The Roots (Schlachthof in Wiesbaden)

roots_large060303The Roots stehen für organischen HipHop direkt aus Philadelphia, USA. Pünktlich zum Albumrelease von „Game Theory“ Mitte 2006 stand deshalb erstmals seit langem wieder eine gemeinsame Tour der Crew an. Vier mal waren die Musiker um ?uestlove und Black Thought auch in Deutschland zu sehen.

Im Jahr 1987 begannen die beiden Kunsthochschüler Tariq Trotter und Ahmir Khalib Thompson mit den ihnen damals nur gering verfügbaren Mitteln Musik zu improvisieren, indem Tariq zu den Rhythmen Ahmirs geliehener Jazz Drums reimte. Ungeahnt, dass Black Thought und ?uestlove – wie sie sich fortan nennen – unter dem Namen Square Roots den Grundstein für die heute weltbekannte Band The Roots legen. DJ Scratch, Leonard „Hub“ Hubbard am Bass, Keyboarder Kamal, Percussionist Frank Knuckles, Captain Kirk an der Gitarre und der soulige Gesang von Martin Luther komplettierten diese mannigfaltige Band nach und nach, wodurch die einmalige organische Soundstruktur Formen annahm. Nie zuvor war ein derart lebendiger Klang im Bereich Rhythm and Poetry ertönt. Originell, frisch und innovativ ließen The Roots fortan Funk, Jazz und Rock zu handgemachtem HipHop verschmelzen. Gleich mit den ersten Long Playern „Organix“ (1993) und „Do You Want More?!!!??!“ (1994) weckten sie das Interesse der Musikwelt und spätestens mit ihrem 1999er Album „Things Fall Apart“, mit der Welthit Auskopplung You Got Me, machten sie sich unsterblich bei einem breiten Fankreis. Doch trotz der Studioerfolge geht nichts über ein Live-Konzert der Legendary Roots Crew.

Die Berliner Underground Formation Data MC, die sich neben Walera Goodman und San Gabriel aus dem Ex-Walkin’ Large Frontmann Ono zusammensetzt, starteten den Abend im Wiesbadener Schlachthof. Pulsierende elektro-Bretter und knirschende Basslines sind ihr Aushängeschild, womit sie das Publikum zwar ansatzweise für sich gewinnen konnten, aber als Anheizer für eine Band wie The Roots scheiterten und leider nur auf etwa lauwarm temperieren konnten.

Die Bandleader ?uestove und Black Thought betraten als erste der Roots-Crew die Bühnenfläche und zeigten von Anfang an höchste Bereitschaft die Menge zu begeistern. Mit Web und Game Theory eröffneten sie das Set. Allmählich setzten auch Kamal, Hub, Captain Kirk und Knuckles ins Spiel ein. Der Soundmann schien es heute besonders gut zu meinen und überdrehte das Volume auf bedenklichen Trommelfellpegel. Emcee Black Thought, der tief ins Schmuckkästchen gegriffen hatte und mit unübersehbarer Glitzeruhr plus Diamantenkette dekoriert war, artikulierte sich mit viel Genuschel eher kryptisch und verbarg sich zu anfangs noch hinter dem breiten Dunkel seiner Sonnenbrille im Retro-Stil. Ansonsten waren die Roots-Mitglieder von einer gewohnt urbanen Aura umgeben. Der erkältungsbedingt angeschlagene Drummer ?uest präsentierte sich in voller Afro-Haarpracht und auch Hub erschien mit angekautem Holzstängelchen in der äußersten Ecke seines Mundwinkels. Für den melodiösen Gesang war Kirk zuständig, den er gleich beim ersten Hit Star zum Besten gab. Bekannt sind The Roots auch dafür, dass sie Live allzu gerne kreative Abwandlungen von bekannten Tracks vorstellen. Fire It Up von Busta Rhymes war diesmal eine davon, die das Publikum immer mehr in Wallung brachte. Long Time war das nächste Roots-Stück, gefolgt von Baby vom neuen Album „Game Theory“. Organic HipHop vom allerfeinsten, der zwischenzeitlich auch Platz für diverse Soli der Musiker bot und in eine regelrechte Jam Session mündete. Bassmann Hub durfte beginnen und zupfte sich am Bass in Ekstase und brachte mit den verzerrten Klängen die Trommelfelle endgültig zum bersten.

bigAnschließend ging’s weiter mit den Stücken In The Music, Stay Cool und Mellow My Man. Der Fokus lag also nicht auf den neuen Sachen, sondern die ganze Bandbreite aus 13 Jahren wurde gespielt. Instrumentaler Höhepunkt dann das Schlagzeug Solo von ?uestlove, an dem sich später auch Knuckles mit Percussion Begleitung beteiligte. Die angenehme Jam-Atmosphäre auf der Bühne wurde stets getragen von der gehörig mitgroovenden Crowd, die danach mit den Roots Klassikern You got me, The Next Movement und The Seed belohnt wurde. Der dazugehörige Chorusgesang, der von Platte eigentlich mit den Soulorganen einer Erykah Badu oder eines Cody ChesnuTT erklingt, wurde dabei wieder von Captain Kirk übernommen, der seine Sache nicht schlecht machte.

Überhaupt erklang rein gar nichts wie man es von der heimischen Anlage her kennt. Mit einer Abwandlung des RamJam Rockklassikers Black Betty und Shake Rattle And Roll-Rockabilly leitete Black Thought dann das Ende des Auftritts ein, der allerdings nach lang anhaltendem Soul Clap des restlos begeisterten Publikums in das übliche 45-Minuten-HipHop-101-Tribute-Medley überging. Angefangen bei Rapper’s Delight über Salt’n’Pepa und Michael Jackson-Hits, bis hin zu LL Cool J’s I Need Love, Talib Kweli’s Get By oder Kanye’s Gold Digger war alles dabei. Keyboarder Kamal, der dabei mit seinen Klassik und Jazz-Breaks besonders hervorstach, stellte dann als letzter Solist des Abends seine musikalischen Skills zur Schau. Als Finale schmissen die Roots dann noch so ungefähr alles was nicht festgeschraubt war in die Menge, so dass fast jeder aus dem Publikum mit einem gefangenen Mitbringsel die Heimfahrt antreten konnte.

Auch wenn The Roots mittlerweile bei Jay-Z’s glitzerndem Def Jam Label gesignt sind, stellten sie heute einmal mehr unter Beweis, dass ihnen völlig zu Recht der Titel „Bester Live-Act im HipHop“ gebührt. Gerade durch ihre sympathische Art und Standhaftigkeit in Sachen Kreativität und organischen Rap-Roots. Extrem sehenswert What They Do.

Andreas Margara (28. November 2006)

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