KRS One & Marley Marl: „Hip Hop Lives“

KRSNachdem Punk und Rock’n’Roll schon desöfteren beerdigt wurden, erklärt Nas den HipHop nun in 2007 auch endlich mal für gestorben. Mit seinem neuen Album Hip Hop Is Dead artikuliert er seine Unzufriedenheit über die kommerzielle Entwicklung von Rap, der zunehmend vom dreckigen Crunk-Monster aus dem Plattitüden-Süden gefressen wird. Einspruch erheben dabei noch im selben Jahr die Oldschool Heavy-Weights KRS One und Marley Marl in Form des Longplayers Hip Hop Lives (Koch). Ein geschichtsträchtiges Joint Venture, denn damit legen der Emcee aus South Bronx und der Produzent aus Queens nach mehr als 20 Jahren den legendärsten Diss-Streit der HipHop Historie endgültig bei, um HipHop’s Herzschlag wieder gemeinsam nach lebhaften Boom Bap Beats erklingen zu lassen.

Seit Anfang der 1980er Jahre stritten sich beide Parteien um den genauen Geburtsort von HipHop, wobei eine umfangreiche Fehde mit diversen Beteiligten losbrach. „Cold Chillin’ Records“-Initiator Marley Marl und sein Cousin MC Shan repräsentierten mit The Bridge ihren Hood Queensbridge, wohingegen KRS One und sein Boogie Down Productions-Partner Scott La Rock an South Bronx als Ursprung festhielten. Auf Diss-Tracks folgten immer wieder neue Antwort-Tracks und so mischten sich auf Seiten von Queens unter anderem noch Craig G, Mr.Magic und Roxanne Shante als Vertreter der Juice Crew, sowie Poet von Screwball ein. South Bronx erhielt Unterstützung von Cool C, DJ Red Alert und seiner gesamten Radiostation. Erst 1987, nach Scott La Rock’s frühem Tod, ließen die verbalen Reimattacken nach und die Neighbourhood-Anfeindung beruhigte sich allmählich.

Nach Kollabos mit fast allen einflussreichen US-Rapgrößen arbeitete Superproducer Marley Marl (Marlon Williams) für Hip Hop Lives nun erstmals mit Blastmaster KRS One (Lawrence Parker) zusammen. Getreu dem Motto Knowledge Reigns Supreme Over Nearly Everybody führt der Teacher am Mic etwa eine Schulstunde lang durch die Geschichte von HipHop. Unterlegt ist das Ganze mit Marley’s urtypischen Punshbeats. Die Singleauskopplung Hip Hop Lives, zu der es auch schon ein sehenswertes Video gibt, bildet den explosiv-brachialen Auftakt des Albums, markiert aber leider schon den Höhepunkt.

Nothing New ist ein klassischer Industrie-Diss, der gegen alt hergebrachte Schemata schießt. I Was There, ein beeindruckender und gleichzeitig hochnäsiger Querschnitt aus KRS persönlichem Beitrag zur HipHop-Kultur. Die Tracks gehen ungemein nach vorne, Kris Hardcore Rhymes schmiegen sich punktgenau auf die massiven Marley Bass-Beats. Ein Soundgewitter bei dem die Funken sprühen. Dennoch ertappt man sich beim durchhören immer wieder beim weiter-skippen, da man sich einfach noch eine letzte Steigerung des Dreamteams erhofft. Wo hat sich nur der neue, ultimative Marley Beat versteckt? Die Produktionen mit den durchaus schon bekannten und stellenweise wenig innovativen Samples sind allerhöchstens Anwärter darauf. So ist es ganz Marley überlassen, wenn er sich beispielsweise bei Musika selbst re-samplet (Lords of the Underground Funky Child). Dessen ungeachtet schaffen es die Beiden locker, allerfeinsten Oldschool-Flair zu erzeugen und diesen als roten Faden über das Album zu spannen – auch wenn sie sich selbst mehr als Vertreter aller Schulen sehen (13. All Skool). Für Victory gibt es Verstärkung von DJ Premier und Blaq Poet, ansonsten gastiert noch Chief Rocker Busy Bee auf der Scheibe.

Hip Hop Lives bleibt nicht nur eine lose Aussage, sondern wird auch praktisch manifestiert. Fake-Emcees bekommen hier mit konventionellen Mitteln eine Lehrstunde vom Teacher, der ihnen eine klare Abmahnung erteilt. KRS One und Marley Marl zusammen auf einem Album ist ein deutliches Zeichen dafür, dass HipHop am Leben ist. Ob Nas jetzt allerdings wieder besser schlafen kann bleibt die andere Frage, denn musikalisch werden hier keine neuen Maßstäbe gesetzt. Ironischerweise musste Marley übrigens vor zwei Wochen mit Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Andreas Margara (22. Juni 2007)

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