Gangrene: „Vodka & Ayahuasca“

Dass zwei gestandene Rap-Produzenten wie Oh No und The Alchemist unter dem Namen „Gangrene“ gemeinsame Sache machen, erinnert geradezu zwangsweise an „Jaylib“ – das legendäre Gipfeltreffen der beiden Beat-Masterminds des HipHop: Jay Dee und Madlib. Obwohl die Messlatte für Al und Oh damit ungemein hoch liegt, erscheint mit „Vodka & Ayahuasca“ bereits das zweite gemeinsame Album.

Gangrene (auf Deutsch „Wundbrand“) ist eine Krankheit, bei der sich das Gewebe allmählich zersetzt und die Extremitäten verwesen. Makaber, dass zwei der begnadetsten HipHop-Produzenten aus den USA ihre Kollaboration ausgerechnet als Verwesungspest bezeichnen. Womöglich wollen die gefragten Beatbastler Alchemist, der seines Zeichens Tour-DJ von Eminem und Jay-Z ist, und Madlib’s kongenialer Bruder Oh No damit jedoch einfach nur unterstreichen, dass es bei ihrer Klasse überhaupt keine Rolle spielt welchen Titel das Schaffenswerk trägt. Nachdem 2010 das gemeinsame Albumdebüt Gutter Water erschien, legen Al und Oh mit Vodka & Ayahuasca im Januar 2012 bereits den 14 Titel starken Nachfolger vor. Schon das psychedelisch gestaltete Cover mit dem Verweis auf die Kombination aus russischem Rauschmittel und dem Halluzinogen Ayahuasca lassen erahnen, dass das kalifornische Duo zu einem Trip in extraterrestrische Soundsphären einlädt.

Mit Kool G Rap wagt sich als erster Gastrapper ein New Yorker Oldschool-Veteran in die derangierte Beat-Arena, um sich eindringliche fünf Minuten durch das konfus-klirrende ArrangementGladiator Shit zu reimen. Ein beeindruckender Start, der Lust auf mehr macht. Organische Samples, insbesondere von E-Gitarren und klimperndem Piano, beleben die quirligen Produktionen und kreieren eine brechende Dynamik, die durch quer unterlegte Cuts und Scratches erzeugt wird. Das weiß zu gefallen. Nach mehreren Tracks am Stück scheitern die Ohren allerdings an Reizüberflutung im psychedelischen Fluss an Innovation, mit der sich Alchemist und Oh No zu übertreffen versuchen. Die Beats sind im großen Ganzen überladen, so dass Vodka & Ayahuasca ständig auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und purem Wahnsinn taumelt. Neben den meist mediokren Rap-Parts von Oh No und Alchemist, sorgt Prodigyvon Mobb Deep auf dem guten Track Dump Truck für willkommene Abwechslung. Roc Marcianohat auf dem doch sehr gewöhnungsbedürftigen Klangteppich Drink Up kaum Gelegenheit gegen die sirenenartige Gitarre anzukommen. Weitere bekannte Gesichter auf der Scheibe sind die befreundeten Roc C und Evidence, die ebenfalls von der Westküste stammen.

Für eingefleischte Fans des dreckigen und ungefilterten Sounds von The Alchemist und Oh No kann Vodka & Ayahuasca durchaus eine berauschende Wirkung entfalten. Alle unerprobten Hörer, besonders die ohne strapazierfähiges Nervenkostüm, sollten lieber die Finger von dem psychedelischen Rauschmittel lassen und sich bei Interesse zunächst auf alternative Einstiegsdrogen konzentrieren.

Andreas Margara (03. Januar 2012)

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