten Pivo-Stand endete. Bei Sprachfasching und Chill out Laune lautete das einstimmig mehrsprachige Fazit zwischen Hangars und Zelten, dass da sicher noch eine Steigerung drin ist für die kommenden Tage.

Wenn man am Samstagmorgen nicht schon durch die penetrant durchzechenden Zeltnachbarn geweckt wurde, tat die brühend heiße Sonne ihr übriges. Zeit, sich mit ausreichender Gerstenkaltschalen-Ration an den See zu flacken und bei dem allerorts verbreiteten Duft süßen Rauchs die gemütliche Atmosphäre zu genießen.

Nach tschechischen, slowakischen und polnischen Künstlern waren DJ Semtex & Kidz In The Hall aus Chicago an der Reihe den Samstagabend einzuleiten. Naledge und Double-O von KITH stehen für den „neuen alten“ Rawkus-Sound und heizten auf bekannte Samples ein. So zum Beispiel auf ’93 Til Infinity von den Souls of Mis’chief (Wheelz Fall Off) und sogar Smells Like Teen Spirit von Nirvana. Go Ill war angesagtes Programm. Grime Style gab es anschließend von L.Man aus London, der am Mic in bester Tradition von Kano und Dizzee Rascal agiert. Faith SFX, der ebenfalls von der Insel stammt, verdeutlichte danach seine außergewöhnlichen Beatbox-Fertigkeiten. Mit etwas Verspätung erschien schließlich Dendemann, der souverän sein Festivalprogramm durchzog. Als wäre er vorher mit Joe Cocker in der Whiskey Bar abgehangen, brummte er seine Tracks gekonnt ins Mikro und begeisterte damit auch Polen und Tschechen. Mit dem Pressbass von Er So, Ich So und den Cuts’n’Scratches von DJ Suro fackelte er alles ab.

Dilated Peoples

Die durch ihre Alben eher als smooth und mellow bekannte Bahamadia überraschte als erster US-Headliner des Abends mit einem Bombenauftritt der komplett nach vorne losging. DJ Statik von Illvibe Collective scratchte sich munter die Finger wund, während seine Vorderfrau ein Acapella nach dem anderen kickte und speziell den Damen der Rapgeschichte um Erykah Badu, Monie Love, Lauryn Hill und Latifah mit einem Medley Tribut zollte. Den positiven Vibe trugen die Dilated Peoples mit Worst Comes to Worst, This Way und You Can’t Hide You Can’t Run gleichermaßen weiter. DJ Babu von den Beat Junkies präsentierte sich bereits in ausgezeichneter Verfassung und brachte Defari schon einen Tag früher als erwartet mit auf die Bbarak Live Stage. Weit oben von den mit Gras bewachsenen Hangars hatte man nun erstmals eine etwaige Vorstellung davon, wie viele Menschen wirklich zum Kemp gekommen waren. Redman brachte das musikalische Sprengstofffass mit seiner eindrucksvollen Show dann schließlich noch zum explodieren. React, How High und Ill Be Dat waren die Zündschnur auf dem Weg zu seinem gewagten Stage Dive, der die kochende Menge in Ekstase brachte. Mit dem deutschen Deejay Team Marc Hype & Jim Dunloop und dem legendären DJ Revolution stiegen anschließend die Aftershows in den Hangars.

yarah bravo

Die Likwit Junkies eröffneten am Sonntag den Headliner-Abend: L.A.’s Own Billy The Kidd Defari und DJ Babu gaben sich wieder die Ehre. Trotz der vorrangigen Absicht das neue Album vorzustellen, kam Defari dem Wunsch nach, Hits von seinem 99er Klassiker Focused Daily zu spielen: People’s Choice und Focused Daily. Dauergast auf dem HipHop Kemp ist DJ Vadim, auch seine First Lady Yarah Bravo gehört mittlerweile schon zum festen Inventar. Zusammen mit Abstract Rude legten sie einen Auftritt hin, der sich sehen und hören lassen konnte. Als Highlights waren dabei The Terrorist und Bluebird auszumachen. Die beste Performance des diesjährigen Kemps legten dann die CunninLynguists hin. Sympathisch aufgelegt und mit einer Trackauswahl die keine Wünsche mehr offen ließ: Lynguistics von Will Rap For Food, Southernunderground und sogar der von RJD2 produzierte Joint Seasons. Vergebens wartete man nur auf ein zweites Erscheinen von Masta Ace, dessen Part von Deacon mitübernommen wurde. Was M.O.P. als letzter Act des Festivals ablieferte, war dann nur noch nebensächlich, erwies sich aber als optimal für die finale Partystimmung.

Trotz der wenigen deutschen Künstler und der wohl bis auf 30.000 Camper angestiegenen Anzahl an Besuchern bei nicht ganz so professioneller Organisation, wusste das Kemp einmal mehr zu überzeugen und liegt den kommerziellen Veranstaltungen um Längen voraus. Na shledanou, HipHop Kemp!

Andreas Margara (1. September 2007)

One Self – Bluebird

MTV HipHop Open 2007 (Stuttgart)

wu_tang_clanNach der Pause im Vorjahr war im Stuttgarter Reitstadion 2007 wieder Reim-Rodeo angesagt: Das MTV HipHop Open meldete sich nämlich zurück und konnte mit dem Wu-Tang Clan im Line-Up das Booking seiner Festivalgeschichte schlechthin aufbieten. Kein Kollektiv ist in HipHop-Kreisen legendärer. Mit acht Superstars an Bord ist wohl kaum ein Act schwerer zu buchen als der gesamte Clan. Des Weiteren konnte man sich auf zehn Jahre Freundeskreis freuen, die in 0711 ein Heimspiel hatten und das mit einer exklusiven Show zelebrierten. Dritter Headliner in der Stadt Mercedes Benz war Jan Delay mit seiner Band Disko No. 1 und seinem Album Mercedes Dance.

Den Anfang in den frühen Morgenstunden des Festivaltages machte Nachwuchreimer Umse, der über Myspace für einen 20 Minuten Auftritt ins Line-Up gevotet wurde. Die nächsten beiden Acts eigneten sich optimal um den Stimmungsbarometer kontinuierlich in die Höhe zu treiben, denn die durchgeknallten K.I.Z.-ler aus Berlin und Beatbox-Entertainer Leeroy von der Saïan Super Crew sind dafür prädestiniert. Die Mittagszeit gehörte dem türkischen Rapstar Ceza und Prinz Pi formerly known as Porno. Nachdem Marseilles finest IAM leider die komplette Tour absagen mussten, da sich Frontmann Shurik’n eine Kehlkopfentzündung zugezogen hatte, erschien einzig IAMs Freeman zusammen mit dem algerischen Rapper K rhyme le roi, um Marseille doch noch gebührend zu vertreten. Seeed-Sänger Demba, den man seit diesem Jahr auch durch sein Soloprojekt Boundzound kennt, war als nächster an der Reihe, um seine energiegeladene Mischung aus Dancehall, Dub, Reggae und Electro zu präsentieren. Das Reitstadion war nun gut gefüllt, die Party in vollem Gange und die ersten Kids von der überrepräsentierten Polizei schon längst abgeführt.

Erste kleine Enttäuschung dann, als Host D-Flame verkündete, dass Lady Sovereign ihren Flieger verpasst hatte und deshalb durch die Augsburger-Puppenkisten-Rapper Puppetmastaz vertreten wird. Weiter nach Plan ging’s dann mit der Soloshow von Rap’s eigenem Joe Cocker: Nordlicht Dendemann. Abgebrüht und reich an Bühnenerfahrung scheinen 13.000 HipHopper für Dende mittlerweile auch kein Grund mehr für Nervosität zu sein. Souverän steht er allein mit DJ Suro auf der Bühne um Stücke wie Endlich Nichtschwimmer, Es Hört Nicht Auf, Check Mal Die Rhetorik Ab oder einen kleinen Auszug seiner R’n’B-Nummer 3 1/2 Minuten mit seiner gewohnt basskratzigen Stimme zu performen. Eine gelungene One-Man-Show.

blumentopf080207Danach folgt eine kurze Einlage von Beatbox-Virtuose Scratch, der heute die Abwesenheit von Killa Kela kompensiert, ehe die schon erwähnten Puppetmastaz im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen lassen. Natürlich begleitet die Festivalbesucher im Hinterkopf immer die Frage ob denn Wu-Tang nun wirklich komplett ist und auch der bei der Deutschland-Tour bisher fehlende Method Man nachgereist ist. Zunächst hieß es noch gespannt abwarten, da Blumentopf die nächsten im Programm waren. Leider wird der Topf seinem Ruf als eine der besten live-Acts im deutschen HipHop heute nicht gerecht und zeigt nur eine durchschnittliche Show. Die Live-Band versagt anfänglich aufgrund des als Ersatz eingesprungenen Schlagzeugers und auch die überbrückenden Freestyles und das Acapella zu Liebe & Hass wissen nur annähernd zu vertrösten. Da hat man live schon besseres von den fünf Münchnern gesehen. Party Safari und Horst bewegen den Großteil der Crowd dann aber doch noch zum munteren auf- und abspringen.

Danach bekommt das Publikum ein neues Gesicht, denn die Differenz der Zielgruppen zwischen Wu-Tang Clan und Blumentopf sind doch recht weitgreifend. Die Instrumente kommen weg, dafür steht anschließend Mathematics an den Decks. Kaum zu glauben: RZA, GZA, Inspectah Deck, Ghostface Killah, Raekwon, U-God, Masta Killa, Method Man und sogar Cappadonna aus der erweiterten Wu-Familie entern tatsächlich komplett die Bühne. 10.000 mit Händen geformte „W“, die auf- und abwippen, sind nun zu sehen. Gänsehaut. Gigantisch was hier passiert. Allein der schwache Sound scheint dem Ganzen einen kleinen Dämpfer zu verpassen, doch den Text zu Wu-Tang Clan Ain’t Nuthing Ta F‘ Wit können die Fans problemlos beisteuern. Die 10-Mann-Armee aus Staten Island auf der Bühne zu sehen gibt ein unbeschreibliches Bild ab. Wieder einmal bekommt Nas für seine „HipHop is Dead“-Aussage eins drauf: Wie kann HipHop tot sein, wenn Wu-Tang forever ist? Der Sound bessert sich zunehmend, nur GZA’s Mic scheint einfach nicht richtig funktionieren zu wollen. Die ganze Palette an Klassikern wird jetzt geboten. Ein Mix aus allen Alben und auch Solostücke werden performt: It’s Yourz, Reunited, Triumph, Tearz, Shame On A Nigga, Uzi (Pinky Ring), Gravel Pit, Da Rockwilder, Liquid Swords, Ice Cream und noch mehr. Im fliegenden Wechsel tauschen die Clan-Member ihre Positionen, der hervorragend aufgelegte Meth verschwindet zwischenzeitlich sogar komplett im Publikum. Besondere Highlights markieren die Stücke M.e.t.h.o.d Man und C.R.E.A.M. sowie natürlich die Widmungen an den verstorbenen Ol’Dirty Bastard in Form von Brooklyn Zoo und Shimmy Shimmy Ya. Auch das im Herbst diesen Jahres zu erwartende Album The 8 Diagramms wird vorgestellt, ehe eine der gigantischsten Rap-Auftritte der europäischen Festivalgeschichte zu Ende geht. Der zwischenzeitlich kurz andauernde Regen wird nur von den wenigsten im Publikum wirklich wahrgenommen.

Die nächste Frage ist, wie Headliner Jan Delay an so einen Auftritt anknüpfen will. Doch die von Disko No.1 ausgezeichnet gespielte Disco-Funk Mischung kann sich dafür besser nicht eignen. Ein komplett neues Konzert, das lockerlebig mit vielen Covers auskommt. Die Festivalbesucher zeigen sich in Tanzlaune und Jan Delay besticht mit Topform. Nach D-Flame und Dendemann komplettiert Eißfeldt das Extrem der deutschen Stimmvielfalt mit seinem Organ. Zwischendurch echauffiert er sich immer wieder humoristisch über Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger, dem er die Schuld für das große Aufgebot an Wachmännern auf dem HipHop Open zuweist. Feuer, Vergiftet und Klar sind nur ein paar der gespielten Hits. Die Lichteffekte und Überraschungsgäste das Bo, Samy Deluxe, sowie den in die Show eingespannten D-Flame lassen auch hier den zeitweiligen Regen fast vergessen. Nach vehementen Forderungen gibt’s diesmal auch die erste gespielte Zugabe, bei der Delay für eine White Stripes Variation von Seven Nation Army den Platz mit dem Drummer tauscht. Das HipHop Open unterstreicht, dass ein Festival mit über 10.000 Besuchern mittlerweile auch mit zwei deutschen Acts als Headlinern auskommt, die Strategie geht voll auf.

l_70ced6268f7c18a37d0895499cd800eaMit Einbruch der Dunkelheit betreten Don Philippe, DJ Frico und Maximilian vom Freundeskreis mit ihrer Band die Bühne des Open Airs vor heimischer Kulisse. Die Stimmung wurde schon beim Akustikgitarren-Soundcheck deutlich melancholischer. Mit Esperanto und Afrob aus der Kolchose als Back-up beginnt der letzte Höhepunkt des diesjährigen HipHop Open. Auch Max Herres angetraue Joy Denalane unterstützt mit ihrer sanften Soulstimme den Freundeskreis zum 10-jährigen Jubiläum. Umso erstaunlicher, dass auch Cassandra Steen von Glashaus erscheint, um Max bei Wenn der Vorhang fällt mit souligem Gesang auszuhelfen. Passend zum wechselhaft regnerischen Wetter wird die imposante Liveshow mit Anna fortgeführt, die Menge ist das Strandgut. Für Tabula Rasa erscheint mit Sékou ein weiterer Gast am Mikrophon. Die Atmosphäre ist sehr herzlich und familiär. Unbeschreiblich, wenn 13.000 Feuerzeuge Licht zu Mit Dir für Max und Joy leuchten und später der neue Freundeskreis-Track Prinzip Hoffnung präsentiert wird. Ein mehr als gebührend rührender Geburtstag.

Ein kompakter Festivaltag mit Höhen und Tiefen, Absagen und Überraschungsgästen (die Spezializtz durften auch noch spontan auf die Bühne um Gras, Becks und Zärtlichkeit zu zelebrieren), der am Ende gerade durch die drei komplett unterschiedlichen Headliner-Konzerte zu einem rundum gelungenem Fest gewachsen ist.

Andreas Margara (24. Juli 2007)

Wu-Tang Clan – C.R.E.A.M

Splash! 2006 (in Chemnitz)

seeedAm 4. August startete mit dem Splash! in Chemnitz bereits zum neunten Mal das größte HipHop und Reggae Festival Europas. Location hierfür war wie immer das Festivalgelände am Stausee Rabenstein. Nachdem sich im Jahr zuvor vor allem Gummistiefel an Stelle von hellen Sneakern bewährt hatten, versprachen die Wettervorhersagen diesmal trotz bewölktem Himmel angenehmstes Festivalwetter für das Wochenende. Wer rechnet auch schon mit Sintflut-artigen Regenströmen Anfang August?

Zu schönstem Sonnenschein am Festivalvortag hieß es dann Zelt aufbauen, um bei ersten „Helga“-Rufen die gute Stimmung auf den Campingplätzen aufzunehmen und zu genießen. Getrübt wurde die Laune hier und da nur durch die Massenpräsenz der Securities, welche sich wie Ruff Ryders auf ihren Quads über das Gelände bewegten, um verbotene Promo-CD’s, Cans oder Flyer einzukassieren und Platzverweise anzudrohen und zu erteilen. Wohl kaum ein Grundgedanke der auf Kommunikation ausgerichteten HipHop Philosophie.

Freitags eröffneten dann Snaga & Pillath musikalisch das Splash!, wobei Olli Banjo gegen Nachmittag wohl das erste Highlight der bisherigen Festivitäten darstellte. Maeckes & Plan B durften dann zeitgleich mit Prinz Pi performen, ehe mit Keith Murray der erste große US-Act auf der Mainstage anstand. Unterstrichen von immer wieder aufkommenden Regenschauern standen dann die Detroiter Rapper von Slum Village auf der Bühne, natürlich um J Dilla zu widmen und eine bunte Mischung an Tracks von all ihren Alben zu spielen. Höhepunkt des nicht gerade ausgefeilten Auftritts markierten Things You Do und der Titel I Don’t Know, bei dem sonst der ebenfalls bei diesem Splash! beschäftigte Jazzy Jeff gefeaturet wird. Dann die Timetable Änderung auf der Mainstage, bei der die Youngbloodz D4L ersetzten. Auf der MZEE Stage startete unterdessen „His Madnezz“ Pal One aus Mannheim durch, während sich der Topf mit Liveband auf der Hauptbühne schon einreimte. Blumentopf, die zweifelsohne zu den besten Live-Crews in Deutschland gehören, lieferten eine gewohnt gute Performance mit Freestyleeinlagen ab. Neben den obligatorischen Partytracks, wie Party Safari, gab es auch Horst vom neuen Album zu hören. Getoppt wurde das Ganze allerdings problemlos von der darauffolgenden elfköpfigen Seeed Posse von der Spree. Bei den roten Outfits angefangen bis hin zum besonders pumpenden Basssound, der sich von allem bisher auf dem Splash! dargebotenem deutlich absetzte, stimmt bei der Show der Jungs alles. Ob Aufstehn!, Schwinger, Tight Pants, Ding oder die Zugabe Dickes B, die Dancehall-Caballeros ließen keinen ihrer Hits aus und gaben dazu gleich nochmal zahlreiche Rewinds und Remix Versionen zum Besten. Grund genug den Abend danach im trockenen Dancehall Tent bei Phlatline Sound aus Chemnitz, Soundbwoys Destiny und Soca Twins ausklingen zu lassen, da das Coke dj-culture Tent mit Jazzy Jeff und Mad Skillz komplett aus allen Nähten zu platzen drohte.

Bei einer frischen Brise Regen begann der Samstag für uns dann mit dem dänischen ONE-MC-ONE-DJ Power-Team Static & Nat Ill. Zuvor hatten dort schon die Asphaltliteraten komplett in schwarz gekleidet für satanischen Flair gesorgt. Um so himmlischer harmonierten dann Stat und Nat, die sich wie gewohnt in absoluter Topform präsentierten. Danach folgte das MZEE Freestyle Battle, moderiert vom cholerischen Royal Bunker Chef Staiger. Das Reimniveau pendelte allerdings zwischen schwach und mittelmäßig hin und her und plätscherte wie der endlose Regen vor sich hin. Scratch von der Roots Crew beatboxte sich währenddessen munter auf der Mainstage den Applaus des Publikums herbei. Nächster Höhepunkt an diesem Tag war die Saian Supa Crew, die nicht umsonst ein Dauerabo zur mitreißendsten Live-Crew in Europa hat.

splash2

Nicht untypisch für diesen extrem verregneten Tag erscheint dann, dass Curse Sinnflut nicht gegen den starken Regen ankommt und nur wenige Zuschauer vor die Bühne lockt. Als die in Splash!-Müllsäcke eingepackten Juelz Santana Fans dann noch die Nachricht ereilt, dass jener in diesem Jahr nicht performen wird, ist das Unglück perfekt. Das änderte jedoch nichts an Gentlemans guter Laune, der mit seiner Far East Band und seinem jamaikanischem Patois für positive Vibrations sorgte und einen sehr gelungenen Auftritt, unter anderem mit Dem Gone und Leave Us Alone, ablieferte. Am Ende tauchte noch D-Flame aus der Frankfurter Nordwest Stadt als Special Guest für zwei kleine Features auf, ehe das Feld für Fat Joe geräumt wurde. Überrascht davon, dass Fat Joe sogar Tracks von seinem ‘93er Album Represent (Flow Joe) abfeiert, ging der Abend dann für uns erneut im kuschlig-trockenen Ragga Tent bei Pow Pow Movement und Soundquake Soundsytem zu Ende.

Sonntag: Sieben Uhr früh, in unserem Zelt steht das Wasser Zehn cm hoch. Alle Klamotten, Schlafsäcke und Handtücher sind nass. Überall sind Matsch und eingesunkene Gummistiefel zu sehen. Die Meisten Festivalbesucher reisen in Katerstimmung und in immer weiter strömendem Regen ab. Ein Vergleich zu Woodstock behalte ich mir zwar vor, aber matschiger kann es wohl kaum gewesen sein. Wie die Kollabo bei splash! meets classic oder die Auftritte von Booba, Texta, Joy Denalane, Jan Delay, Fiva & Radrum an diesem Tag noch ausgesehen haben,  weiß ich deshalb leider nur vom Hörensagen.

Andreas Margara (21. August 2006)

HipHop Kemp 2005 (in Hradec Kralove)

neues_bildfffff_kopieNach ca. acht Stunden Fahrt und zahlreichen Polizeikontrollen war es am 19.August dann endlich soweit: Start des größten europäischen Underground HipHop-Festivals. Als Location für das viete HipHop Kemp und seine knapp 16.000 Besucher diente dieses Jahr ein ehemaliger Militärflugzeugstützpunkt der sowjetischen Streitkräfte, östlich von Prag in Hradec Kralove, inmitten einer naturbelassenen Landschaft mit großem Badesee.

Das HipHop Kemp zeichnet sich vor allem durch seine äußerst fairen Preise und ein dennoch atemberaubendes Line-up aus. So bekam man dieses Jahr für gerade mal 28 Euro Eintritt plus 1,60 Euro Campingplatzgebühr neben zahlreichen tschechischen Acts keine geringeren internationalen Aktivisten als Dendemann, DJ Mirko Machine, Lordz of Fitness, Galla, DJ Vadim & One Self, Foreign Beggars, DJ Static & Nat Ill und sogar US-Größen wie Masta Ace, Last Emperor und Inspectah Deck vom Wu-Tang Clan zu sehen.

Da das HHK kein Geld für teure Anzeigekampagnen in Print, TV und Radio verschwendet, gilt es als Pendant zum etwas kommerzielleren Splash-Festival in Deustchland. Tschechien als Austragungsort punktet des weiteren mit seiner bisher von aggressivem Kommerz-Gangsterrap verschonten HipHop Szene, die für einen friedlichen real HipHop Vibe sorgt. Das Airport Festivalgelände, das neben diversen Essensbuden durch Dumping-Bierpreise (90 Cent für 0,5 l !) zu überzeugen wusste, war diesmal in verschiedene Hangars, einen Skate Park, Streetball Court, Chillout Area, Kartbahn, Kino, Wasserfußball, Breakdance Stage und natürlich einer riesigen Main Stage gegliedert.

Erster richtiger Höhepunkt Freitags auf der Main Stage waren Bow Wave aus Tschechien, die das Publikum zu diggen wussten, auch wenn sich meine Ohren erst noch an den ungewohnten tschechischen Sprechgesang herantasten mussten. Mit der Kaleidoskop Clique um Blumentopf, Texta und Total Chaos gings dann gleich schweißtreibend weiter, auch wenn der Ausfall von zwei Mikrofonen und einer Box kompensiert werden mussten. Nach dem etwas enttäuschenden Skinnyman löste ein Highlight das nächste ab. DJ Vadim und seine One Selfer „terrorisierten“ gekonnt die Crowd und DJ Static aus Dänemark harmonierte mit Nat Ill, um eine der besten Live-Shows des diesjährigen Kemps zu präsentieren. Zum krönenden Abschluss des Abends übernahm Rapper Inspectah Deck aus Long Island NY das Mic um zahlreiche Wu-Tang Klassiker als Andenken an den kürzlich verstorbenen Ol’Dirty Bastard zu performen.

Während die Sonne dem Wetterbericht am Samstagmorgen immer noch frech trotzte, gings auf der Hauptbühne gegen Nachmittag wieder mit den ersten sehenswerten Auftritten los. Die legendäre Oldschool Formation Zombie Squad aus den Niederlanden legte vor. Der Kölner Emcee Lenny versuchte vor relativ kleinem Publikum nachzulegen und zeigte sich mit FC Köln Fahne lokalpatriotisch. Dendemann und DJ Mirko Machine konnten sich da über weitaus größere Menschenmengen erfreuen, die sie dann auch mit einer gekonnten Live-Show verwöhnten, an deren Spitze Mirko das Mic und Dende die 1, 2’s übernahm. Am stark anwachsenden Anteil von Tschechen in der Crowd konnte man dann schon die große Popularität des darauffolgenden Acts Praga Union erahnen, die in Tschechien Kultstatus genießen. Als nächstes glänzten die Foreign Beggars auf der Bühne und ebneten besonders durch die Beatboxeinlagen von Shlomo a.k.a. „Human Beatbox Extraordinaire“ den Weg für den Meister. Masta Ace, der mich anfangs noch durch die Eigenart seiner Live-Stimme verwirrte, fesselte mich dann doch recht schnell und überzeugte durch reichlich Action auf der Stage, unterstützt von Wordsworth’s sensationellen Freestyles. Ausgereifte Acapellas und viele Tracks vom „A Long Hot Summer“ Long Player der Brooklyn Oldschool Legende sorgten für hervorragende Stimmung bei einem seiner wohl letzten Auftritte in Europa. Die Party schien an diesem Abend keinen Abriss zu nehmen, als unter anderem die Deejays Mirko Machine, Sepalot, Werd und Sprinta komplett Oberkörperfrei im Sir Benni Miles Hangar die Plattenteller bis um 6 Uhr drehen ließen.

Sonntag Morgens zog es dann viele verkaterte Camper an die beiden umliegenden Seen um sich im angenehm kühlen Nass zu erfrischen. Wohlmöglich auch nur um den schlechten sanitären Anlagen auszuweichen, die ein klarer Kritikpunkt am Kemp sind. Große Enttäuschung dann, als der Line-up Ausfall von Non Phixion bekannt wird. So stehen nur noch wenig sehenswerte Acts an diesem Tag auf dem Plan. Als dann auch noch der Regen einsetzt, scheint das Unglück perfekt. Doch Da Germs Auftritt mit Galla von der Ruhrpott AG gegen Nachmittag schaffte Abhilfe. Beide zeigten sich beeindruckt von der friedlichen Atmosphäre des Festivals, das zu Recht unter dem Zeichen „Love and Peace“ stand. Es folgten weitere tschechische und auch polnische Artists, die für unerprobtes Gehör leider schwer zu unterscheiden waren, aber dennoch einen gewissen Reimflow spüren ließen. Headliner des Abends wurde dann schließlich Last Emperor, der mich an diesem Abend lyrisch allerdings nicht erobern konnte. Lichtblick der mittelmäßigen Performance war der deutsche Emcee Geronimo, von dem der Support kam. Letzte Anlaufstelle waren dann wieder die altbewährten Hangars, in denen bis in die späte Frühe Live-Deejays oder die überwiegend tschechischen B-Boys zu bestaunen waren.

Erst kurz vor der Abreise entdeckte ich die 100 m Graffiti Wall. Diese war beim Festival etwas in den Hintergrund geraten, da man sich zum Sprühen anmelden musste und keine Dosen gestellt bekam.

Trotz der enormen Sprachbarrieren mit den Tschechen und auch den vielen Tschechinnen kann man wohl sagen, dass eine gewisse Art universellen Underground HipHop Flavours aufkam. Leider mittlerweile unvorstellbar in den USA, Frankreich und auch in Deutschland, wo die Szene von aggressiven und kommerziellen Rap-Crews dominiert wird. Solange in etwa das Niveau des Line-ups gehalten wird, die angenehme Atmosphäre bestehen bleibt und die Piwo Preise nicht drastisch erhöht werden, kann sich das HipHop Kempski mit mir auf einen Dauercamper für die nächsten Jahre einstellen.

Andreas Margara (26. August 2005)