Kategorie: CD-Rezensionen

Superior „Scenes“ LP

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Im August 2015 hat der Heilbronner Beat-Producer Superior sein Instrumental Album Scenes (Dezi-Belle) gedroppt. Der 14 Track starke Long Player besticht durch pumpende Kopfnicker-Beats aus der Drum Maschine.

Unüberhörbar sind Superiors Einflüsse aus Soul und der Golden Era des Rap, die in den laid-back Grooves mitschwingen. Einziges Gast-Feature auf dem Album kommt von Rapper Declaime („Entire Empire“). Die Kollabo vermittelt bereits einen ersten Vorgeschmack auf die kommenden Superior Projekte, die demnächst u.a. mit MCs wie Reks anstehen. Unbedingt auschecken!

Für die Cuts auf der Kollabo „Rap Champion“ mit Planet Asia ist der Heilbronner DJ Sean verantwortlich:

Lee Fields and The Expressions: „Faithful Man“

Irgendwie ging sein Soulsound damals unter, als die große Stunde der James Browns und Aretha Franklins schlug. Dabei führte auch der Weg von Lee Fields über den örtlichen Gospelchor direkt ins Aufnahmestudio, wo bereits 1969 seine erste Platte entstand. Am Ende blieb es bei einer handvoll veröffentlichter 7inches in limitierter Auflage. Eine Disco- und Contemporary-R&B-Welle später erlebte der impulsive Sänger aus Wilson, North Carolina seinen zweiten Frühling. Die Vintage- und Retro-Bewegung Ende der 90er Jahre bot neben Amy Winehouse, Nicole Willis und Konsorten auch die Möglichkeit für ein Soul-Revival übergangener Originalröhren wie Sharon Jones oder Charles Bradley. Mit der Veröffentlichung von My World 2009 schafft auch das männliche Pendant zu Jones den Sprung auf die Soul-Landkarte: Lee Fields ist die ausgegorene Melange aus Al Green und James Brown für Zuspätgeborene. Eine musikalische Heimat findet er in Brooklyn bei dem Label „Truth & Soul“, das sich 2004 aus den Überresten von „Soul Fire Records“ formiert. Den passenden nostalgiegetränkten Klangteppich für sein urwüchsiges Soulorgan bekommt er von der hauseigenen Band The Expressions ausgerollt.

Faithful Man ist der Titel des neusten Lee Fields Streichs, auf dem der Altmeister mit seinem Southern Soul schmachtet und mit Lo-Fi Blues die Knechtschaft der Herren vor der bezaubernden Damenwelt besingt – Blaxploitation galore. Kompromisslos funky hangelt sich Fields über knapp eine halbe Stunde von einer Liebesbekundung zur nächsten leidenschaftlichen Hommage an das schöne Geschlecht. Die Soul-Schmonzetten triefen vor Authentizität und haken sich mit unvergleichlicher Spielart im Gehörgang fest. Ob I Still Got It mit seinen unwiderstehlichen Bläsern, der hitverdächtige Appell Wish You Were Here oder das smooth-groovende Who Do You Love, Lee Fields besticht konsequent mit stark durchbluteten Soul-Hymnen. Im Ausdruck seiner Stimme katapultiert er den Schmerz einer ganzen Generation in die Jetztzeit. Die Intensität seines Gesangs ist ein Statement der puren Leidenschaft. Vermutlich eine Spur zu leidenschaftlich für das Mainstream Radioprogramm.

Onra: „Chinoiseries Pt. 2“

„Same same but different“ – die südostasiatische Redensart trifft es am besten im Falle des zweiten Teils von Chinoiseries, mit dem der französische Beatschrauber Arnaud Bernard alias Onra seine überaus erfolgreiche Instrumentalveröffentlichung aus dem Jahr 2007 fortsetzt. Die Samples sind neu gestrickt aber das Konzept bleibt das Gleiche: Rare Rillen aus China und Vietnam, die sich Onra auf Vinylrestposten in Fernost zusammengeklaubt hat, steckt er mit Hilfe seiner MPC1000 in ein modernes Soundgewand aus soulhaltigen Rap-Beats. Entstanden ist dabei erneut eine saftige Frühlingsrolle für die Ohren. Die Snare lässt Onra auf seinem Spielgerät zischen wie kampfbereite Kobras, die Bässe knarzen bis sich die Bambusholzbalken biegen. Onras Großeltern stammen aus Vietnam, vielleicht gräbt er sich deshalb so selbstsicher durch das exotische Arsenal traditioneller Musikinstrumente aus Asien, die er als innovative Loops inszeniert. Die außergewöhnliche Atmosphäre die der findige Franzose kreiert, erinnert wie schon Madlibs Beat-Konducta-Reihe an einen fiktiven Film-Soundtrack. Ob entspannte Kopfnick-Rhythmen wie Ms Ho oder brachiale Beatbretter wie Raw Shit – durch den bewussten Einsatz des Vinylknisterns untermauert Onra stets den rauen und ungeschliffenen Charakter seines groovenden Klangteppichs. Locker lässt er Tears Of Joy aus den Boxen träufeln, setzt auf Hide And Seek einen chinesischen Frauenchor in Szene, ehrt den Wu-Tang Clan mit One For The Wu oder zaubert ein mystisches Flötensample für Where I’m From aus dem Strohhut. Chinoiseries Pt.2 besticht mehr durch sein stimmiges Gesamtkonzept, als dass wie schon beim Vorgänger einzelne Stücke (wie z.B. The Anthem) als Hymne herausragen. Also wenn Sepalot der Beat Konducta Bavaria ist, dann ist Onra der Beat Konducta Vietnam.

Andreas Margara (November 2011) für JUICE Magazin

DCS: „Silber“

Zwei Dreiecke die nach rechts zeigen. Jeder Rezensent lernt diese Taste der Stereoanlage mit den Jahren zu schätzen. Dass man hingegen beim ersten Titel schon hängen bleibt und ständig repeat drückt geschieht eher selten. Zu erwarten war es auch nicht unbedingt beim neuen Album von DCS, das eigentlich niemand so wirklich auf dem Schirm hatte. Die vier Kölner selbst vielleicht am wenigsten. Auf dem Jubiläumskonzert von ihrem alten Weggefährten Curse standen Schivv, Rotzlöffel, Peer und DJ Lifeforce erstmals wieder gemeinsam auf der Bühne. Obwohl alle Mitglieder von Die Coolen Säue ihre Brötchen mittlerweile abseits der Musik verdienen, war die Leidenschaft einfach zu stark entflammt, um nach der Performance wieder getrennte Wege zu gehen. Nur ein Jahr später war Silber schon fast im Kasten.

Es ist das vierte Album von DCS, die letzte Veröffentlichung 1999 …von Vorne – damals auch ein Neubeginn – liegt ganze 13 Jahre zurück. Ein gewagtes Unterfangen so ein Comeback. Mit vergrößertem Erfahrungsschatz, der Professionalität aus dem Berufsleben und der bewährten Authentizität melden sich die Beatz aus der Bude Dudes jedoch zurück – die Coolen Säue sind erwachsen aber nicht uncool geworden. Rap an sich wurde vorneweg aus dem Themenspektrum gebannt, das Erheben des Zeigefingers überlassen Schivv und Kallis (wie Rotzlöffel sich nun nennt) somit bewusst den Anderen. Silber eröffnet mitWas Du Siehst, einem modernen Beatbrett aus treibenden Synthesizern von DJ Adlib, über das die DCS-Rapper unverschämt unverkrampft auftrumpfen. Im Hintergrund faucht eine alte Bekannte namens Brixx. In die Welt ist gleich das nächste Schmuckstück. Crada unterlegt die Ode an das Fernweh mit mächtigem Streicher-Sound der zum Schwelgen einlädt. Bis ich dich finde ist eine Art deutsche Interpretation von Erykah Badu’s Healer-Hymne. Die Reminiszenz an die Kindheit Wie war das noch mal vom DCS-Debütalbum Stärker als das Schicksal (1996) findet seine Fortsetzung in der gleichnamigen 2012er Version. An Stelle von Brooke Russell gibt es allerdings einen Gastauftritt von Sido. Ohne versteift zu wirken besticht Silber durch seine reifen Themen. Unterstützt von Olli Banjo nehmen sich DCS dem Thema Altern am eindrucksvollsten auf Sex im Alter an. Ein Text, auf den man vom Titel her nicht wirklich geschlossen hätte. In direkter Abfolge liegen die starken Themen Tod und Geburt. Während Kallis auf Nachtfrost den Tod seiner Mutter verarbeitet, beschreibt Schivv im Anschluss auf Eins sein Vaterglück. Alles in allem sehr ansprechende Texte, vorgetragen von glaubhaften Rappern mit großem Charakter.

Wer hätte das gedacht? DCS gehören tatsächlich zu den ersten deutschen Vertretern, denen es scheinbar spielend gelingt Rap auf ein neues Level zu heben. Ü30-Rap auf Deutsch, der keineswegs peinlich klingt. Zumindest für die alten Hasen der HipHop-Szene ein goldverdächtiger Silberling.

Andreas Margara (Februar 2012)

DCS – In die Welt

Gangrene: „Vodka & Ayahuasca“

Dass zwei gestandene Rap-Produzenten wie Oh No und The Alchemist unter dem Namen „Gangrene“ gemeinsame Sache machen, erinnert geradezu zwangsweise an „Jaylib“ – das legendäre Gipfeltreffen der beiden Beat-Masterminds des HipHop: Jay Dee und Madlib. Obwohl die Messlatte für Al und Oh damit ungemein hoch liegt, erscheint mit „Vodka & Ayahuasca“ bereits das zweite gemeinsame Album.

Gangrene (auf Deutsch „Wundbrand“) ist eine Krankheit, bei der sich das Gewebe allmählich zersetzt und die Extremitäten verwesen. Makaber, dass zwei der begnadetsten HipHop-Produzenten aus den USA ihre Kollaboration ausgerechnet als Verwesungspest bezeichnen. Womöglich wollen die gefragten Beatbastler Alchemist, der seines Zeichens Tour-DJ von Eminem und Jay-Z ist, und Madlib’s kongenialer Bruder Oh No damit jedoch einfach nur unterstreichen, dass es bei ihrer Klasse überhaupt keine Rolle spielt welchen Titel das Schaffenswerk trägt. Nachdem 2010 das gemeinsame Albumdebüt Gutter Water erschien, legen Al und Oh mit Vodka & Ayahuasca im Januar 2012 bereits den 14 Titel starken Nachfolger vor. Schon das psychedelisch gestaltete Cover mit dem Verweis auf die Kombination aus russischem Rauschmittel und dem Halluzinogen Ayahuasca lassen erahnen, dass das kalifornische Duo zu einem Trip in extraterrestrische Soundsphären einlädt.

Mit Kool G Rap wagt sich als erster Gastrapper ein New Yorker Oldschool-Veteran in die derangierte Beat-Arena, um sich eindringliche fünf Minuten durch das konfus-klirrende ArrangementGladiator Shit zu reimen. Ein beeindruckender Start, der Lust auf mehr macht. Organische Samples, insbesondere von E-Gitarren und klimperndem Piano, beleben die quirligen Produktionen und kreieren eine brechende Dynamik, die durch quer unterlegte Cuts und Scratches erzeugt wird. Das weiß zu gefallen. Nach mehreren Tracks am Stück scheitern die Ohren allerdings an Reizüberflutung im psychedelischen Fluss an Innovation, mit der sich Alchemist und Oh No zu übertreffen versuchen. Die Beats sind im großen Ganzen überladen, so dass Vodka & Ayahuasca ständig auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und purem Wahnsinn taumelt. Neben den meist mediokren Rap-Parts von Oh No und Alchemist, sorgt Prodigyvon Mobb Deep auf dem guten Track Dump Truck für willkommene Abwechslung. Roc Marcianohat auf dem doch sehr gewöhnungsbedürftigen Klangteppich Drink Up kaum Gelegenheit gegen die sirenenartige Gitarre anzukommen. Weitere bekannte Gesichter auf der Scheibe sind die befreundeten Roc C und Evidence, die ebenfalls von der Westküste stammen.

Für eingefleischte Fans des dreckigen und ungefilterten Sounds von The Alchemist und Oh No kann Vodka & Ayahuasca durchaus eine berauschende Wirkung entfalten. Alle unerprobten Hörer, besonders die ohne strapazierfähiges Nervenkostüm, sollten lieber die Finger von dem psychedelischen Rauschmittel lassen und sich bei Interesse zunächst auf alternative Einstiegsdrogen konzentrieren.

Andreas Margara (03. Januar 2012)

Absztrakkt: „Diamantgeiszt“

„Ich rapp mit dem Herzen eines tibetischen Schneelöwen/ und hab das Karma am Mic auf alles scheißen zu dürfen wie Seemöwen/“. Punchlines wie diese aus Karma hagelt es en masse auf Diamantgeiszt, dem mittlerweile dritten Album von Absztrakkt. Auf über knapp 70 Minuten schmeißt der Rapper aus dem unbedarften Lüdenscheid kompromisslos mit Aphorismen um sich. Mal haben seine Aussagen dabei esoterische Weisheit als Hintergrund, mal repräsentieren sie einfach nur eine nihilistische Abfuck-Attitüde. Kein Blatt nimmt der Roey-Marquis-Zögling vor den Mund, wenn er auf die meist staubtrockenen Beats aus dem Hause Influenza’s Finest über das Leben, Religion, Sex und eine heuchlerische HipHop-Szene philosophiert. Bereits mit seinem eindrucksvollen Intro Abszflowsz zieht Absztrakkt den Hörer tief in seinen Bann. Verwechslungsspiele und postmodernistische Selbstreferenzen, die Absz häufig in dritter Person auftischt, prägen den einzigartigen Style, der irgendwo zwischen tibetischer Klosterschule und absurden Tresentheorien einer deutschen Eckkneipe anzusiedeln ist. Spätestens beim dritten Track Hör Mich Tod liebt oder hasst man ihn. Persönliche Erlebnisse, wie eine Absage für ein Feature mit seinem Vorbild Torch in den 90er Jahren reiht er dabei ebenso ein, wie gottesgleichen Narzissmus. Wuchtige Bässe mit melodisch arrangierten Instrumenten aus Fernost gehen auf Diamantgeiszt meist Hand in Hand, während Lüdenscheids Finest mit seinem markanten Flow alles überrollt. Stellenweise wirkt der 32-jährige Rapper vom X-Men Klan regelrecht schizophren, wenn er seine Zeilen in Übertragungszlinie beispielsweise noch in buddhistischer Ausgeglichenheit vorträgt, um sich dagegen bei Regenbogenkörper explosiv wie ein Sprengkörper zu entladen. Vom inhaltlichen Anspruch spielt Absztrakkt in einer ganz eigenen Liga von neuen tiefgründigen MC’s wie z.B. Morlockk Dilemma und Hiob. Dabei hält er geschickt die Balance zwischen sperrigen Texten und trockenen Battlerhymes. Die eindringliche und düstere Klangatmosphäre versteht Absztrakkt mit starken Metaphern zu würzen. Eines der stärksten Deutschrap-Alben 2011! Zum Hören sollte man sich übrigens unbedingt ein wenig Zeit nehmen, da sonst die mühsam aufgebaute Spannung flöten geht.

Andreas Margara (23. November 2011)

Evidence: „Cats & Dogs“

Die Zeichen stehen auf Regenwetter: Evidence, der Weatherman, ist zurück und es regnet „Cats & Dogs“. Mit seiner zweiten Albumveröffentlichung präsentiert der Rapper von den Dilated Peoples das bisher beste Rapalben des Jahres 2011. Beheimatet ist der Produzent und Rapper der Dilated Peoples mittlerweile auf dem für seine erlesene Qualität bekannten Indie-Label Rhymesayers Entertainment. Mit Alchemist, DJ Babu, DJ Premier, Sid Roams und seiner selbst hat Evidence wieder eine ähnlich schlagkräftige Truppe an Beatbauern versammelt wie schon für sein Debüt The Weatherman LP, das sich durch knochentrockenen Boom-Bap-Sound ausgezeichnet hat. Ein kurzer Gastauftritt von Aloe Blacc gepaart mit einem packenden Streicher-Sample der Soulikonen von Main Ingredient läutet das zweite Epos von Evidence ein. Schnell wird klar: hier wird noch großes passieren. Für die königlichen Gäste Raekwon und Ras Kass auf The Red Carpet rollt Alchemist zunächst einen roten Beatteppich aus, auf dem die Kick Drum locker den Takt vorgibt. I don’t need love ist Ev’s Mantra, das er sich selbst vorsagen muss, um über die Verflossene hinweg zu kommen. Was seine MC-Qualitäten angeht, offenbart der Mann mit den betont langsam geflowten Lines eine deutliche Steigerung. Die herausragende Premo-Produktion You vollendet Evidence mit punktgenauen Rhymes zu einem absoluten Brett. Bei diesem mit freshen Cuts angereicherten und vor sattem Bass triefendem Soundgerüst von DJ Premier kann sich sicher auch die gesamplete Mavis Staples trotz ihrer 72 Lenzen heftiges Kopfnicken nicht verkneifen. Boom Bap Puristen kommen auch bei To Be Continued voll auf ihre Kosten. Sid Roams inszeniert hier die Snare derart bissig, dass die Boxen schon anfangen zu schnappen. Dazu versohlt die Kick Drum ordentlich die Gehörmuschel. Die Auflösung, warum auf Cats & Dogs kein Titel mit der Nummer 13 existiert, erklärt er möglicherweise auch gleich in diesem Stück: „Ten commandments, 24 hours, the 13th floor was missing in the towers“. Ein ganzes Spektrum an interessanten Gastrappern reiht sich mit Krondon, Slug, Aesop Rock, Termanology, Roc Marciano, Prodigy, Lil’ Fame und Rakaa Iriscience noch in das extrem atmosphärische Klima der Scheibe ein. Schwachstellen sind über die ganze Länge schlichtweg keine zu finden. Mit seinem zweiten Album ist Evidence damit erneut der große Wurf gelungen. Im Fazit übertrifft er sogar sein eigenes Debüt und bringt sich damit unweigerlich als Topkandidat für das Rap-Album des Jahres 2011 ins Gespräch!

Andreas Margara (21. September 2011)

Evidence – To be continued…