Whitney Houston (SAP Arena Mannheim)

Houston, wir haben ein Problem: Die größte Soulstimme der Welt ist angekratzt. Obwohl Whitney Houston mit mehr als 170 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Künstlern aller Zeiten zählt, wird über die Souldiva im 25. Jahr ihrer Musikkarriere vornehmlich in der Klatschspalte berichtet. Nach einer schweren Zeit mit Drogeneskapaden und ihrer skandalösen Ehe mit Bobby Brown, startete auch die groß angelegte Comeback-Tour in Begleitung negativer Schlagzeilen. Nachdem sie wegen ihrer ausgezehrten Stimme von den Kritikern bereits als „Whitney Husten“ abgeschrieben wurde, führte sie ihr Weg nun auch nach Mannheim – die Erwartungen waren dementsprechend niedrig.

An Bodyguards mangelte es nicht in der Mannheimer Arena. Einer der es mit Kevin Costner aufnehmen könnte befand sich allerdings nicht unter den Aufpassern. Ohnehin war die größere Frage, ob Whitney Houston es auf dem Höhepunkt ihres Auftritts gelingen würde, es auch nach 18 Jahren mit ihrem größten und gleichzeitig technisch schwersten Hit aufzunehmen. Whitney stand unter großem Beobachtungsdruck. Das verstummte Publikum schien nur auf einen Patzer der geläuterten Soulkönigin zu warten. Als sie die ersten Zeilen von I Will Always Love You tadellos überstanden hatte hielt sie plötzlich inne, ganz so, als ob Dolly Parton ihr persönlich befohlen hätte den Song abzubrechen. Fast resignierend schüttelte Whitney nun sachte den Kopf und zog die Kunstpause weiter in die Länge. Anhaltende Stille. Gänsehaut machte sich breit. Ein Zeichen an die Band und die Bridge setzte ein. Jetzt war Miss Whitney Houston wieder voll da, die 5500 Zuschauer sprangen von ihren Sitzen auf und schäumten über vor Begeisterung.

Eröffnet wurde der Abend vor der recht überschaubaren Kulisse zunächst von der Samuel Harfst Band mit seichtem Studentenpop. Houston ließ ihre Fans noch etwas zappeln, schließlich tritt eine echte Diva immer mit Verspätung auf. Mit einem Schlag fiel dann der überdimensionale Vorhang und die Show startete mit einem fulminanten Intro. Begleitet von tosendem Applaus und umringt von vier wuselig-akrobatischen Tänzern betrat Whitney Houston die Bühne im schwarzen Paillettenkleid mit üppigem Dekolleté, um ihren Song For The Lovers zu performen. Angehaftet am Lipgloss verdeckte das Headset-Mikro zunächst noch den Mund der Sängerin, die, abgesehen von einem aufgedunsenen Gesicht und schwangerschaftsähnlichen Rundungen, einen körperlich überraschend vitalen Eindruck machte.

Verunsichert und leicht irritiert ging Whitney auf Zwischenrufe aus dem Publikum ein, nahm sich Zeit für Schminkpausen und hielt lange Monologe. Ihre Stimme klang dabei belegt und heiser, auch ihr Husten schien kein gutes Vorzeichen für anspruchsvollere Gesangspassagen zu sein. Die R&B-Stücke My Love Is Your Love und It’s Not Right but It’s Okay von ihrem 1999er Album meisterte sie allerdings mit Bravur. Trotz des perfekten Zusammenspiels mit den drei Background-Sängerinnen und ihrer Band, ließ Houston zu keinem Zeitpunkt Zweifel aufkommen wer hier die Leadsängerin mit dem viel diskutierten Wunderorgan ist.

Nach einer kleinen Tanzshow und einem Solotitel ihres Bruders Gary Houston, erschien Whitney in schwarzer Abendgarderobe zurück auf der Bühne, um nun mit ihren Balladen den ruhigern Teil der Show anzugehen. Ohne aufgesetzt zu wirken widmete sie das Stück Song For You mit viel Pathos an ihren verstorbenen Freund Michael, den King of Pop. Die 46-jährige tankte jetzt immer mehr Selbstvertrauen und wurde zunehmend sicherer auf ihren zehn Zentimeter hohen Absätzen. Mit Saving All My Love For You, All At Once, I Learned From The Best und Greatest Love Of All präsentierte Whitney Houston einen eindrucksvollen Querschnitt ihrer Welterfolge. Komplett ohne technische Hilfen oder ein Eingreifen des Chors schoss sie mit ihrem variantenreichen Gesang in Höhen, in die sonst allenfalls Extrembergsteiger vordringen.

Auf und ab ging es beim munteren Tonleiterrodeo, mit dem sie ihren teilweise bis zu 25 Jahre alten Balladen einen neuen Live-Charme verpasste. Einzig beim halten der Töne traten selten kleinere Unfeinheiten auf. Im Stile einer ehrwürdigen Souldiva schmetterte sie anschließend noch ein kraftvolles Gospelgewitter mit I Love The Lord nieder, bevor sie langsam zum erwähnten Highlight der Show überging. Die 80er Jahre Disco-Hits I Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me) und How Will I Know waren reine Formsache für die glamouröse Frau mit dem strahlenden Lächeln – das Publikum hatte sie sowieso schon in der Tasche. Nach einem weiteren Garderobenwechsel gab die sympathisch aufgelegte Soullady am Ende ihrer fast zweistündigen Show noch den aktuellen Radio-Hit Million Dollar Bill zum Besten. Wacker hat Whitney Houston am heutigen Abend ihren Kritikern getrotzt. Auch wenn ihre Stimme auf den alten Aufnahmen in den Feinheiten sauberer klingen mag ist es ein Ereignis diese Stimmgewalt einmal live erlebt zu haben. Michael Jackson sollte als Beispiel eigentlich gezeigt haben, dass man die wenigen herausragenden Stars der Popgeschichte nicht ständig an ihren längst vergangenen Erfolgen messen sollte und ihnen erst den nötigen Respekt zollt wenn es dafür längst zu spät ist.

Andreas Margara (30. Mai 2010)

5 Kommentare

  1. empire

    Wir haben das letzte bezahlte Konzert der W.H nicht besucht, aus Gründen der Loyalität.
    Stimme und Stars hin und her, wer für viel Geld auf die Bühne steht unterliegt auch dem Leistungsprinzip und hat seine Pflichten.
    Das Recht Star zu sein und zu Leben wie ein unkontrollierter Promi reicht dazu nicht, der Dumme ist am Schluss immer der Bezahler, wie in der Politik auch.
    ES bleibt den Menschen am Schluss immer noch die Hoffnung…

    empire

  2. Schade

    Schade, meine Erinnerung an diese Show: Lautes mehr oder weniger geschrienes Intonieren schöner Melodien. Ich hatte Probleme, die Lieder wieder zu erkennen. Nervig waren die Husten-Einlagen und die deutlich zu vernehmenden Einatmungskeucher von Whitney H. Der Song aus Bodyguard, welcher mir sonst (von CD) eine Gänsehaut macht, lies mich diesmal auch erschauern, aber leider nur wegen Erschütterung.
    Fazit für mich: Man sollte Stars dann besuchen, wenn sie sich auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere befinden. Reine Nostalgie ist meistens nur enttäuschend. Aus zufällig mitgehörten Gesprächen anderer Besucher konnte ich entnehmen, dass ich nicht der einzige mit diesen negativen Eindrücken war. Viele Besucher hatten übrigens die Zugabe gar nicht mehr ertragen wollen und haben die Arena vorzeitig verlassen. Ich denke, das sagt schon einiges!
    Noch ein paar Worte zur Sound-Abmischung: Bässe sind ja schön und auch notwendig, aber zu viel des Guten wie an diesem Abend tut weh, und das meine ich wörtlich.

  3. Christine

    Ich habe das Konzert in Mannheim sehr genossen. Schade, dass andere Zuschauer dies nicht taten. Allerdings hatte ich nicht den Eindruck, dass die Zuschauer die Zugabe ’nicht ertragen‘ konnten und die Arena vorzeitig verlassen haben. Ich hatte jedenfalls eine Gänsehaut von Anfang bis Ende. Die Stimme hat manchmal versagt, doch man sollte auch etwas Verständnis dafür haben. Schließlich nimmt man das auch in Kauf, wenn man W.H. Vergangenheit kennt. Man wusste ja schon vorher worauf man sich da einließ. Ich habe großen Respekt für eine so große Künstlerin wie Whitney Houston es zweifellos ist. Ich bin froh sie einmal live erlebt zu haben.

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