Kategorie: Kolumne

Onra das Schlitzohr

Mit Backpackers Tribute haben wir gestern in der Alten Feuerwache Mannheim eine grandiose Anniversary Jam zum dritten Geburtstag der HipHop-Partyreihe gefeiert. Das Line-up war mit Masta Ace, Stricklin, Marco Polo, Eloquent, Pop&Roll, DJ Blastar, Sonderskooler, Nicole Hadfield und David Scribbles international besetzt und hat die hohen Erwartungen allesamt erfüllt!

Dabei hatten wir bei der finalen Planung zur Jam noch einen herben Rückschlag hinnehmen müssen, als uns eine doch sehr kurzfristige Absage von Onra ereilte, der sich – wie das Management mitteilte – im Urlaub in Neukaledonien das Fußgelenk gebrochen hatte. Dumm für uns, denn nicht nur als große Fans des französischen Beatproduzenten waren wir schwer getroffen, sondern auch weil die Ankündigung – mit Onra als Headliner – längst auf Flyern und Postern abgedruckt war, der Vorverkauf bereits angelaufen war und HipHop-Magazine wie die JUICE und HHV.de schon die Berichterstattung aufgenommen hatten.

Ohne ebenbürtigen Ersatz im Köcher und doch etwas überrascht, ob Onra seine MPC neuerdings eigentlich per Fuß bedient, ergab auch eine weitere Nachfrage an das Management, dass Onra leider alle Gigs canceln muss – denn es sei ihm einfach nicht möglich mit dem gebrochenen Gelenk aufzutreten. Dumm gelaufen! (im wahrsten Sinne…)
Als dann Onras Perfomance auf dem Dockville Festival in Hamburg flach fiel machten wir uns keine Illusionen mehr: Onra.

Mit dem experimentellen Beatproduzenten KRTS von Project Mooncircle haben wir dann zum Glück spontan doch noch einen innovativen Hochkaräter bekommen. Und im Nachhinein waren wir alle höchst zufrieden mit unserer Wahl, den sympathischen Mann aus Brooklyn als Booking zu uns nach Mannheim geholt zu haben.

Was wir nicht wussten: Onra konnte dann scheinbar doch noch ganz gut auftreten – und zwar im doppelten Sinne, wie er unvorsichtigerweise via Facebook verlauten ließ:

Onra

Onra: Das ist die Definition von WACKNESS!!!

Graffiti-Skandal²

„I like MA-City“, so thront es über dem blitzbunten Tensa (THS) Piece, einem der wohl legendärsten Graffitis inmitten der Quadrate von Mannheim. Seit 1995 erstrahlt diese Buchstabenweide über dem Eingang in die Mannheimer Unterwelt, der sagenumwobenen Borelli-Grotte. Für mich persönlich rangiert dieses Oldschool-Piece – an dem aufgrund der Bahnhofsnähe fast alle Bahnlinien vorbeirattern – dicht hinter dem Wasserturm, wenn es um die Mannheimer Sehenswürdigkeiten geht.

Umso geschockter war ich heute auf der Heimfahrt in Richtung Hauptbahnhof: Irgendeine respektlose, miese kleine Kackbratze hat das Piece nach mehr als 16 Jahren unbescholtener Existenz mit schwarzem Gekrakel gecrosst…

Shame on you!

Powermoves in Rauch und Schweiß

In der 25 Thái Thịnh Street, weit abseits vom touristischen Zentrum Hanois, befindet sich Đoàn Xiếc Hà Nội – das Trainingszentrum der Big Toe Crew. Aus sieben Tänzern hat sich die Crew schon 1992 formiert und zählt damit zu den ältesten und etabliertesten Breakdance Gruppen in ganz Asien. Big Toe räumt regelmässig beim Battle Of The Year in Südostasien ab, ist 2007 im Namen des Goethe-Instituts zusammen mit Niels „Storm“ (Battle Squad) Robitzky und der Performance „Xe Cộ / Traffic“ quer durch Vietnam getourt und zählt mittlerweile mehr als 60 Tanzmitglieder.

Bereits am 10. September hatte ich Gelegenheit die Skills der Big Toe Crew in dem HipHop-Theaterstück „Cảm xúc thay đổi – Change of Emotion“ kennenzulernen. Trotz seichter Gefühlsduseleien und einem kitschigen Ende (auf der Bühne sangen alle gemeinsam We Are The World!?!) gab es erstklassige B-Boy und B-Girl Einlagen zu sehen, die von außergewöhnlicher Athletik und Artistik geprägt waren.

Diesmal jedoch war Battletime angesagt: Im 2 gegen 2 standen sich B-Boys aus Haiphong, Hanoi und anderen Teilen Nordvietnams im Kreis gegenüber. Vor den Augen der Judges Bun-X, Turtle und Spin lieferten sie sich eine  körperbetonte Competition. Anstatt We Are The World gab es heute Renegades Of Funk und schnelle B-Boy Breaks auf die Ohren und meine „Langnase“ – zur Abwechslung war ich mal die einzige auf weiter Flur.

Ästheten konnten sich über jede Menge Powermoves freuen. Kopfunter wurden abwechselnd Puma Suedes und Adidas Superstars mit Fat Laces, und sogar Chucks in allen Farben wirbelnd auf Augenhöhe präsentiert. Nach den Six Steps ging es nämlich oft schon viel zu früh auf den Boden: Kreativität und Provokationen im Top Rocking gab es – für Battleverhältnis – leider nur selten. In den zugerauchten und unklimatiserten Räumlichkeiten (Außentemperatur ca. 35° Celsius) drängelten sich die Vietnamesen jedoch dicht an dicht und zeigten unglaublichen Enthusiasmus für ihre B-Boys. Mindestens in den Vereinigten Staaten ist solch eine Atmosphere längst passe, ein kleiner Oldschool-Trip down Memory Lane also am heutigen Abend. Und das am Stadtrand von Hanoi, wo Battles noch regelmässig von der Polizei gesprengt werden und seit kurzer Zeit überhaupt erst geduldet sind.

Andreas Margara (Hanoi, 4. Oktober 2010)

Quo vadis, Vinyl Only?

slipm-4Ein eiskalter Schauer durchfuhr mich vor wenigen Wochen, als ich am Uniplatz in Heidelberg auf den 32er Bus wartete und in den großen Schaufenstern des ehemaligen Vinyl Onlys nur KRISTALLKUGELN, DEKOKRAM und sonstigen Nippes erblickte, anstelle von LP’s, Singles und 7inches. Jetzt hatte die Wirtschaftskrise mich scheinbar doch noch persönlich erreicht. Wie konnte die feste Institution und legendäre Fundgrube für schwarzes Gold einfach schließen und sich von einer Ramsch-Armada aus Glas und Kristall überollen lassen?

An diesem denkwürdigen Ort hatte ich vor zig Jahren nicht nur zum ersten Mal die Stieber Twins beim „Crate diggin“ erspäht, sondern auch die streng limitierte Blue-Vinyl-Edition von Torchs Meisterwerk Blauer Samt erstanden. Für den Videodreh zu Malaria, fanden sich hier 1999 übrigens auch die Rapper Max Herre und Samy Deluxe ein, was ist nur passiert?

vinyl_galleryObwohl kaum zu erkennen, erblickte ich kurz vor der Abfahrt im 32er dann das „neue“ Vinyl Only, das nun schräg gegenüber Position bezogen hat. Neugierig, aber behutsam betrat ich den Laden gleich am darauffolgenden Tag und erkundete die etwa zur Hälfte geschrumpfte Aktionsfläche. Hier sollen nun also in Zukunft die nostalgischen Fans der geheimnisvoll-beruhigenden Knisterklänge ihre Platten vorhören und erwerben?

Am Ausgang fiel mein Blick gleich auf ein sehr augenfällig plaziertes Stück Musik: die Heidelberg Mixtape-CD. Der Interpret nennt sich DJ Haitian Star und hieß früher mal Torch. Damals gab es Mixtapes aber tatsächlich noch als Tapes zu kaufen und das Vinyl Only befand sich in der Hauptstraße 133…

logo1SAVE THE VINYL!

Andreas Margara (24. April 2009)

Stieber Twins, Maximilian, Samy Deluxe – Malaria (ab 2:23 im Vinyl Only)


Zensur für französische Rapper?

pho_b17Als Konsequenz aus den Banlieue-Ausschreitungen trifft die französische Regierung nun diverse politische Maßnahmen. Neben Verschärfungen in der Einwanderungspolitik werden im Parlament von rechter Seite zunehmend Textverbote für französische Rapper gefordert, die wegen ihrer Gewaltaufrufe mitverantwortlich für die Aufstände gemacht werden.

Kurz nach dem Abklingen der Pariser Vorortkrawalle antwortet die französische Regierung mit einer Reihe einschneidender Gesetzesverschärfungen. Im Mittelpunkt der Diskussion steht wieder einmal Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy, der im Parlament lautstark für eine „selektive Einwanderung“ wirbt. Neuerungen in der französischen Einwanderungs- und Integrationspolitik beziehen sich unter anderem auch auf verschärfte Bedingungen in der Familienzusammenführung, Aufstockung der Abschiebungen und in Frankreich nicht automatisch anerkannter Eheschließungen im Ausland.

Als weiterer Teil des von Premierminister Dominique de Villepin geforderten „republikanischen Rucks“ wird nun von konservativer Seite ein Textverbot für sieben französische Rapper gefordert. Diese hätten mit ihren Lyrics maßgeblichen Einfluss auf die schweren Unruhen in den Banlieues ausgeübt und offen zur Gewalt aufgerufen, so François Grosdidier von der Regierungspartei UMP.

Neben Rapper Monsieur R, der sich mit seinem kritischen Track namens FranSSe (in dem er Frankreich als Schlampe bezichtigt und auch zu einer dementsprechenden Behandlung aufruft) bereits einen Platz auf dem Index sicherte, fordert die rechte Flanke des Parlaments mit einer Petition nun ein Verbot für sechs weitere Gruppen und Einzelkünstler. Betroffen sind Smala, Fabe, Salif, Lunatic, 113 und Ministère Amer. Die meisten der selbstbekennend-provokanten Rapper wuchsen selbst in einem der sozialen Brennpunkte in Paris auf und sind mit der ungleichen Behandlung der Einwanderer bestens vertraut.

La haine
La Haine

Französische Raptexte, die schon seit über zehn Jahren die Tristesse der Vorstädte mit Integrationsproblemen, hoher Arbeitslosigkeit und übertriebener Polizeigewalt artikulieren, sind für viele Betroffene die einzige Möglichkeit ihren Frust auszudrücken. Bekannte Rapcrews wie Suprême NTM, Fonky Family, Disiz la Peste oder Rohff verschafften sich so schon früh in den 1990er Jahren durch ihre harten politischen Texte Gehör. Mit dem sozialkritischen schwarz-weiß Streifen La Haine (auf deutsch: der Hass) wurde die Thematik 1995 sogar schon verfilmt. Alles ohne nachhaltiges Engagement der Regierung.

Den typischen Politiker-Reflex, nach Verbot und Zensur zu rufen, darf man getrost als kurzfristige Beruhigung des aufgebrachten Wahlvolkes werten. Dass insgeheim auch die Politik weiß, dass das in erster Linie Herumdoktern an den Symptomen ist, dürfte dabei jedem klar sein. Stellt sich nur mal wieder die Frage, warum man erst jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, bereit ist, genauer hinzuhören.

Andreas Margara (30. November 2005)

Supreme NTM – That’s my people

Quotiertes Urheben: Wahlkampf mal poppig

deutschebananenAspekte, die zur Wahlentscheidung führen können, gibt’s wie Sand am Meer. Auch wenn’s sicher nicht das wichtigste ist: Zum Thema Musik haben sich unsere Volksvertreter im letzten Jahr so einige Male zu Wort gemeldet, diese Tage erst nutzte Supi-Clement die Popkomm als Podium. Hier ein kleines Sammelsurium an Statements und Standpunkten um das Politikum Pop.

Zwar wollen wir uns nicht anmaßen wie Gerd Gebhardt, Verbandschef der Phonowirtschaft, indirekte Wahlempfehlungen auszusprechen. Im Zusammenhang damit, dass das Recht auf Privatkopie hierzulande doch noch viel zu ausgeprägt sei, meinte dieser nämlich, dass eine konservative Regierung auf Grund des „ausgeprägteren Wertebewusstseins“ die schlimmen Privatkopierer vielleicht eher nicht mit Samthandschuhen anfassen würde. Abgesehen davon, dass er sicherlich kurzfristig vergaß, dass sein Posten durchaus neutraler ausgelegt werden könnte, ließ der Mann offensichtlich auch außer Acht wie es um das Wertebewusstsein der Union bei Angie Merkels Wahlkampf bestellt war: Eher schlecht, denn so richtig Mühe hatte man sich nicht gegeben, bei der Frage, ob man denn nun einfach einen Stones-Titel bei Wahlkampveranstaltungen spielen darf oder nicht und wen man da nun fragen muss usw. Klar, kann ja mal vorkommen.

Zurück zum Thema: Urheberrecht und Radioquote für deutsche Musik (was genau das nun sei, bleibt weiterhin ungeklärt: deutschsprachig, produziert???) waren Themen, die noch den unmusikalischsten Hinterbänkler jedweder politischer Couleur auf den Plan rief. Hier also eine kleine Sammlung an Standpunkten, auf das diese zur allgemeinen Verwirrung beitragen.

So nimmt SPD’s „Superminister“ Clement bei der Popkomm-Eröffnung in Berlin einen Anstieg im legalen Mp3-Download-Bereich bereits zum Anlass um Lobeshymnen auf das von Rot-Grün neu gestaltete Urheberrecht zu verbreiten, das in Zukunft das Vervielfältigen Digitaler Medien mit Kopierschutz auch für den privaten Zweck untersagt. Widersprüchlicherweise soll dem Verbraucher allerdings weiterhin das Überspielen von Songs, wie etwa auf Mp3-Player ermöglicht sein. Von einem gänzlichen Verbot der Privatkopie wird daher abgesehen, so Clement. Willkommen in der juristischen Grauzone!

Die CDU zeigt sich mit impliziten Aussagen wie der von Steffen Kampeter, der kein Recht auf schrankenlose Privatkopie fordert, auch nicht bereit den Schwarzen (Urheberrechts-)Peter einzustecken. Für eine Deutsch-Quote im Radio sprechen sich die Christdemokraten jedoch eindeutig aus.

Das Selbe in Grün gilt für Claudia Roth, die Ex-Managerin von der Deutschrockband Ton, Steine, Scherben fordert ebenfalls die Quote für Deutschland. Bündnis-Genosse Rezzo Schlauch sieht das hingegen schon wieder ganz anders und erklärt die Deutsch-Quote im offenen Brief in der »taz« für kontraproduktiv. Vielleicht sollte Fischer hier ein Machtwort sprechen …

Ausnahmsweise klassisch liberal die FDP: eine Kampagne mit dem kreativen Titel „Radio-Quote – Nein Danke!“ wurde gestartet, in der die Quote als Deutschtümelei und verfassungswidrig abgehandelt wird. Da besteht wohl noch einiges an Diskussionsbedarf mit dem ersehnten großen Quoten-Koalitionspartner. Zum Urheberrecht werden Seitens der FDP mehr als schwammige Phrasen aufgetischt, in denen die Modernisierung (?) des Urheberrechts fortgesetzt werden soll.

Wo der Jugendverband der Linken.PDS noch die Bewahrung des Rechtes auf Privatkopie fordert, zieht das Wahlprogramm der Partei schnurstracks an Themen wie Radio-Quote und Urheberrecht vorbei. Die Musik spielt eben woanders!

Alles unklar? Eben. Halten wir’s also wie gehabt: Ankreuzen und überraschen lassen.

Andreas Margara für regioactive.de (16. September 2005)