Taktlo$$ (Rude 7 Mannheim)

defimage1Taktlo$$ aus Westberlin ist die Speerspitze des deutschen Battle-Raps. Gewalt und Obszönität überhöht er ins Sinnlose. Außerdem wird er seinem Namen gerecht, indem er jegliches Taktschema missachtet. Im Gegensatz zum kommerziellen Trend, bei dem viele Berliner Rapper ihr hartes Image in noch härtere Währung umsetzen, verweigert sich „Der Boss der Schweiz“ strikt der Musikindustrie. Damit ist Taktlo$$ ein einsamer Untergrund-Entertainer, dessen Live-Programm eine Melange aus krankhaft Abscheulichem und Momenten der poetischen Genialität durchzieht.

Vorgruppen von Taktloss haben es nicht leicht. Das mussten auch die Stuttgarter Phong Bak und Durchdacht im Mannheimer Rude 7 feststellen. Sie wurden weitgehend diskreditiert und mussten sich vor dem kritischen Publikum unangenehme Zwischenrufe gefallen lassen. Als eigentlichem Headliner erging es Kool Savas’ Optik-Schützling Ercandize nicht viel besser. Gemeinsam mit seinem ehemaligen ABS-Crew Partner Short legte der selbsternannte „Jehova des Ruhrpotts“ aber einen anständigen Auftritt hin. Neben einzelnen Tracks, die er zu Optik-Veröffentlichungen beigetragen hat, spielte Ercan Stücke von seinem so genannten Street-Album La Haine – Sie Nannten Ihn Mücke (2006) und seinem Solodebüt Verbrannte Erde (2007). Natürlich gab er zusammen mit Short auch den Ruhrpott-Klassiker Weisst Du…? und Mathematik aus ABS-Zeiten zum Besten.

Nach knapp einer halben Stunde war dann allerdings schon Schluss, die restliche Wartezeit auf „Takti den Blonden“ verkürzte ein DJ mit HipHop-Evergreens aus seinem Vinylkoffer.

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Als Einlaufmusik hatte sich Taktlo$$ den Humpty Dance von Digital Underground ausgesucht, den man unmittelbar mit seinem legendären TV-Auftritt bei Viva 2 verbindet. Damals hatte der noch weitgehend unbekannte Rapper ein Interview verweigert und stattdessen eine „Supreme“-Folge eine Stunde lang mit seinem subversiven Gedankengut gefüllt. Unrasiert und mit gewohntem Afro plus Schweißband hatte Kingsly Defounga, der sich selbst als „Der letzte tighte Nigga“ bezeichnet, die Bühne erklommen und legte sich nun selbst eine durchlaufende Instrumental-CD auf. Mit Weltrekord und Direkt aus dem Knast vom gleichnamigen Album mit Jack Orsen heizte „TAK-47“ die mittlerweile 100 Prozent loyale Crowd an. Erstaunlich viele Leute hatten sich nun direkt vor der Bühne eingefunden und ließen sich, angestimmt von Taktlo$$, zu ersten Frage-und-Antwort-Sprechchören ein, die im Laufe des Abends immer wieder folgen sollten. Als Labelboss von „Fick die Biaaatch Records“ ließ er sich in dem Stück Was macht mein Label beispielsweise auf selbige Frage „Es fickt die Biaaatch“ antworten. Egal bei welchem Titel, fast immer konnte „Der Wack-MC-Mörder Nr. 1″ auf seine Fans zählen, die nahezu jede Textzeile beizusteuern wussten.

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Vor fast genau zehn Jahren war Taktlo$$ Teil der ersten deutschen Gangster-Rap-Formation Westberlin Maskulin zusammen mit dem mittlerweile außerordentlich erfolgreichen Rapper Kool Savas. Was als Protest gegen den vorzugsweise in Hamburg und Stuttgart produzierten „Spaß-Rap“ begann, führte mit den Veröffentlichungen der beiden Alben Hoes, Flows, Moneytoes (1997) und Battlekings (1999) zu einer völlig neuartigen Entwicklung in der Szene. Taktlo$$ und Savas hatten eine Welle losgetreten, die eine ganze Generation von deutschen Rappern beeinflusst hat. In verkürzter Version gab Takti an diesem Abend unter anderem die Kostproben Horror und Guck auf die Uhr aus den vergangenen WBM-Zeiten.

Taktlo$$ ist ein Aktionskünstler der provoziert und polarisiert wie kein Zweiter. Im einen Moment beschimpft er das Publikum und ist kurz vor dem Durchdrehen, im anderen Moment muss er selbst schmunzeln, rappt auf einen Beat aus seinem Lieblingsfilm „Wildstyle“, und erzählt anschließend von seiner Sprüher-Vergangenheit. Seine Werke bezeichnet er selbst als „Schocker für deinen Intellekt“, musikalisch kontrastieren Flötenpassagen Billigsamples. Manchmal kommt der Bass-Sound orchestral-monumental daher, dann wieder dünn mit Ego-Shooter-Geräuschen versetzt. Gerade dann, wenn man Verständnis für das Kontrastprogramm aufgebracht hat, geht der Christoph Schlingensief des Rap von der Bühne und spielt obszön-fäkale Aufnahmen im Off ab, die den Kopf vom Nicken zum Schütteln bringen.

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Vom musikalischen her schöpfte Taktlo$$ mit seinem schnellen Eunuchen-Flow aus den Vollen. Angefangen bei Ausschnitten aus der legendären BattleReimPriorität-Serie 1-4, bis hin zum indizierten Teil Nummer 7, über Zukunft, Wer Ist oder Kaos und Www vom Kollabo-Album mit US-Rapper Rifleman, füllte der Untergund-Entertainer eine unterhaltsame Stunde. In bester Egozentriker-Manier a la Klaus Kinski präsentierte sich Takti und ging viel auf das Publikum ein. Mannheim variierte er im Freestyle gerne mal zu Frauenheim oder Altersheim und stellte klassische „Master of Ceremony“-Qualitäten unter Beweis.

Bevor sich der politisch unkorrekte Westberliner daran machte seine T-Shirts von der Bühne aus zu verkaufen, tanzte er den Ganxta-Boogy und gab noch die Abräumer Kalimba und Booyaka als Zugaben. Wie auf einem Punk-Konzert pogten die ersten Reihen um die Wette und wurden dabei mit zirka sechs Wasserflaschen von Taktlo$$ übergossen. Ein Auftritt von TAK ist definitiv sehenswert und absolut einmalig. Obwohl das Enfant Terrible am weitesten über die Grenze des guten Geschmacks steigt, schafft er es auf kuriose Weise, dabei einen mit Sicherheit höheren Anspruch zu hegen, als ein Gros der anderen Berliner Mitstreiter.

Andreas Margara (23. November 2008)

Taktlo$$ & Justus – Vernichtend

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