Zensur für französische Rapper?

pho_b17Als Konsequenz aus den Banlieue-Ausschreitungen trifft die französische Regierung nun diverse politische Maßnahmen. Neben Verschärfungen in der Einwanderungspolitik werden im Parlament von rechter Seite zunehmend Textverbote für französische Rapper gefordert, die wegen ihrer Gewaltaufrufe mitverantwortlich für die Aufstände gemacht werden.

Kurz nach dem Abklingen der Pariser Vorortkrawalle antwortet die französische Regierung mit einer Reihe einschneidender Gesetzesverschärfungen. Im Mittelpunkt der Diskussion steht wieder einmal Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy, der im Parlament lautstark für eine „selektive Einwanderung“ wirbt. Neuerungen in der französischen Einwanderungs- und Integrationspolitik beziehen sich unter anderem auch auf verschärfte Bedingungen in der Familienzusammenführung, Aufstockung der Abschiebungen und in Frankreich nicht automatisch anerkannter Eheschließungen im Ausland.

Als weiterer Teil des von Premierminister Dominique de Villepin geforderten „republikanischen Rucks“ wird nun von konservativer Seite ein Textverbot für sieben französische Rapper gefordert. Diese hätten mit ihren Lyrics maßgeblichen Einfluss auf die schweren Unruhen in den Banlieues ausgeübt und offen zur Gewalt aufgerufen, so François Grosdidier von der Regierungspartei UMP.

Neben Rapper Monsieur R, der sich mit seinem kritischen Track namens FranSSe (in dem er Frankreich als Schlampe bezichtigt und auch zu einer dementsprechenden Behandlung aufruft) bereits einen Platz auf dem Index sicherte, fordert die rechte Flanke des Parlaments mit einer Petition nun ein Verbot für sechs weitere Gruppen und Einzelkünstler. Betroffen sind Smala, Fabe, Salif, Lunatic, 113 und Ministère Amer. Die meisten der selbstbekennend-provokanten Rapper wuchsen selbst in einem der sozialen Brennpunkte in Paris auf und sind mit der ungleichen Behandlung der Einwanderer bestens vertraut.

La haine
La Haine

Französische Raptexte, die schon seit über zehn Jahren die Tristesse der Vorstädte mit Integrationsproblemen, hoher Arbeitslosigkeit und übertriebener Polizeigewalt artikulieren, sind für viele Betroffene die einzige Möglichkeit ihren Frust auszudrücken. Bekannte Rapcrews wie Suprême NTM, Fonky Family, Disiz la Peste oder Rohff verschafften sich so schon früh in den 1990er Jahren durch ihre harten politischen Texte Gehör. Mit dem sozialkritischen schwarz-weiß Streifen La Haine (auf deutsch: der Hass) wurde die Thematik 1995 sogar schon verfilmt. Alles ohne nachhaltiges Engagement der Regierung.

Den typischen Politiker-Reflex, nach Verbot und Zensur zu rufen, darf man getrost als kurzfristige Beruhigung des aufgebrachten Wahlvolkes werten. Dass insgeheim auch die Politik weiß, dass das in erster Linie Herumdoktern an den Symptomen ist, dürfte dabei jedem klar sein. Stellt sich nur mal wieder die Frage, warum man erst jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, bereit ist, genauer hinzuhören.

Andreas Margara (30. November 2005)

Supreme NTM – That’s my people

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