Toni der Assi kennt man in Deutschland als den Staatsfeind. Weniger bekannt ist hingegen, dass er schon früh in der HipHop-Szene involviert war, selbst als Graffiti-Artist unterwegs war und als „Toni Toon“ u.a. bei den Mannheimer Unique Wizzards gebreakt hat. Zum Tod von „Freeze La Roc“ aus seiner früheren Tanz-Crew hat uns Toni ein paar Fragen beantwortet.
Als B-Boy und Writer hast du schon zur Pionierzeit von HipHop in Deutschland angefangen…
Toni: Also ja, ich bin ein Pionier und hab HipHop in Deutschland mit geprägt. Früher am meisten als B-Boy in den Gruppen Unique Wizzards (Mannheim), Rocking Till Death (Offenburg), Seven Gems (New York) und Footwork Mafia (Mannheim). Wir haben den klassischen Original B-Boy Style gelebt und waren für unsere Qualität als Tänzer bekannt. Ich war der einzige aus Deutschland, der mit Ken Swift (Rock Steady Crew) in einer Crew war. HipHop kenne ich besser als so mancher der Redakteure, die einen Stock im Arsch haben und mir vorhalten ich polarisiere mit meiner Musik. Dann berichten sie trotzdem über Public Enemy oder Eminem, die sich auch wegen dem Vorwurf homophobe Texte zu haben rechtfertigen müssen…
Meine Musik ist eben staatsfeindlich aber spiegelt die Gesellschaft wider. HipHop war schon immer Botschaft für die Probleme der Unterschicht und eine Kunstform, die eine Message hat und gewisse Sachen ausdrückt. Früher haben sie ja auch auf Züge gemalt: „Stop the War“ oder „Fuck Bush“. Ich sag halt: „Merkel du Hurensohn“ (lacht)
Mit Freeze La Roc ist vorgestern eine Tanzlegende aus Mannheim/Ludwigshafen gestorben, Welchen Einfluss hatte er auf dich persönlich und wie würdest du den Kids von heute erklären welche Bedeutung er für B-Boying in Deutschland hatte?
Toni: Freeze war mein großer Bruder und ich kannte ihn mit als erster von den ganzen Leuten. Ich habe ihn 1991 in Hassloch kennen gelernt mit Spider, Yalcin, Steve und noch anderen Leuten. Er war ein Original B-Boy. Top-trainiert, Sportler, Musikliebhaber – Funk, Electro, Soul und solche Sachen… Mit mir als Jüngstem haben wir damals als Gruppe zusammen angefangen. Ich war sehr stolz mit dabei zu sein und später kamen dann noch weitere Jungs dazu. Wir haben alles gewonnen, was man an Battles und Contests gewinnen konnte. Freeze und James waren bekannt für ihr Poplocking und Boogie Sachen. Wir hatten schon Gruppen-Choreos, als andere längst noch keinen Plan hatten. Freeze hat mir viel beigebracht und mich von anderen Sachen abgehalten…
Er war ein Original in der Scene und wird eine Legende bleiben. Ich trauer aus tiefstem Herzen und erinnere mich gern an diese Zeit, als HipHop noch Familie bedeutete und nicht so kommerziell war!
Freeze La Roc (Tribute zusammengestellt von Rick Ski, Music by MC T-Rock)
Wie ist heute dein Kontakt zu den anderen Unique Wizzards?
Toni: Hmmm, ich habe keinen Kontakt mehr mit den Unique Wizzards. Jeder hat sich verändert. Viele sind weg – andere noch da. Wenn man sich sieht begrüßt man sich natürlich, aber der Alltag und das erwachsen werden hat uns verändert. Auch das gemeinsame aus unseren B-Boy Zeiten. Alles hat sich verändert. Heute sehen B-Boys aus wie H&M-Models oder Skatboard-Fahrer. Ich erinner mich noch, wie Freeze und ich nach Karlsruhe mit dem Zug sind, nur um fette Schnürsenkel für unsere neuen Superstars zu kaufen… B-Boy Steve hatte einen weißen Adidas-Anzug und hat ausgesehen wie der weiße Blitz im Circle – das war alles noch phänomenal….
Cora E – Schlüsselkind (neben den Stiebers tanzt u.a. auch Freeze im Hintergrund!)
Wird es vielleicht ein Tribute-Jam für Freeze in Mannheim geben?
Toni: Ich bin nicht so der Typ, der in der Öffentlichkeit trauern muss mit rotem Teppich und Bühne. Ich bin gerne dabei, doch nehm ich eher Abschied auf ganz private Art, indem ich Freeze besuchen werde und dort meine Tränen lassen werde. Ich brauch kein Showlaufen und wünsche mir, dass möglichst viele Leute zur Beerdigung kommen. Jeder sollte einfach so reagieren wie sein Herz fühlt. Freeze soll ewig als großer Bruder und Mentor der B-Boy Szene in unseren Herzen bleiben. Er wird niemals in Vergessenheit geraten, dafür sind wir da, um Tribut zu zollen. Sei es im Rap, Graffiti oder Breakdance. Es wird immer wieder irgendwo auftauchen in den Worten: „REST IN PEACE BIG BROTHER FREEZE“
Weitere Infos über Fritz Gruber aka Freeze La Roc gibt es auf der Seite der Unique Wizzards
Dass zwei gestandene Rap-Produzenten wie Oh No und The Alchemist unter dem Namen „Gangrene“ gemeinsame Sache machen, erinnert geradezu zwangsweise an „Jaylib“ – das legendäre Gipfeltreffen der beiden Beat-Masterminds des HipHop: Jay Dee und Madlib. Obwohl die Messlatte für Al und Oh damit ungemein hoch liegt, erscheint mit „Vodka & Ayahuasca“ bereits das zweite gemeinsame Album.
Gangrene (auf Deutsch „Wundbrand“) ist eine Krankheit, bei der sich das Gewebe allmählich zersetzt und die Extremitäten verwesen. Makaber, dass zwei der begnadetsten HipHop-Produzenten aus den USA ihre Kollaboration ausgerechnet als Verwesungspest bezeichnen. Womöglich wollen die gefragten Beatbastler Alchemist, der seines Zeichens Tour-DJ von Eminem und Jay-Z ist, und Madlib’s kongenialer Bruder Oh No damit jedoch einfach nur unterstreichen, dass es bei ihrer Klasse überhaupt keine Rolle spielt welchen Titel das Schaffenswerk trägt. Nachdem 2010 das gemeinsame Albumdebüt Gutter Water erschien, legen Al und Oh mit Vodka & Ayahuasca im Januar 2012 bereits den 14 Titel starken Nachfolger vor. Schon das psychedelisch gestaltete Cover mit dem Verweis auf die Kombination aus russischem Rauschmittel und dem Halluzinogen Ayahuasca lassen erahnen, dass das kalifornische Duo zu einem Trip in extraterrestrische Soundsphären einlädt.
Mit Kool G Rap wagt sich als erster Gastrapper ein New Yorker Oldschool-Veteran in die derangierte Beat-Arena, um sich eindringliche fünf Minuten durch das konfus-klirrende ArrangementGladiator Shit zu reimen. Ein beeindruckender Start, der Lust auf mehr macht. Organische Samples, insbesondere von E-Gitarren und klimperndem Piano, beleben die quirligen Produktionen und kreieren eine brechende Dynamik, die durch quer unterlegte Cuts und Scratches erzeugt wird. Das weiß zu gefallen. Nach mehreren Tracks am Stück scheitern die Ohren allerdings an Reizüberflutung im psychedelischen Fluss an Innovation, mit der sich Alchemist und Oh No zu übertreffen versuchen. Die Beats sind im großen Ganzen überladen, so dass Vodka & Ayahuasca ständig auf dem schmalen Grat zwischen Genialität und purem Wahnsinn taumelt. Neben den meist mediokren Rap-Parts von Oh No und Alchemist, sorgt Prodigyvon Mobb Deep auf dem guten Track Dump Truck für willkommene Abwechslung. Roc Marcianohat auf dem doch sehr gewöhnungsbedürftigen Klangteppich Drink Up kaum Gelegenheit gegen die sirenenartige Gitarre anzukommen. Weitere bekannte Gesichter auf der Scheibe sind die befreundeten Roc C und Evidence, die ebenfalls von der Westküste stammen.
Für eingefleischte Fans des dreckigen und ungefilterten Sounds von The Alchemist und Oh No kann Vodka & Ayahuasca durchaus eine berauschende Wirkung entfalten. Alle unerprobten Hörer, besonders die ohne strapazierfähiges Nervenkostüm, sollten lieber die Finger von dem psychedelischen Rauschmittel lassen und sich bei Interesse zunächst auf alternative Einstiegsdrogen konzentrieren.
Sommer 2011. Als DJ Rhettmatic von den world famous Beat Junkies mit seiner Crew The Do Over (Los Angeles) durch die Philippinen tourt, nehmen sie inspiriert von den Eindrücken ihres Trips die Do-Over ManiLA EP auf. Das hörenswerte Ergebnis der Reise gibt es hier als kostenlosen Soundcloud-Stream.
Wer schon immer mal wissen wollte wie sich der Wu-Tang Clan auf weiblich anhört, hat jetzt die Möglichkeit den neun Wuchtbrummen aus Shaolin – Lady Wu-Tang – Gehör zu schenken. Alle gut bestückt die Damen und auch in Sachen Flow stehen sie RZA, GZA und Konsorten (fast) in nichts nach… Wu-Tang Clan ain’t nuthin ta fukk wit
Halbstündiger Film (neben Berlin und Granada u.a. in Mannheim und Heidelberg gedreht) zum neuen Marsimoto Album „Grüner Samt“. Mit Cameos von Torch, Toni-L, Martin Stieber, Pure Doze, D-Flame, Ebony Prince usw…
Im dritten Jahr Blog Party konnte die Besuchermarke von 100.000 erstmals geknackt werden und auch sonst ist so einiges passiert, wie der musikalische Rückblick – der Reimreport 2011 – verrät.
2011: Deutschrap-Revival
Curse hat es 2010 vorgemacht. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums seines Debütalbums „Feuerwasser“, versammelte er einstige Deutschrap-Mitstreiter wie STF, Martin Stieber, Die Firma und Konsorten zu einer riesigen Jam in Köln. Die vier Jungs von DCS hat diese Zusammenkunft sogar derart bewegt, dass sie sich nach mehr als einer Dekade erstmals wieder zusammen setzten, um gemeinsame musikalische Sache zu machen. Das fertige Album, das auf den Namen „Silber“ hört, präsentierten sie uns dieses Jahr mit einer ersten – und sehr viel versprechenden! – vorab-Single: Was du siehst. Erscheinen wird das Album Anfang 2012. Auch DJ Mirko und Spax sind nach jahrelanger Pause wieder gemeinsam als „Die Profis“ unterwegs in der Rapublik, das gleichnamige Album ziert bereits die Ladentheken. Mit Cora E hat auch die Grande Dame des deutschen Sprechgesangs 2011 ein neues Album angekündigt – produziert von Mr.Mar und Def Cut. Neben dem Re-Release der beiden Deutschrap-Klassiker „Fenster zum Hof“ und „Blauer Samt“ markierte das Deutschrap-Highlight 2011 natürlich der 40. Geburtstag von Frederik Hahn aka Torch, der am 30. September mit Gästen wie den Absoluten Beginnern, Max Herre, LSD, MC Rene und La Familia eben mal die ersten beiden Generationen des Deutschen HipHop auf der Bühne der Heidelberger Halle-02 versammelte.
Leider gab es 2011 auch eine Jam im Ruhrpott mit sehr traurigem Anlass: Heinz Michael Galla von RAG/Filo Joes ist am 9. August im Alter von 38 Jahren verstorben. Die letzte Ehre erwiesen ihm u.a. Too Strong, Torch, Aphroe, StieberTwins auf der Memorial Jam am 4. September in Bochum. Erfreulicherweise zeigt sich Gallas RAG-Partner Aphroe immer häufiger auf deutschen Bühnen (meist in Kollaboration mit den Stieber Twins!) und überraschte zum Jahresende mit der eindrucksvollen Hommage an O.C.’s Time’s up (Zeit ist knapp). Den passenden Sound zum Deutschrap-Revival 2011 liefert der Mannheimer DJ Blastar, der 2011 seine gefeierte Deutschrap-Mixtape-Trilogie abgeschlossen hat (kostenloser Download).
Konzerte 2011
Den Auftakt für Rap-Gigs 2011 (über die auf Blog Party dieses Jahr ausführlich berichtet wurde) markierte Parrish Smith‘s Auftritt in Weinheim. Nur vier Monate später trat er dann sogar zusammen mit seinem Partner Erick Sermon in Heidelberg als EPMD auf. Im Karlstorbahnhof in Heidelberg habe ich mir außerdem Arrested Development, Nneka, die Jungle Brothersund Pharoahe Monchangesehen, den ich nach seinem Gig auch noch zum Interview für das HHV-Mag traf. Während der Auftritt von Elzhiim Heidelberger Zieglers fraglos zu den Höhepunkten 2011 gehörte, ist der Funke bei den Lords of the UndergroundundAkua Narunicht ganz übergesprungen wie zu erwarten war. Weitere Konzerte gab es 2011 mit den Lone Catalystsim Cafe Central, Limp Bizkit, Lenny KravitzundRaphael Saadiqin der Mannheimer SAP-Arena, Joy Denalanebeim Jazz und Joy Open-Air-Festival in Worms, T.O.K.im Mannheimer Rude 7, DJ Shadowin der Alten Feuerwache, Sexion d’Assautin der Halle-02, Sadein der Festhalle Frankfurt und einem außergewöhnlichen Gig des Wu-Tang Clanin intimer Atmosphäre in Mannheim.
„You wanne battle? Call my lawyer!“ Telefonieren müssen Rotzlöffel und DJ Lifeforce gar nicht erst groß, denn mit Schivv und Peerbee haben sie gleich zwei praktizierende Anwälte in ihrer Crew. „Silber“ heißt das neue Album von DCS (vormals als Die Coolen Säue bekannt), das Anfang 2012 erscheinen soll. Neben Gästen wie Olli Banjo und Brixx wird u.a. auch Sido beim zweiten Teil von Wie War Das Nochmal auftauchen, wie die bereits veröffentlichte Tracklist von „Silber“ verrät. Als ersten Vorgeschmack gibt es hier das sehenswerte Video zu Was Du Siehst, das übrigens von Lennart Brede aka Lenny (ja, der frühere Rapper) gedreht wurde.
Ein ganz besonders Nugget ist dem Nikolaus hier aus dem Sack gefallen. i.LL Will, seines Zeichens Produzent aus dem früheren Umfeld der Hamburger Mongo Clikke, hat 1998 dieses schmucke Re-Mixtape aufgenommen. Auf der A-Seite versammelt er erlesenen Deutschrap von den Stiebers, Massiven und seinen Eins-Zwo-Homies und arrangiert das ganze neu auf ausgewählte Ami-Beats. Für die B-Seite hat er den Spieß einfach umgedreht und lässt u.a. Big Pun, Rakim oder Camp Lo auf Beats von Thomilla und Walkin Large rappen. Zum krönenden Abschluss gibt es ein kleines Sample Quiz. Unglaubliche 13 Jahre hat das gute Tape mittlerweile auf dem Buckel und klingt dafür umso nostalgischer!
Tracklist (A-Seite):
Stieber Twins – 1x Macco, 2 x Stieber
Dynamite Deluxe – Pures Gift
Total Chaos – WerWasWannWieWo
Massive Töne – Kopfnicker
Eins Zwo – Ich So, er so
5 Sterne Deluxe – 17 + 4
Rakim – I know you got Soul
Camp Lo – Coolie High
Lord Finesse – Shorties Kaught in the System
Street Smarts – Problems
Big Pun – You Ain’t A Killer
Don Scavone - Sketchy Situation
Rare Breaks Sample Quiz