The Roots (Alte Feuerwache in Mannheim)

The+Roots

Wenn Tourplakate einer Band wie The Roots die Schaufenster der Innenstadt schmücken, dann trifft der unrasierte Alternative auch schon mal auf einen 45-jährigen Versicherungsvertreter, der sich zum Feierabendbier ab und zu auch mal eine Rick James LP aus seiner eingestaubten Plattensammlung auflegt. Und Menschen, die Rapmusik hören, sieht man noch dazu. Game Theory heißt das noch relativ neue Album der legendären Roots Crew und ist der Grund dafür, dass sich ?uestlove und Black Thought zusammen mit ihren Musikern mal wieder auf ausgedehnte Tour begaben.

Zum Auftakt des Konzerts in der Alten Feuerwache in Mannheim durfte man den Klängen der Gym Class Heroes aus Geneva in New York lauschen. Durch ihren Charthit Cupid’s Chokehold genießen die Indie-Hopper in den Staaten bereits Überflieger-Status. Durchgesamplet von Supertramp über die Beach Boys (Good Vibrations) bis hin zu Jermaine Stewart (We Dont Have To Take Our Clothes Off), lässt sich ihr Sound am besten als „College Alternative“ spezifizieren, der sich optimal dazu eignet, um vor dem eigentlichen Roots Auftritt an der kleinen Bar für alkoholhaltige Erfrischungsgetränke anzustehen. Schade nur, dass in der Pause zwischen den Acts dazu noch mehr als ausreichend Zeit hat – die Umbauphase dauert etwas zu lang.

Einige Kaltgetränke später erscheint Black Thought dann doch noch auf der Bühne, um seine Band gebührend zu „introducen“. Mit eingeschränktem Sichtfeld für die meisten der Besucher (aufgrund der breiten Säulen und der etwas schmalen Bühne), geht’s dann mit dem Titel Star vom Album The Tipping Point richtig los. Die konsequent unrasierte Roots Crew ist in Toppform. Zwar treten sie ohne Rahzel, Martin Luther und Scratch an, dafür haben sie diesmal Tuba Gooding jr. am überdimensionalen Sousaphon mit im Gepäck. Wenn die Jungs der Vorband Gym Class Heroes schon unter Beweis gestellt haben, dass sie fleißig an ihren selbst gespielten Instrumenten üben, wird das Ganze hier noch mal getoppt. Die revolutionäre Idee von Stetsasonic, die Instrumente bei Rap-Konzerten live zu spielen, wird hier in Perfektion praktiziert. Jazz, Rock und Funk verschmelzen und harmonieren zu einem geballten Instrumentalbaustein, den Black Thought mit intelligenten Reimen lässig versetzt. Organischer HipHop vom allerfeinsten. Proceed und Mellow My Man sind die nächsten Tracks. Ein gemischter Soundsalat von allen Alben wird durchgeschleudert und frisch serviert.

roots-9643Für gewöhnlich bekommt bei einem Roots Konzert jedes Bandmitglied die Gelegenheit, sich ausgiebig durch Soli hervorzuheben. So auch diesmal: Bassmann Hub darf zuerst. Die Tonleitern beherrscht er – um nach seiner ausführlichen Demonstration zu urteilen – genauso gut wie das balancierte Zerkauen seines wood-sticks im letzten Eck seines Mundwinkels. Danachthematisiert BT den Albumtitel HipHop Is Dead von Nas und ist dabei alles andere als d’accord. Im Gegenteil: mit der instrumentalen Coverversion von Nas’ The Message und der mit In A Gadda Da Vida-Sample bestückten Singleauskopplung HipHop Is Dead leiten die Roots ihr übliches HipHop-101-Tribute-Medley ein; und das mit äußerst vitaler Wirkung. Talib Kweli, Biz Markie, Sugahill Gang, ODB und Snoop sind diesmal die auserwählten Originale. Als letztes geht Afrika Bambaataa’s Planet Rock in Salt-N-Pepa’s Push It über, bevor ?uest mit seiner kritischen Ansprache über die amerikanischen Militärinterventionen einen Bruch ins Set bringt. Was folgt ist grandios, hat aber mit HipHop-Musik nicht mehr viel zu tun: ein Bob Dylan-Tribute in For m eines viertelstündigen Covers des Meisterwerkes Masters of War, das den Vietnam-Krieg kritisch thematisierte. Kirk Douglas besticht dabei mit Gitarren-Riffs ähnlich Jimmy Page und singt sich wie Ian Gillan bei Child In Timein zunehmende Ekstase. Ein Kompliment geht dabei auch an die eigenen Licht- und Soundmänner der Roots, die exzellent auf die Show abgestimmt sind.

Vorstellen braucht sich der Mann mit dem Afro nicht mehr: ?uestlove ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des HipHop und stellt dennoch seine Skills an der Schießbude zur Schau. Beeindruckend. Rapmusik wird schließlich auch noch gespielt: der Welthit You Got Me ist nämlich der nächste Track. Dabei kehrt Captain Kirk seine sanftere Soulseite nach außen. Mit In The Music setzt sich die Show fort, um mit Jungle Boogie in das nächste Cover zu münden. Zur Belohnung bekommen die Quadratestädter mit The Seed und Next Movement noch ein rundes Ende beschert. In einer größeren Location – oder zumindest mit etwas weniger Besuchern – wäre das „Phänomen Roots“ sicher noch weitaus besser zur Geltung gekommen. Dennoch: Hut ab (oder Kamm aus dem Afro?) für diese Power-Leistung der Illadelpher.

Andreas Margara (13. Juli 2007)

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