DJ Shadow (Alte Feuerwache Mannheim)

Die Welt ist eine Scheibe – alles im Leben von Josh Davis dreht sich um das schwarze Vinyl. Besser gesagt lässt er das Vinyl drehen, wenn er als DJ Shadow an gleich vier Plattentellern steht und auflegt. Obwohl seine Musik häufig als experimenteller Instrumental-HipHop bezeichnet wird, passt der Kalifornier in keine Schublade. Umso besser scheint sein Sound aber in eine Kugel zu passen, in der er sich bei seinem Set in der Alten Feuerwache in Mannheim präsentierte. 

DJ Shadow wuchs in einer Ära auf, als dem DJ innerhalb der Rap-Gruppe noch eine ganz besondere Bedeutung beigemessen wurde. Zum Maßstab für den Vinyl-Junkie wurden Plattenleger wie Jam Master Jay (Run DMC), Terminator X (Public Enemy) oder Eric B (Rakim), die alle Turntablism als Kunst betrieben. Von daher verwundert es nur wenig, dass DJ Shadow das Publikum in der Alten Feuerwache am heutigen Abend zunächst wie ein Theaterschauspieler begrüßte und viel Spaß mit der Vorstellung wünschte, ehe er in einer geheimnisvollen Zauberkugel verschwand, die auf der Bühne installiert war. Unterstützung bekam Shadow von einem Techniker, der einzig für die anspruchsvollen Visualisierungen mit angereist war. Mit diesen wurden ein Backdrop und die schneeweiße Kugel abgestimmt zu den Klängen bestrahlt – ein audiovisuelles Happening, das vom Farbenspiel her einem LSD-Rausch in nichts nachstand.

Musikalisch ist DJ Shadow nur schwer auszumachen, da er sich keinen Einflüssen verweigert und von Dub, HipHop, Rock, Funk bis hin zu Schnipseln aus Filmen und Soundtracks alles querbeet in seinen hauptsächlich auf Samples basierenden Stücken mit einbaut. Für sein Debütalbum Endtroducing (1996), das auf dem scheuklappenfreien Label Mo’Wax erschien, erhielt er mit nicht weniger als 500 verwendeten Samples sogar einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde. Das Werk gilt als Meilenstein des Instrumental-HipHops. Heute wurde das Mannheimer Publikum Zeuge, wie der „King of Diggin“ – in Anspielung auf seinen siebten Sinn die richtigen Samples auszugraben – live mit den Versatzstücken von Rage Against The Machine, James Brown, Bob James, Pink Floyd und natürlich vielen Rap-Classics arbeitete.

Neben seinem Equipment, das in der Regel aus zwei MPC 3000, vier Plattenspielern und einer Korg Triton (Synthesizer-Workstation) besteht, hatte DJ Shadow heute noch ein Schlagzeug in seiner Kugel, mit dem er ab und an ein paar der Drums live einspielte. Die drehbare Kugel gewährte entweder auf der einen Seite Einblicke auf DJ Shadows Plattenteller oder wurde von einem Videobeamer bestrahlt, dann verschwand der DJ und die Kugel drehte sich auf die andere Seite. Obligatorische Scratch-Routines und messerscharfe Cuts zeichnen die Sets des 38-jährigen aus. Musikalisch zog Shadow das Tempo allmählich an und beschleunigte die BPM auf mehr als die im TripHop üblichen 80 Schläge, so dass die Party bald schon einer Drum’n’Bass Veranstaltung glich. Zwischendurch musste man sich immer wieder vor Augen führen, dass hier nur ein Mann allein agierte, der aber phasenweise wie ein komplettes Soundsystem klang und von der vollen Halle wie eine Rockband abgefeiert wurde.

Wie der Mann aus Kalifornien verkündete, ist sein neues Album The Less You Know The Better bereits abgemischt. Um seiner unkonventionellen Arbeitsweise treu zu bleiben wird das Werk in einer geremixten Version zunächst auszugsweise als EP (Gotta Rokk) veröffentlicht. Erste Kostproben präsentierte DJ Shadow bereits am heutigen Abend. Mit seinem eindrucksvollen Mash-up-Set stellt Shadow jegliche Konventionen in den Schatten. Haufenweise Breaks und Improvisationen an den Decks, die Davis wie ein Instrument beherrscht, zeigen die Möglichkeiten und Kunstform des Turntablism auf. Nach der Zugabe wartete mit DJ Shortkut von den Beat Junkies bereits der nächste Turntable-Techniker für die Aftershow-Party auf. Die Welt ist eine Scheibe. Oder vielleicht doch eine Zauberkugel?

DJ Shadow (Auszug aus Scratch)

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