Roots Manuva (Karlstorbahnhof Heidelberg)

roots_manuva_005Zum Ausklang des „Enjoy Jazz“ 2008 gab es mit Roots Manuva und DJ DSL die ersten und letzten HipHop-Auftritte des diesjährigen Festivals. Manuva aus London gilt auf der Insel als einflussreichster Rap-Vertreter und hat besonders durch seine neue Veröffentlichung „Slime & Reason“ wieder auf sich aufmerksam gemacht. Nach der wahrhaft benebelten Show bediente  Österreichs HipHop-DJ Number One, DJ DSL, die Plattenteller.

Rodney Hylton Smith, der in Stockwell, im Süden von London aufwuchs, zieht schon immer sein ganz eigenes Ding durch. Während seine Inselkollegen sich entweder im Drum’n’Bass betätigten oder damit beschäftigt waren, den Rap-Slang aus den amerikanischen Ghettos möglichst detailgenau zu kopieren, veröffentlichte Roots Manuva längst dubbige HipHop-Tonträger, die vor britischem Akzent nur so strotzten. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Fusion markierte 1999 die Single-Auskopplung Juggle Tings Proper, die alle Köpfe zwischen England und Jamaika zum Nicken brachte und auf dem Ninja Tune-Sublabel „Big Dada“ eine Plattform fand. Mit seiner experimentellen Dub-Mischung aus Reggae Riddims und HipHop-Elementen hat Roots Manuva überhaupt erst die Tür für die aktuell im Vereinigten Königreich boomende Grime-Szene um Lady Sovereign, Dizzee Rascal, Kano und Wiley geöffnet. Auch auf seinem neuen und mittlerweile sechsten Longplayer Slime & Reason ist er sich seinem unkonventionellen Stil treu geblieben. Mit Spannung wurde Roots zum Abschluss des „Enjoy Jazz“ im Karlstorbahnhof erwartet.

Umringt von dichten Nebelschwaden betrat der Hauptakteur dann mit einstündiger Verspätung das Feld und sah dabei nicht minder benebelt aus. Zuvor hatte der angesagte Londoner DJ MK ein erlesenes HipHop-Set mit jeder Menge Klassikern aus den 90ern auf seinen Decks kreisen lassen und stand nun als Unterstützung weiterhin hinter Roots. Verstärkt wurde die Truppe außerdem von Backup-Sänger Ricky Ranking und dem Produzenten Theo Gordon, der für Keyboard und Spezial-Effekte zuständig war.

Roots Manuva (live beim Enjoy Jazz, 2008) 3

Los ging der Abend noch recht vielversprechend mit dem Stück Again & Again vom neuen Album, wobei Ricky Ranking mit seinen Gast-Vocals zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Roots Manuva, der scheinbar nicht nur mit Musik experimentiert, sondern auch mit Rauschmitteln, musste sich immer wieder zum verschnaufen auf den riesigen Boxen abstützen. Lässig mit Sonnenbrille und breitem Grinsen, raffte er sich dann allerdings für das bassversierte Too Cold wieder auf. Das Publikum im randvollen Karlstorbahnhof dankte es ausgelassen mit tatkräftiger Unterstützung.

Während MK an den Turntables mehr als nur zu überzeugen wusste und Ricky Ranking mit vollem Einsatz streckenweise sogar Roots Manuvas Textparts mit übernahm, präsentierte sich Manuva völlig neben der Kappe. Zwar gefielen live umso mehr die Reggae-Harmonien, die besonders das neue Album mit der alten „Studio One“-Ästhetik der 60er und 70er Jahre anreichern, doch ließen die halbherzig runtergeleierten Reime, unter anderem von Awfully Deep, Seat yourself oder Movements, einfach kein Flair aufkommen.

Mit einem Schlag legte MK dann die Nadel in genau die Rille, auf die sich alle gefreut hatten: Witness (1 Hope). Der Mega-Hit mit dem pumpenden Basslauf, der sich jetzt schon in die HipHop-Classics einreiht, erklang zu diesem Zeitpunkt genau richtig, da damit die vermeintliche Zugabe für die Crowd schon überraschend früh kam und auch eine hoffnungsvolle Erfrischung für den 36-jährigen Manuva bot. High wie ein zehnköpfiges jamaikanisches Rasta-Soundsystem stolperte dieser bei der Performance von Well Alright aber zu allem Überfluss noch über seine eigenen Füße, verlor beim Sturz seine Sonnenbrille im Publikum und lag erstmal auf dem Rücken flach. Zum schmunzeln war so eine Einlage zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr geeignet.

Noch eine kurze Zugabe gab es, ehe MK der Tragikomödie mit Sister Sledges We are family einen Schlussstrich setzte. Bei Rap- und besonders Dancehall-Konzerten ist man von den Protagonisten, die offensichtlich nicht immer ganz nüchtern agieren, schon so einiges gewohnt. Roots Manuva hat den Vogel bei dieser denkwürdigen Performance aber mit Sicherheit abgeschossen. Soweit Berichte von anderen Tourterminen bekannt sind, scheint das bei dieser Tour leider auch kein Ausnahmeauftritt, sondern die Regel gewesen zu sein. Landsfrau Amy Winehouse lässt grüßen!

Für die Aftershow zog anschließend Österreichs HipHop-DJ Nummer Eins, DJ DSL, Rare Groove- und Old School-Nummern aus dem Koffer, um für die vorherige Vorstellung mit Qualitätsmusik zu entschädigen.

Andreas Margara (17. November 2008)

Roots Manuva – Witness

Ein Kommentar

  1. Mighty O

    Das ist die mit abstand dämmlichste Kritik die ich in den letzten Jahren gelesen habe…….
    Das Roots Manuvas Auftritte nicht grade vor „cleanness“ strotzen dürfte jedem vorher bekanntsein…. jedenfalls hat er weder seine Brille im Publikum verloren noch war das Lied Movements halbherzig vorgetragen….im gegenteil Roots spielte sich sehr schnell mit seinem Style in die Herzen des Publikums.
    Fazit: Wer es nicht verkaften kann das auf Rapkonzerten nicht nur das Publikum einen raucht sondern auch der Interpret sollte sich das nächste mal fragen ob er nicht besser ein Flippers Konzert besuchen soll.

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