HipHop Kemp 2005 (in Hradec Kralove)

neues_bildfffff_kopieNach ca. acht Stunden Fahrt und zahlreichen Polizeikontrollen war es am 19.August dann endlich soweit: Start des größten europäischen Underground HipHop-Festivals. Als Location für das viete HipHop Kemp und seine knapp 16.000 Besucher diente dieses Jahr ein ehemaliger Militärflugzeugstützpunkt der sowjetischen Streitkräfte, östlich von Prag in Hradec Kralove, inmitten einer naturbelassenen Landschaft mit großem Badesee.

Das HipHop Kemp zeichnet sich vor allem durch seine äußerst fairen Preise und ein dennoch atemberaubendes Line-up aus. So bekam man dieses Jahr für gerade mal 28 Euro Eintritt plus 1,60 Euro Campingplatzgebühr neben zahlreichen tschechischen Acts keine geringeren internationalen Aktivisten als Dendemann, DJ Mirko Machine, Lordz of Fitness, Galla, DJ Vadim & One Self, Foreign Beggars, DJ Static & Nat Ill und sogar US-Größen wie Masta Ace, Last Emperor und Inspectah Deck vom Wu-Tang Clan zu sehen.

Da das HHK kein Geld für teure Anzeigekampagnen in Print, TV und Radio verschwendet, gilt es als Pendant zum etwas kommerzielleren Splash-Festival in Deustchland. Tschechien als Austragungsort punktet des weiteren mit seiner bisher von aggressivem Kommerz-Gangsterrap verschonten HipHop Szene, die für einen friedlichen real HipHop Vibe sorgt. Das Airport Festivalgelände, das neben diversen Essensbuden durch Dumping-Bierpreise (90 Cent für 0,5 l !) zu überzeugen wusste, war diesmal in verschiedene Hangars, einen Skate Park, Streetball Court, Chillout Area, Kartbahn, Kino, Wasserfußball, Breakdance Stage und natürlich einer riesigen Main Stage gegliedert.

Erster richtiger Höhepunkt Freitags auf der Main Stage waren Bow Wave aus Tschechien, die das Publikum zu diggen wussten, auch wenn sich meine Ohren erst noch an den ungewohnten tschechischen Sprechgesang herantasten mussten. Mit der Kaleidoskop Clique um Blumentopf, Texta und Total Chaos gings dann gleich schweißtreibend weiter, auch wenn der Ausfall von zwei Mikrofonen und einer Box kompensiert werden mussten. Nach dem etwas enttäuschenden Skinnyman löste ein Highlight das nächste ab. DJ Vadim und seine One Selfer „terrorisierten“ gekonnt die Crowd und DJ Static aus Dänemark harmonierte mit Nat Ill, um eine der besten Live-Shows des diesjährigen Kemps zu präsentieren. Zum krönenden Abschluss des Abends übernahm Rapper Inspectah Deck aus Long Island NY das Mic um zahlreiche Wu-Tang Klassiker als Andenken an den kürzlich verstorbenen Ol’Dirty Bastard zu performen.

Während die Sonne dem Wetterbericht am Samstagmorgen immer noch frech trotzte, gings auf der Hauptbühne gegen Nachmittag wieder mit den ersten sehenswerten Auftritten los. Die legendäre Oldschool Formation Zombie Squad aus den Niederlanden legte vor. Der Kölner Emcee Lenny versuchte vor relativ kleinem Publikum nachzulegen und zeigte sich mit FC Köln Fahne lokalpatriotisch. Dendemann und DJ Mirko Machine konnten sich da über weitaus größere Menschenmengen erfreuen, die sie dann auch mit einer gekonnten Live-Show verwöhnten, an deren Spitze Mirko das Mic und Dende die 1, 2’s übernahm. Am stark anwachsenden Anteil von Tschechen in der Crowd konnte man dann schon die große Popularität des darauffolgenden Acts Praga Union erahnen, die in Tschechien Kultstatus genießen. Als nächstes glänzten die Foreign Beggars auf der Bühne und ebneten besonders durch die Beatboxeinlagen von Shlomo a.k.a. „Human Beatbox Extraordinaire“ den Weg für den Meister. Masta Ace, der mich anfangs noch durch die Eigenart seiner Live-Stimme verwirrte, fesselte mich dann doch recht schnell und überzeugte durch reichlich Action auf der Stage, unterstützt von Wordsworth’s sensationellen Freestyles. Ausgereifte Acapellas und viele Tracks vom „A Long Hot Summer“ Long Player der Brooklyn Oldschool Legende sorgten für hervorragende Stimmung bei einem seiner wohl letzten Auftritte in Europa. Die Party schien an diesem Abend keinen Abriss zu nehmen, als unter anderem die Deejays Mirko Machine, Sepalot, Werd und Sprinta komplett Oberkörperfrei im Sir Benni Miles Hangar die Plattenteller bis um 6 Uhr drehen ließen.

Sonntag Morgens zog es dann viele verkaterte Camper an die beiden umliegenden Seen um sich im angenehm kühlen Nass zu erfrischen. Wohlmöglich auch nur um den schlechten sanitären Anlagen auszuweichen, die ein klarer Kritikpunkt am Kemp sind. Große Enttäuschung dann, als der Line-up Ausfall von Non Phixion bekannt wird. So stehen nur noch wenig sehenswerte Acts an diesem Tag auf dem Plan. Als dann auch noch der Regen einsetzt, scheint das Unglück perfekt. Doch Da Germs Auftritt mit Galla von der Ruhrpott AG gegen Nachmittag schaffte Abhilfe. Beide zeigten sich beeindruckt von der friedlichen Atmosphäre des Festivals, das zu Recht unter dem Zeichen „Love and Peace“ stand. Es folgten weitere tschechische und auch polnische Artists, die für unerprobtes Gehör leider schwer zu unterscheiden waren, aber dennoch einen gewissen Reimflow spüren ließen. Headliner des Abends wurde dann schließlich Last Emperor, der mich an diesem Abend lyrisch allerdings nicht erobern konnte. Lichtblick der mittelmäßigen Performance war der deutsche Emcee Geronimo, von dem der Support kam. Letzte Anlaufstelle waren dann wieder die altbewährten Hangars, in denen bis in die späte Frühe Live-Deejays oder die überwiegend tschechischen B-Boys zu bestaunen waren.

Erst kurz vor der Abreise entdeckte ich die 100 m Graffiti Wall. Diese war beim Festival etwas in den Hintergrund geraten, da man sich zum Sprühen anmelden musste und keine Dosen gestellt bekam.

Trotz der enormen Sprachbarrieren mit den Tschechen und auch den vielen Tschechinnen kann man wohl sagen, dass eine gewisse Art universellen Underground HipHop Flavours aufkam. Leider mittlerweile unvorstellbar in den USA, Frankreich und auch in Deutschland, wo die Szene von aggressiven und kommerziellen Rap-Crews dominiert wird. Solange in etwa das Niveau des Line-ups gehalten wird, die angenehme Atmosphäre bestehen bleibt und die Piwo Preise nicht drastisch erhöht werden, kann sich das HipHop Kempski mit mir auf einen Dauercamper für die nächsten Jahre einstellen.

Andreas Margara (26. August 2005)

Ein Kommentar

  1. Pingback: Rest in Love, Galla « Blog Party

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