Percy Sledge (Domplatz Mainz)

p19292ecf63Percy Sledge ist der Inbegriff des Slow-Soul. Seit den Sechzigern haben Plattenleger mit Sledge-Scheiben noch jeden Mann zu einem Stehblues verholfen, wobei die Herzdamen spätestens bei dem Welthit „When a man loves a woman“ dahingeschmachtet sind. Auch wenn sich das Publikum heute größtenteils aus Frauen der ersten Generation rekrutiert und sein Name unmittelbar mit diesem Hit verbunden ist, wäre es Majestätsbeleidigung, Mr. Sledge als softigen Schnulzensänger und One-Hit-Wonder zu reduzieren.

Gegen solche Ansichten spricht: Percy stammt aus Leighton in Alabama – die wahre Heimat des Entertainers sind jedoch die Bühnen dieser Welt, diesmal in Mainz. Den Anfang im historischen Domplatz-Ambiente machte die Soul-Combo Jammin’ Cool. Bei ihrer Performance brachte die Formation um Frontfrau Nina Hill und Sänger Worthy Davis unter anderem aktuelle Hits wie Tears dry on their own mit Soulraritäten a la Ain’t no mountain high enough in Einklang. Diesem gelungenen Auftakt drohte nur das Wetter ein Schnippchen zu schlagen, das sich an diesem Abend mit abwechselnd Sonne und Regen unbeständiger als Amy Winehouse Geisteszustand zeigte.

Vor fast ausverkauftem Haus bekam Percy einen gebührenden Empfang bereitet und wurde von seiner Band The New Aces mit Sweet Soul Music auf der Bühne begrüßt. In blauem Anzug mit rotem Stecktuch – wie ihn hierzulande nur ein Roberto Blanco in seiner Garderobe führt – fiel der Startschuss für eine Zeitreise in das goldene Jahrzehnt der Soulmusik. Unvergleichlich, mit wie viel Freude und Energie der mittlerweile 66-jährige Soulman den Domplatz mit seiner außergewöhnlichen Membran einnahm. Cover me und Mama’s Ratschlag Take time to know her waren die ersten Stationen des Soultrains. Die Herzen schlugen höher und für die Sitzplätze gab es zeitweise keine Verwendung mehr.

In bester James Brown-Manier setzte Percy anschließend zum Hüftschwung an und zauberte eine sensationelle Coverversion von My Girl aus seinem Repertoire. Um den Hit Warm and tender love zu präsentieren hieß der Mann aus der „Rock and Roll Hall of Fame“ seine angetraute Frau Rosie auf der Bühne willkommen, die sich am Gesang beteiligte. Mit seiner extrem charmanten Art und einer Ausstrahlung bis nach Biblis, lag das Publikum Sledge schnell zu Füßen. Weiter ging es in der Show mit Bring it on home, das auch schon Eric Burdon’s Animals und Led Zepplin interpretiert haben. Percy’s einzigartige Stimme, die live genauso unverfälscht einfühlsam erklingt, wie von der knisternden Schellack zuhause, ist ein echtes Erlebnis.

Während der Auftritt mit 24/7 365 wieder etwas mehr in die vom Funk angehauchte Spur überging, schaltete Percy mit einer Hommage an seinen Freund Otis Redding wieder einen Gang runter und ließ die Beine entspannt zu (Sittin’ on) The Dock of the Bay baumeln. Immer wieder suchte Sledge den Kontakt zum Publikum und erzählte von seiner besonderen Beziehung zu Deutschland, wo er nach den USA die meisten Auftritte hatte. Nach Whiter shade of pale offenbarte Percy seine Blues-Roots mit Going Home Tomorrow.

Bisher fielen nur vereinzelte Tropfen vom Himmel, doch jetzt schienen die Wolken all ihre Reserven für den Höhepunkt des Freiluftkonzerts gesammelt zu haben. Mit der Zeile „He’d give up all his comforts and sleep out in the rain, if she said that’s the way it ought to be“, schien Percy die Wolken zu einem Test für all die männlichen Begleiter herausgefordert zu haben und sah sich bei der anschließenden Zugabe vor einem Teils vor dem nun platschenden Regen geflüchteten und Teils hinter bunten Schirmen verschwundenen Publikum wieder. Ein abruptes Ende, dennoch sensationell was Percy Sledge in seinem Alter hier für einen packenden Soulauftritt hingelegt hat: 100 Prozent Percy!

Andreas Margara (7. Juli 2008)

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