Atmosphere (Karlstorbahnhof Heidelberg)

ezjd14s0In Minnesota gibt Prince den Ton an, ansonsten gilt der US-Staat allgemein eher als musikalisches Niemandsland. Umso verwunderlicher scheint es daher, dass aus dieser Einöde einer der zurzeit genialsten und vielseitigsten Rapper überhaupt stammt: Slug. Zusammen mit Produzent Ant bildet er das experimentierfreudige Tandem Atmosphere. Auch wenn sich deren instrumentaler Unterbau aus stabilen HipHop-Elementen konstruiert, bewegt sich das dynamische Duo jenseits jeglicher Klang-Konformität, denn ihre künstlerischen Schwingungen präsentieren sich ungewöhnlich weitläufig. Da verwundert es auch nicht weiter, dass mit Seven’s Travels (2003) eines ihrer erfolgreichsten Alben über das Punk-Label Epitaph releast wurde.

Frisch rehabilitiert vom Summerjam, präsentierte sich Slug in MF Doom-Shirt und gut aufgelegt zu seiner Premiere im Heidelberger Karlstorbahnhof. Zum Auftakt gab es Keep Steppin, womit er sofort auf Tuchfühlung mit dem begeisterten Publikum ging. Neben Ant an den Decks, gab es außerdem heute Live-Unterstützung in Form des Gitarristen Nate Collis, Erick Anderson an den Keys und der Sängerin Mankwe Ndosi. Während Slug zwischen den einzelnen Songs nicht ganz auf der Höhe erschien, führte er mit ungehörigem Tiefgang und unheimlicher Konzentration durch seine Reim-Parts – so auch bei God loves Ugly und One of a Kind. Durch die zugehörigen Live-Arrangements wirkten die Stücke weitaus belebender als von Platte und zogen direkt in Slugs charismatischen Storyteller-Bann.

Los ging der musikalische Streifzug beim Country-lastigen The Rooster. Weiter ging es mit positiven Vibrations und dem Reggae von Blamegame, in das Slug listigerweise Lyrics von O.C.’s Boom-Bap-Evergreen Time’s Up einstreute. Allein zu der Sound-Unterlage von Collis Gitarrenanschlägen inszenierte der MC aus Minneapolis meisterhaft Guarantees vom neuen Atmosphere-Album When Life Gives You Lemons, You Paint That Shit Gold (2008). Am Ende landeten Atmosphere mit Saves the Day allerdings doch wieder bei melodiös-eingängigen Sample-Beats, der Basis aller traditionellen HipHop-Produktionen.   

Immer wieder nippte Sean Daley an seinem Glas Blutorangensaft, flirtete ausgiebig mit dem Publikum („I want to have sex with all of you“) oder gab Anekdoten seiner Rap-Homies Murs und Blueprint zum Besten. Nicht nur in seinen Texten blieb der Rhymesayer gesellschaftskritisch. So nutzte er die Kommunikation mit den Fans unter anderem dazu, das unangenehme Thema Syphilis anzusprechen. Sensationell, wie es Slug problemlos gelang, einen derart tiefgründigen Inhalt wie von Yesterday durch seinen Auftritt authentisch zu transportieren. Mit F*@k You Lucy bekam natürlich auch die imaginäre Projektion aller seiner verflossenen Leidenschaften ihr fett weg. Die häufig melancholische Grundstimmung seiner Werke kontrastierte der Entertainer gekonnt durch spritzige Kommentare und gepredigte Lebensfreude.

Die Setlist überstreckte bereits die Länge mehrere Alben, als der Rapper zum Schluss nochmals seine Band vorstellte und die Menge ungewöhnlicherweise darum bat, doch möglichst auf Zugabe-Rufe zu verzichten. Den erneuten Weg aus dem Backstage wollte er sich nämlich ersparen und gab deshalb sofort ein pralles Encore. Nach dem treibenden Hit Trying to find a balance und einer genialen Imitation des Rappers Aesop Rock, wuchs aus der versprochenen Zugabe gleich eine mehr als halbstündige Stafette an Nachschlag.

Lovelife, Vanity Sick, Not another Day, Guns and Cigarettes und zahlreiche Hommagen an Oldschool-Veteranen wie LL Cool J und Run DMC später, gab es zum Schluss ein Konzert der Extraklasse zu resümieren, das besonders durch die enorme Leidenschaft der Künstler getragen wurde. Atmosphere ist Underground-Rap at it’s finest, das man sich Live nach Möglichkeit keinesfalls entgehen lassen sollte!

Andreas Margara (11. Juni 2009)

Atmosphere – Trying to find a Balance

2 Kommentare

  1. Tapeking

    Too bad, da haben wir wieder die Gelegenheit eines Biers verpasst .. habe aber Lookey auch an dem Abend nicht gesehen sonst hätte ich ihn mal nach dir gefragt.
    Wie fandest du Muso und die Galactic Live Band?

  2. Pingback: Reimreport 2009 « Blog Party

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