Interview mit Future Rock und Rick Ski

LSDKann man tatsächlich behaupten, dass eure Crew „Lyrical(ly) Spread Dope“ (L.S.D.) die erste deutsche HipHop-Formation war? Wie ist das zeitlich ins Verhältnis zu den Anfängen von Guppen wie Advanced Chemistry, Rock da Most, Too Strong oder den Fantas zu sehen?

Future Rock: Wir waren bestimmt nicht die erste deutsche HipHop-Formation in Deutschland. Wir haben uns ja als LSD Crew (Rick Ski, Future Rock, V.O.C., Ko Lute & DJ Defcon) erst im Sommer 1989 formiert. Crews wie Advanced Chemistry, Too Strong oder auch We wear the Crown gab es in ihren Ursprungsbesetzungen schon früher. Was wir für uns zu Recht beanspruchen, ist mit Watch out for the third rail, welches im März 1991 veröffentlicht wurde, das erste richtige HipHop-Album produziert und veröffentlicht zu haben. Zuvor gab es nur Maxis und EPs wie z.B. die Use the posse EP von Rock da Most aus Berlin. Früher veröffentlichte Alben, wie z.B. das erste Moses P.-Album Raining Rhymes, welches im Herbst 1989 veröffentlicht wurde, waren für unsere Begriffe ja eher im Dance-Bereich anzusiedeln, obwohl Moses ja schon aus dem HipHop-Umfeld kam. Wir haben das erste deutsche HipHop-Album veröffentlicht. Das ist der historische Schuh, den wir uns anziehen.

Was waren eure Einflüsse in den Achtzigern, als es noch überhaupt keine deutschsprachigen Acts gab?

Rick Ski: Beeinflusst haben uns vor allem New Yorker Pioniere wie Grandmaster Flash, die Cold Crush Brothers, Rammellzee, Grandmixer DST u.v.a., die wir zuerst in Filmen wie „Wild Style“ und Fernsehberichten wie „Breakout“ Anfang der achtziger Jahre gesehen hatten. Wir haben deren Stil akribisch studiert und sehr verinnerlicht. Ein weiterer Einfluss waren natürlich Musiker wie James Brown, Kool & the Gang, Dennis Coffey und Jimi Hendrix. Außerdem haben uns viele Produktionen, die heute unter dem Label „Random Rap“ laufen, wie z.b. Freddy B & the Mighty Mic Masters, Jewel T und The Chosen Ones, wegen ihrer kompromisslosen Funkyness sehr inspiriert.

Wie lief das genau mit dem legendären Zusammentreffen mit den Ultramagnetic MCs ab, die ja musikalisch angeblich auch von euch inspiriert wurden?

 

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L.S.D.
© L.S.D.

Future Rock: Ich habe im Sommer 1991 zusammen mit Fader Gladiator per Zufall in Manhattan Ced Gee, Moe Love und TR Love von den Ultramagnetic MCs getroffen. Dort haben wir ihnen eine Vinyl von Watch for the third rail geschenkt. Als sie im nächsten Jahr ihr zweites Album Funk your head up veröffentlicht haben, posierten sie auf dem Cover an Schienen und zeigen auf die dritte Schiene. Auch in der Komplexität der Produktionen der beiden Alben gibt es durchaus Ähnlichkeiten. Aber in wie weit man da von Inspiration reden kann, muss jeder selbst entscheiden. Wir selbst sind jedenfalls große Fans der ersten Ultramagnetic-Produktionen.

In der Szene zollen euch alle wichtigen Persönlichkeiten ihren Respekt: Torch ist bekennender LSD-Fan, auch Scope und Stylewarz, um nur einige Wenige zu nennen. In der Öffentlichkeit und in den Medien hingegen habt ihr nie die besondere Anerkennung als ultimative Pioniere erfahren. Wie kommt ihr damit klar?

Rick Ski: Wir wissen wer wir sind und welche Pionierarbeit wir für die deutsche Szene geleistet haben. Wenn man immer darauf wartet, irgendwelche Anerkennung von außen zu erlangen, dann macht man sich von einem Faktor abhängig, der nicht zu kontrollieren ist. Wir haben in Deutschland u.a. die ersten international konkurrenzfähigen Produktionen abgeliefert und damit für alle den lebenden Beweis geliefert, dass man als Rap Crew hier einen authentischen Sound haben kann. Wer Bescheid weiß, weiß Bescheid.

Future Rock: Es gibt wohl kaum einen aktiven HipHop-Musiker und Rapper der 90er Jahre aus Deutschland, der nicht von unseren Produktionen beeinflusst worden ist. Auch kommerziell erfolgreiche Künstler wie z.B. Die Fantastischen Vier oder auch Der Wolf haben mir persönlich gesagt, wie sehr sie unsere Produktionen schätzen.

Was war für euch ausschlaggebend, Third Rail letztendlich zu re-releasen? Geht es dabei auch um die bisher nicht zugestandene Aufmerksamkeit?

 

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The Dope Beat Edition
© L.S.D.

Future Rock: Über die Jahre kamen immer wieder viele HipHop-Heads, wie z.B. Akim Walta von „Mzee Records“ oder Fader Gladiator von Die Firma zu uns, und meinten, dass sie Watch out for the third rail unbedingt auch mal als Instrumental haben wollten. Wir fanden das eigentlich auch immer sehr interessant, jedoch mussten wir erst einmal die Rechtslage mit unserem ersten Label „Rhythm Attack“ klären und auch die Aufnahmen in neuzeitliche Formate konvertieren, bevor wir in der Lage waren, das Album remastert in der heutigen Form als Doppel-CD und Doppel-LP zu veröffentlichen. Außerdem haben wir in unseren Archiven Bildmaterial und Produktionsunterlagen zusammengesucht, die wir im neuen Coverartwork verwendet haben.

Was erwartet ihr euch von dem Release? Ist es mehr an die alten Heads gerichtet oder meint ihr damit auch das junge Publikum erreichen zu können?

Rick Ski: Der Sound der Scheibe ist aufgrund musikalischen Komplexität und seiner rhythmischen Finesse sehr universell. Wir bekommen viel Aufmerksamkeit und positives Feedback sowohl von HipHop-Headz, wie auch von Fans verschiedenster Musikrichtungen wie Jazz oder Funk.

Future Rock: Wir haben z.B. auch schon Feedback von japanischen DJs bekommen, die es kaum erwarten können, die Platte auch endlich zu besitzen.

Aus welchen Elementen bestand euer Equipment für die ersten Produktionen?

Future Rock: Die Produktion der Competent-EP und des Watch out fort he third rail-Albums haben wir hauptsächlich bei uns zu Hause gemacht. Wir hatten einen 12Bit Yamaha TX16W Sampler und als Sequenzer das Programm „Supertrack“, welches auf meinem Commodore C64 lief, im Einsatz. Dazu hatten wir noch ein Midi Umhänge-Keyboard mit Minitasten. Desweiteren hatte ich noch einen Casio RZ1 Drumcomputer und Defcon eine Roland TR808, von der wir allerdings nur die Sounds gesampelt haben, da sie nicht midifiziert war. Die Scratches und teilweise auch die Raps haben wir mit einem Vestax 4Track Tapedeck aufgenommen. Die Endproduktion haben wir in 16Spur Analog Studio gemacht.

Der Name Watch out for the Third Rail ist aus dem Film „Wildstyle“ entlehnt, wo sich Sprayer gegenseitig darauf aufmerksam machen, nicht auf das unter Strom gesetzte dritte Gleis zu treten. In wie weit beschreibt die dritte Schiene euch bzw. eure Musik ?

Future Rock: Die dritte Schiene bzw. „Third Rail“ war für uns eine Metapher für unseren HipHop-Stil. Der amerikanische HipHop war sozusagen die erste Schiene, HipHop aus England, der ja damals auch schon stark entwickelt war, die zweite Schiene und unser Entwurf von HipHop die dritte Schiene. 1991 war ja auch das Jahr, in dem der interkontinentale europäische HipHop und Rap einen entscheidenden Schritt nach vorne machten. In Deutschland waren wir es mit unserem Album, IAM in Frankreich und in den Niederlanden DAMN und Dope Posse. Außerdem ist dritte Schiene ja auch die stromführende Schiene und das verdeutlicht als Methaper auch sehr gut die Energie, die in der Musik von LSD steckt.

Wie kam das Feature mit Maceo Parker für den Track Watch this event zustande? Wurden die Fäden damals durch das eigentlich reine Jazz-Label „Rhythm Attack“ gezogen?

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Future Rock & Rick Ski
© L.S.D.

Rick Ski: Der Kontakt kam damals natürlich durch unser Label „Rhythm Attack“ zustande, auf deren Schwesterlabel „Minor Music“ zu diesem Zeitpunkt Maceo Parker unter Vertrag war. Der Labelinhaber Stephan Meyner hatte Maceo unsere Musik vorgespielt. Und diese hat ihm offensichtlich gefallen, denn er hat in der Musikszene den Ruf, nicht mit jedem zusammen zu arbeiten. Außerdem war Future Rock später dann auch als Produzent für Maceo Parker tätig.

Wie waren die Reaktionen auf diese – damals – „Neue Musik“? Auf Tele5 war euer erstes Video zu Competent ja regelmäßig zu sehen…

Future Rock: Als wir zur Veröffentlichung unserer ersten Competent-EP die ersten Interviews gegeben haben, mussten wir uns schon oftmals rechtfertigen, warum wir Musik machen, die man eigentlich nur von schwarzen Amerikanern oder Engländern erwartete. Ich erinnere mich daran, dass wir damals als Vergleich immer die Jazz Musik in den 60er Jahren genommen haben. Das war ursprünglich auch Musik mit afroamerikanischem Background. Wie auch vorher schon der Jazz hat der HipHop über die Jahre die kulturellen Grenzen gesprengt. Einige Journalisten haben den Vergleich damals nicht verstanden, aber der Lauf der Zeit hat uns Recht gegeben. Wir mussten auch auf dieser Ebene den Weg für spätere HipHop-Musiker aus Deutschland ebnen. Aber es gab auch damals schon Journalisten wie z.B. Oliver von Felbert, der heute das Label „MPM“ betreibt, die die Substanz und die Bedeutung unserer Musik verstanden und unterstützt haben.

Als Rapper und Produzenten wart ihr ein wichtiger Teil des internationalen Künstlerkollektivs „Der Blitzmob“. Pflegt ihr heute noch Kontakt zu den Blitzmob-Mitgliedern?

Rick Ski: Die meisten Kontakte haben sich über die Jahre gehalten. So ist D-Tex Law (CUS) heute der Inhaber einer Eventfirma, die u.a. jedes BMX-Masters in Köln veranstaltet, für die ich dann die Opening Party organisiere. Mit Fader Gladiator (CUS/ Die Firma) hatte ich ein gemeinsames Tonstudio und auch mit dem Äi-Tiem und Def Benski u.v.a. haben wir auch heute noch regelmäßig Kontakt.

In dem Stück LSD-Story, auf Fader Gladiators Album, erzählt ihr eure ganz persönliche Geschichte. Könnt ihr noch einmal zusammenfassen, wie es zum Gruppensplit kam und warum ihr anschließend mit Ohne Warnung den ersten deutschen Diss-Track aufgenommen habt?

 

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L.S.D.
© L.S.D.

Future Rock: Nachdem wir sehr intensiv und über ein Jahr lang an unserer LP und einer weiteren EP I don’t care a rap produziert haben, war das Verhältnis innerhalb der Gruppe sehr gereizt und wir haben uns auf eine kreative Pause geeinigt. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir den Namen LSD nur benutzen, wenn wir zusammen wieder etwas machen. Mit der Zeit kamen jedoch Gerüchte auf, dass dieser und jener jetzt auch bei LSD sei, der vorher mit der Gruppe nichts zu tun hatte. Da wir (Rick Ski & Future Rock) keinen Kontakt mehr zu Ko Lute und Defcon hatten, waren wir dermaßen von den Gerüchten angepisst, das wir beschlossen haben, mit Ohne Warnung den ersten deutschsprachigen Diss-Track aufzunehmen. Interessant ist, das Ko Lute und Defcon nahezu gleichzeitig den Track Von Zeile zu Zeile aufgenommen haben, der thematisch in eine ähnliche Richtung geht.

Wenn ich euch beim Auflegen gesehen habe, dann habt ihr meistens die Electro-Funk- und Oldschool-Sachen ausgepackt. Gibt es deutsche Nachwuchs-Emcees, die ihr selbst abfeiert? Was ist z.B. mit Huss & Hodn, die auch aus Köln kommen?

Rick Ski: Talentierte Leute gibt es an vielen Orten, und Köln hat im deutschen HipHop schon immer eine wichtige Heimat gehabt. Da viele Medienkonzerne und deren Infrastruktur aufgrund der neuen/alten Hauptstadt Berlin nun dorthin umgesiedelt sind, hat sich auch die mediale Aufmerksamkeit verlagert. Das ist der Lauf der Dinge in einer Gesellschaft wie der unseren. Die Medien spiegeln ja nicht unbedingt die Realität wieder. Früher waren nicht alle Kölner Rap-Gruppen das Nonplusultra und genauso sieht das nun für Berlin aus.

Future Rock: HipHop-Musik in Deutschland ist leider sehr zum „Street Rap“ mutiert. Wir spielen in unseren Sets einen sehr weite musikalische Bandbreite. Da gibt es genauso rare Funk- und Breakbeat-Scheiben, Old School Rap, Electro und auch deutschsprachigen Rap. Crews wie Huss & Hodn gehen musikalisch wieder in die interessantere Richtung, was das Publikum auch honoriert. Was der HipHop in Deutschland jedoch wieder braucht, sind Inhalte und musikalisch innovative Produktionen. Und genau das höre ich auch von vielen Heads.

Andreas Margara (16. April 2008)

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