HipHop Open Minded 2009 (Schloss Mannheim)

hiphopopenminded1Bereits um 11 Uhr öffneten die Tore der neunten Ausgabe der MTV HipHop Open, das diesmal auf dem Vorplatz des Mannheimer Barockschlosses stattfand. Mit dem Umzug von Stuttgart in die Quadratestadt sollte das Festival gleichzeitig einen neuen Anstrich bekommen, indem der übliche HipHop-Künstlerkreis auf benachbarte Genres ausgedehnt wurde und das Festival den Namenszusatz „Open Minded“ erhielt.

Noch bevor Nazz, die Gewinnerin des Myspace Featured-Artist-Wettbewerbs, um kurz nach High Noon die gigantische 50-Meter-Bühne erklomm, rannten die ersten Fans in KIZ-Shirts wie von der Tarantel gestochen los, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. Den undankbaren Job des Hosts übernahm Mannheims Vorzeigesohn Xavier Naidoo, der die Festivitäten unter widrigen Wetterbedingungen eröffnete. 15 Minuten Ruhm gebührten dann der Rapperin aus Siegen, ehe mit Jondo schon der zweite Act an der Reihe war. Mit einer musikalischen Mischung aus Reggae und Singer/Songwriter verdeutlichte sich zum ersten Mal an diesem Tag das neue „Open Minded“-Konzept. Während sich die Sonne nun immer kompromissbereiter von ihrer freundlichen Seite zeigte, wechselten sich auf der Stage die Künstler im 20-Minuten-Takt ab. Sowohl Marteria und seine Band of Brothers als auch der zum Songwriting konvertierte Beginner Denyo alias Dennis Lisk lieferten solide Live-Leistungen ab.

Cora E

Cora E

Zum ersten wirklichen Höhepunkt kam es anschließend mit den Allstars aus dem benachbarten Heidelberg. Begleitet von dem Deutschrap-Klassiker Fenster zum Hof näherten sich die Stieber Twins in weiße Hemden gekleidet aus dem Bühnenhintergrund. Bei katastrophaler Sound-Qualität, viel Wind und übersteuerten Mikros, stieß schließlich auch die erfrischende Zulu Queen Cora E zu den Zwillingen dazu, um in der mittlerweile seltenen Dreierkonstellation das Stück Einmal Macco, Zweimal Stieber zu performen. Mit Schlüsselkind und Malaria bekam das überwiegend jugendliche Publikum noch eine anschauliche HipHop-Geschichtsstunde geboten – bei den alten Hasen kamen schöne Erinnerungen hoch. Komplettiert wurden die Riege der deutschen HipHop-Wegbereiter durch Torch und Toni-L – die MC’s von Advanced Chemistry. Dass Altmeister Torch immer noch ein Crowd-Pleaser ist, unterstrich er unter anderem mit Rote Wellen und natürlich Wir waren mal Stars, nach dem das Funkanimal Toni-L und seine Funk-Truppe Safarisounds das Ruder übernahmen.

Melbeatz

Melbeatz

Die Umbauphase für die abgedrehten K.I.Z.-ler aus der Hauptstadt überbrückte Xavier einmal mehr mit Beatboxeinlagen und Plattitüden-Geplänkel in der Endlosschleife. Basierend auf den durch T-Shirts ausgedrückten Sympathien, wurde das Open eindeutig von KIZ-Fans regiert. Zu schwachsinnig bis sinnlosen Texten bekam das Prekariat dafür die erste richtige Bühnenshow geboten: Während Nico, Maxim und Tarek zunächst wie Könige auf riesigen Thronen ihre Plätze einnahmen, durfte der Mob aus 13.000 Menschen die Federn aus überdimensionalen Kissen prügeln. Nach der ausgelassenen Kissenschlacht und dem Power-Auftritt mit den Tracks Hurensohn und Was willst du machen, betrat dann mit Kool Savas der eigentliche „King of Rap“ das Szenarium. Wie auf wundersame Weise war der Sound nun wieder bestens aufbereitet, so dass KKS begleitet von Statisten in Mönchskutten und Olli Banjo – dem einzigen Überraschungsgast an diesem Abend – seine Hits wie Mona Lisa und Schwule Rapper abfeiern konnte. Am Ende stellte er auch noch die Mona Lisa der deutschen Beatproduktion, Melbeatz, vor, die sich sichtlich gerührt zeigte.

methodman2Nach den bisher immer sensationellen Line-ups der letzten Jahre (Wu-Tang Clan, LL Cool J, Ice Cube, Snoop Dogg) überraschte das Open in diesem Jahr mit nur einem ausländischen Booking: Method Man & Redman. Pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Kollabo-Albums, das den innovativen Namen Blackout! 2 trägt, fand sich das „Most-Blunted-Rap-Duo“ nun genau wie in ihrem Kiffer-Streifen So High auf dem Campus der Uni ein. Als ein wenig Anlaufszeit vergangen und ein paar nicht wirklich Live-taugliche Tracks vom neuen Album gespielt waren, nahm das Tandem mehr und mehr Schwung auf. Die Herzen der Fans hatten die Stage-Dive-Junkies mit Da Rockwilder, Y.O.U., How High und einigen Bädern in der Menge schnell erobert.

Den Schluss des immer noch vom Regen verschonten Open Mindeds teilten sich die drei deutschen Headliner Clueso, Jan Delay und Peter Fox. Während der durchaus im HipHop sozialisierte Songwriter aus Erfurt die eher ruhigeren Töne anschlug, sorgten Jan Delay und Peter Fox jeweils für eine explosive Show, besonders dank ihrer zündenden Live-Bands. Ohne dass es zu einer Beginner-Reunion mit Denyo und Eißfeldt kam, ging es mit Türlich, Türlich, Klar, einer Hand voll Coversongs und seiner neuen Single Oh Johnny gleich steil in Richtung Funk und Reggae. Mit Disko No.1 im Rücken brillierte der Hamburger Dressman und Stammgast des HipHop Opens in Bestform.

Jan+Delay++Disko+No+1+imageDen finalen Schlusspunkt im altehrwürdigen Ambiente, in dem auf Rücksicht auf die neue Schlossfassade zum ersten Mal die Graffiti-Action des Opens eingespart wurde, setzte Seeed-Frontmann Peter Fox zusammen mit Cold Steel. Da ihm der Rummel um seine Persönlichkeit ein zu großes Ausmaß angenommen hat, gab Fox kurz vor seinem Auftritt das Ende seiner Solo-Karriere bekannt – man durfte also Zeuge einer seiner womöglich letzten Shows als Solo-Act werden. Die aufkommende Dämmerung nutzte die Foxsche Effekt-Armada geschickt mit hell leuchtenden LEDs aus – keinerlei Anzeichen von „müden Gestalten im Neonlicht“. Für weitere schöne Gimmicks sorgten Cold Steel mit einstudierten Drum-Set-Choreografien. Während Schwarz zu blau aus den Bassboxen preschte, zog passenderweise langsam die Nacht über Mannheim ein. Peter Fox sorgte dafür, dass er den gewaltigsten Sound aller Acts aufbieten konnte, um seine Hits wie Alles Neu, Stadtaffe und Haus am See in optimaler Klangqualität präsentieren zu können.

Ein positives aber nicht durchgehend spektakuläres Festival in Mannheim fand damit sein Ende. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es keine zu verzeichnen, dafür erinnerte das enorm große Aufgebot an Polizei – das selbst inmitten des Publikums patrouillierte – an die bekannten Bilder aus Stuttgarter Zeiten. Mit einer gelungenen Organisation unterstreicht Mannheim dennoch seine Ambitionen, eine führende Rolle in der deutschen Musiklandschaft zu spielen. Anschließend strömten die Festivalbesucher auf die zahlreichen Aftershow-Partys, von denen sich besonders die Mixery Raw Deluxe-Aftershow in der alten Feuerwache absetzte. Schowi als einer Mitbegründer des Opens und Rapper der Formation Massive Töne, Torch aka DJ Haitian Star, sowie Harris aka DJ Binichnich definierten den HipHop-Begriff hier wieder etwas enger (ganz ohne „narrow minded“ zu sein) und sorgten mit Rap-Klassikern für tanzbare Untermalung. Man darf gespannt sein, ob sich 0711-Entertainment im kommenden Jahr wieder für 0621 als Austragungsort entscheidet.

Andreas Margara (20. Juli 2009)

Cora E – Schlüsselkind

7 Kommentare

  1. Rosi1983

    war ich so betrunken? Bestätige mal bitte jemand das Denyo nicht Hammerhart mit Jan gespielt hat. Ich zumindest kann mich nicht dran erinnern

  2. Bam

    Wär ja hammerhammerhart – wenn’s nicht so gewesen wäre. wie kam ich da nur drauf? Hat es noch jmd gehört / nicht gehört? Meine recherchen auf youtube sprechen bisher eher gegen mich…

  3. Pingback: Reimreport 2009 « Blog Party
  4. Pingback: Jubiläum von MTV HipHop Open Minded verschoben « Blog Party

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s